Düringer: "Ich stelle mich nicht zur Wahl"

Roland Düringer
Foto: KURIER/Jeff Mangione .

Der Kabarettist, TV-Moderator und Neo-Politiker im ersten Interview nach seiner Partei-Gründung über "Ab jetzt G!LTs", Buntstifte und Andreas Popp.


Donnerstagabend im 22. Wiener Gemeindebezirk. Neo-Parteigründer Roland Düringer ist wieder auf Tour - mit seinem Kabarettprogramm. In zwei Stunden soll er auf der Bühne des Orpheums stehen. Zeit genug für ein Interview im Backstagebereich, klassisches Setting für jedes Schauspielerinterview eigentlich. Eine Stunde reicht da normalerweise. Fast zwei Stunden und einen nervöser werdenden Tonmann später habe ich noch immer nicht verstanden, was genau Roland Düringer jetzt will. Aber von vorne.

Zuletzt scherzte Roland Düringer darüber, dass er eigentlich einen Männgergesangsverein hätte gründen wollen. Am Ende ist’s "Ab jetzt G!LTs" (GILT) geworden.

Kurier.at: Kunstprojekt, Spaß oder Partei, was ist GILT?

Düringer: Ich war einmal beim Bundesheer, acht Monate lang. Ich habe mir dort alles aufgeschrieben, was passiert ist und habe dann mit dem Fredi Dorfer gemeinsam ein Stück geschrieben, das hat geheißen ‚Atompilz von links‘. Das war unser erstes Kabarettprogramm. Was war das jetzt? Ernst? Ich war ja wirklich im Bundesheer, aber trotzdem war es zugleich mein künstlerisches Projekt.

Sie haben die Satzung bereits beim Innenministerium hinterlegt. Was noch fehlt, ist die Veröffentlichung des Parteistatuts. Das kommt also noch?

Ja natürlich, das muss ja kommen. GILT ist eine von 1050 Parteien in Österreich. Zwölf davon sind in gesetzgebenden Körperschaften vertreten, der Rest nicht. GILT ist nirgendwo vertreten.

Haben Sie vor, bei der nächsten Nationalratswahl zu kandidieren?

Das kann ich nicht sagen. Ich habe jetzt einmal vor, ein Buch zu schreiben. Das heißt 'Meine Stimme gilt', genauso wie das Projekt. Die entscheidende Frage, ob dieses Projekt überhaupt realisiert wird, oder nicht, ist, ob es 2.600 Menschen in diesem Land gibt, die am Gemeindeamt eine Unterstützungserklärung abgeben. Davon hängt’s ab, nicht von mir.

Was genau würde man da dann eigentlich unterstützen? Ein Parteiprogramm gibt es ja nicht.

Nein, es wird auch nie eines geben.

Wieso sollen dann zunächst einmal die 2.600 Menschen für Sie unterschreiben?

Das müssen diese 2.600 entscheiden.

Was wäre ihr Argument? Wie wollen Sie die Leute erreichen?

Ich will beim nächsten Mal in der Wahlkabine ein gutes Gefühl haben.

Ich, der Wähler, oder Ich, Roland Düringer?

Ich, Roland Düringer.

Sie merken schon, es ist schwierig. Da reden offensichtlich zwei Menschen aneinander vorbei. Das Gespräch ist zehn Minuten alt und ich weiß: Roland Düringer will, dass er bei der nächsten Nationalratswahl ein gutes Gefühl hat. Was er mir jetzt erzählt, wird er später auch den rund 200 Leuten erzählen, die an diesem Donnerstagabend ins Orpheum gekommen sind, um sein Programm "Weltfremd" zu sehen.

Düringer: Bei der letzten Wahl 2013 sind meine Frau und ich aufs Gemeindeamt gefahren - also wir sind gegangen, durch den Wald eigentlich -  und dann haben wir mangels Angebot, aber trotzdem von unserem demokratischen Wahlrecht Gebrauch machend, entschieden, weiß zu wählen. Aber nur weiß ist für mich fad und ich bin ja ein lustiger Kerl. Jetzt habe ich einen Filzstift mitgenommen und auf den Stimmzettel raufgeschrieben ‚Ich bin eine gültige Stimme‘. Und dann haben meine Frau und ich darauf gewartet, ob im Fernsehen bei der ersten Hochrechnung dann kommt: ‚Ah, es gab noch zusätzlich zwei gültige Stimmen‘. Das ist aber nicht gekommen. Und dann habe ich mir gedacht, das ist eigentlich schade. Wäre es nicht schön, wenn ich bei der nächsten Nationalratswahl dasselbe machen würde, aber sie müssten dann sagen, es gibt noch ein paar gültige Stimmen.

Was wollen Sie dann mit Ihrem Projekt erreichen?

Noch einmal: Dass ich ein gutes Gefühl haben. Dass es 2.600 Menschen geben könnte, die vielleicht dafür sorgen, dass ich etwas ankreuzen kann. Das ist das einzige Ziel.

Es geht ja nicht nur um Sie. Sie wollen sich ja zur Wahl stellen und müssen hier jemanden überzeugen.

Ich stell mich nicht zur Wahl.

Also Ihre Liste stellt sich zur Wahl.

Nicht einmal das. Es geht nur darum, dass dort etwas steht.

Sie wollen gar nicht gewählt werden?

Ich? Um Gottes willen. Mich wählen? Wozu?

Roland Düringer Foto: KURIER/Jeff Mangione Eine halbe Stunde später, Roland Düringer und ich haben über die Bundespräsidentenwahl gesprochen, über seinen Plan, aus dem "Projekt", wie er GILT nennt, einen Dokumentarfilm zu machen, und darüber, dass dabei auch die Reaktion der Medien eine Rolle spielen wird. Auch dieses Interview soll Teil davon sein, sagt er. GILT sei eben eine vollkommen neue Form der Kommunikation in einem politischen Umfeld.

Angenommen GILT kommt bei der Nationalratswahl ins Parlament, ziehen Sie dann da auch ein?

Nein, der Herr Düringer ist unwählbar. Der Herr Düringer möchte etwas wählen können. Schauen’s mich an – ich bin doch unwählbar. Weil ich mich nicht wählen lasse.

Werden Sie auf der Liste stehen?

Ja, natürlich. Ich bin ja Parteiobmann und Listenerster.

Aber Sie sagen auch, Sie sind unwählbar, weil Sie sich nicht aufstellen lassen?

Ja, weil ich ja zurücktreten werde. Also sollte dieser absurde Fall eintreten, dass wir den Einzug schaffen, trete ich natürlich zurück.

Aha. Vierzig Minuten haben wir jetzt schon gesprochen. Das Interview sollte sich schön langsam dem Ende zuneigen, Düringer muss sich ja auch noch auf sein Kabarett vorbereiten, und wir haben gerade die wichtigsten Punkte geklärt: Düringer will aus den 75 Prozent Wahlbeteiligung 100 Prozent machen, darum geht’s ihm. Die 25 Prozent Weiß- bzw. Nichtwähler, die es bei der letzten Nationalratswahl gegeben hat, sollen anstatt nicht wählen zu gehen bei GILT ihre Stimme hinterlassen. Wofür diese 25 Prozent dann stehen sollen? Düringer geht endlich von seinen Sätzen, die er so später auch im Programm sagen wird, weg.

Düringer: Wenn etwas chronisch krank ist, muss das System von außen einen Input bekommen, damit in dem System etwas passieren kann. Wenn das System starr und fest ist, wird es immer so bleiben, das kann sich nicht mehr erneuern. Ich bin ziemlich sicher, dass sich sowohl die Roten, als auch die Schwarzen nicht mehr erneuern können.

In einem Youtube-Interview haben Sie zuletzt sinngemäß gesagt ‚Wir stehen eh vor einem großen Knall‘. Was meinen Sie damit?

Düringer: Also wichtig ist, dass es keine große Verschwörung gibt. Es gibt niemanden, der irgendwas macht. Das ist einfach Handeln innerhalb eines Systems von Menschen. Der deutsche Investmentbanker Rainer Voss hat mir in der Sendung gesagt, was er aus seiner Sicht, als jemand der das Bankensystem kennt, nicht verstehen kann ist, weshalb sich die gesamte Aufmerksamkeit auf so Dinge wie ‚Wieviele Flüchtlinge können wir noch nehmen?‘, ‚Warum wird die AfD in Deutschland so stark?‘ richtet – das einzige, was die Menschen in Deutschland interessieren müsste, ist: Wie steht die Deutsche Bank da. Weil wenn diese Bank ins Kippen kommt, dann wird’s ernst. Es hat einen Grund, weshalb die Politik die Banken rettet, nämlich um unsere Gesellschaft zu retten. Wenn diese Banken wirklich crashen, dann bedeutet das letztendlich innerhalb kurzer Zeit auch den Zusammenbruch der Infrastruktur, weil das ja alles vernetzt ist. Das ist ja kein Geheimnis. Das war 1929 in Wien auch so.

Jetzt sind wir im Thema. Dass er damit dieselbe Stimmung bedient, weiterpropagiert, die schon die FPÖ groß gemacht hat, sieht Düringer nicht so. Im Gegenteil.

Düringer: Ich kreiere keine Stimmungslage, ich reagiere nur auf sie. Das ist doch ein Unterschied. Nicht weil der Herr Hofer und der Herr Van der Bellen in der Stichwahl stehen, ist unser Land gespalten. Weil unser Land schon gespalten ist, ist es so, dass der Herr Hofer und der Herr Van der Bellen jetzt zur Wahl stehen. Wir dürfen nicht Ursache und Wirkung verwechseln.


Einschub: Düringers Talkshow auf Puls 4

Diesen Interview-Versuch, den Sie hier lesen, hätte es eigentlich gar nicht geben sollen. Nach seiner Ankündigung eine Partei zu gründen, hat Düringer alle Interviewanfragen (insgesamt 27 an der Zahl) ausgeschlagen. In einem kurzen Statement gegenüber der APA zeigte er sich lediglich verwundert darüber, dass es "keine wichtigeren Themen" gäbe, über die die Medien berichten wollen. Auch für den KURIER war Düringer nicht erreichbar. Doch dieses Interview war schon länger geplant.

Roland Düringer Foto: KURIER/Jeff Mangione

Szenenwechsel: In seiner Sendung "Gültige Stimme" lädt Roland Düringer auf Puls 4 seit Mai vergangenen Jahres Talk-Gäste ein, denen er allesamt dieselben vier Fragen stellt:  "Was ist ein gutes Leben? Was läuft falsch? Was braucht es? Wer ist eine gültige Stimme?" Rund 70 Gäste, Politiker wie Michael Spindelegger, Unternehmer wie Heini Staudinger und Journalisten wie Anneliese Rohrer, hat Düringer bereits interviewt.

Und Rüdiger Dahlke, Andreas Popp, Rico Albrecht und Eva Herman.

Vier Leute, die Ihnen vielleicht ad hoc wenig sagen - sie kommen ja auch in keinem anderen TV-Format und nur in wenigen Medienberichten vor. Das kommt nicht von ungefähr. Während ersterer an Lichtnahrung glaubt, sind die letzten drei auf einer Homepage namens Wissensmanufaktur aktiv. Darauf zu finden: Ein Mix aus Verschwörungstheorie, allerlei obskuren Geldreform-Ideen, aber auch Positionen, die sich in Teilen der Linken finden (bedingungsloses Grundeinkommen). Peter Bierl, Journalist und Autor des Buches "Kapitalismuskritik von Rechts" attestiert der Homepage eine neurechte Agenda. Davon zeugt auch die These von der arglistigen Umsiedlung als Erklärung des Flüchtlingsdramas, die derzeit in Deutschland von NPD, AfD, Pegida & Co. vertreten wird. Die "Lügenpresse" ist ohnehin omnipräsent.

Eva Herman veröffentlichte auf Wissensmanufaktur einen Aufsatz, in dem sie postulierte Europa werde "geflutet mit Afrikanern und Orientalen. Unsere alte Kraft, unsere christliche Kultur, Glaube und Tradition, werden zerstört".

Andreas Popp wiederum ist schon als Redner bei der Anti-Zensur-Koalition des Schweizers Ivo Sasek aufgetreten, der auch der Holocaust-Leugnerin Sylvia Stolz eine Plattform geboten hat, und beruft sich in seinen Ausführungen zum "Plan B" auf Gottfried Feder - einen Nazivordenker.

In "Gültige Stimme" war davon keine Rede. Roland Düringer sprach mit Eva Herman über die Vorzüge des Stillens und mit Andreas Popp über seinen "Plan B" für eine neue Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.

Bereits Mitte September wollte ich deshalb von Puls 4 wissen, wie es zur Einladung dieser Personen kam und wieso auf ihre Hintergründe in der Sendung nicht hingewiesen wurde. Als Antwort bekam ich ein knappes Statement der Puls 4-Presseabteilung ("'Gültige Stimme' ist seit Anbeginn an ein provokantes Kunst- und Satire-Projekt ..."), die Email-Adresse von Roland Düringers Managerin - und kurz darauf einen recht wütenden Anruf von Düringer selbst. Er lasse sich nicht in eine Ecke rücken, sagte er und dass er meine Fragen gerne beantworten werden, aber auf seiner Homepage. Wir einigten uns schließlich auf ein Interview am 6. Oktober. Vorher wäre er nicht in Wien. 


 

Zurück in den Backstagebereich, es ist inzwischen 19.20 Uhr - in vierzig Minuten wird Roland Düringer in "Weltfremd" darüber sprechen, was wir vom Neandertaler lernen können und wieso er deshalb kein besserer Mensch war. 

Kurier.at: Wäre es bei Popp und Herman nicht geboten gewesen auch zu sagen, wer diese Leute sind? Beide haben persönliche Verbindungen in die rechte Szene.

Ich habe diese Information nicht.

Wäre es nicht ihre Aufgabe gewesen diese Information einzuholen, wenn Sie diesen Leuten schon ihr Forum auf Puls 4 zur Verfügung stellen?

Aber die werden doch namentlich genannt. Wenn ich diese Information nicht habe… Soll ich Ihnen sagen, wie ich zum Andreas Popp gekommen bin? Ein Freund von mir hat einen Bus – und der hat einen Botendienst und der hört immer Hörbucher, und eines davon war von Andreas Popp. Und dort denkt er über seinen Plan B nach, wo es über ein fließendes Geldsystem, ein anderes Medienrecht usw. geht. Ich dachte mir: Das ist interessant, den lade ich ein. Ich habe auch den Herrn Hundstorfer eingeladen, weil ich mir gedacht habe, es klingt interessant, was der sagt. Mich interessiert nur der Inhalt. Das bin nicht ich – ich lerne jemanden kennen und sage mir: Der interessiert mich.

Legitimiert man damit nicht Leute, die sonst zu keinem so großen Publikum kommen würden?

Ich habe mit Eva Herman doch nur über Stillen gesprochen.

Cut - der Fotograf will noch ein Bild auf der Bühne machen, bevor die Leute in den Saal strömen.

Haben Sie das Gefühl, von den Medien unfair behandelt zu werden? Einen öffentlichen Auftritt bei einem Vortrag von Daniele Ganser haben Sie zuletzt abgesagt. In einer Videobotschaft, die dort gezeigt wurde, haben Sie das damit begründet, dass Sie die Veranstaltung sonst in ein schlechtes Licht rücken würden.

Das war satirisch gemeint. Ich habe gesagt, ich möchte einen so seriösen Wissenschaftler wie den Herrn Ganser durch meine Anwesenheit nicht in ein schlechtes Licht rücken. Es geht um eine Sichtweise. Ein Objekt kann alles sein. Eine Farbe kann alles sein. Ich habe als Kind eine kleine Jollybox bekommen, da waren sechs Buntstifte drinnen - ein schwarzer, ein roter, ein gelber, ein blauer, ein weißer und ein grüner. Und irgendwann habe ich dann von meiner Tante die nächstgrößere Box bekommen. Da war dann auch ein orangener und ein türkiser Stift dabei. Und ich habe erst mit Türkis gemalen. Und dann haben meine Mutter und meine Tante diskutiert, ob das jetzt grün ist oder blau. Dabei ist Türkis einfach nur türkis. Der eine sagt, es ist türkis, der andere sagt, es ist blau. Das ist vollkommen egal, was jemand sagt. Wir diskutieren jetzt darüber, ob das, was ich mache, grün oder blau ist. Es ist türkis.

Roland Düringer Foto: KURIER/Jeff Mangione

Es ist jetzt 20 Minuten vor acht. Was Roland Düringer will? Das System ein bisschen aufrütteln. GILT soll da ein Diskussionsanstoß sein, sagt er noch - vielleicht reicht das ja schon als Antwort. Er scheint damit jedenfalls zufrieden zu sein. Und sein Publikum auch. "Wieviele Stimmen brauchst denn noch?", ruft ein Mann am Ende von Düringers Auftritt auf die Bühne. "Naja, alle 2.600 noch", sagt Düringer. "Aber wissen Sie, was das heißt, wenn 'GILT' dann am Wahlzettel steht?", fragt der Kabarettist. "Dass die nicht mehr aus der Wahlbeteiligung von 75 Prozent hundert machen können. (...) Dann haben die wirklich ein Problem (...) Es geht darum, dass man denen hilft, weil ich sag Ihnen was: Da sitzen nicht nur Arschlöcher im Parlament. Da sitzen auch Leute, die wirklich was tun wollen würden, aber von dem System dazu gezwungen werden nichts zu tun. Und das einzige, was wir tun müssten, wäre die Arschlöcher loszuwerden." Und dann kommt wieder so ein Düringersches Buntstiftbeispiel: "Kennen Sie das, Sie stehen im Stau auf der Autobahn und dann fährt einer am Pannenstreifen vorbei. Nach zwei, drei Minuten fährt der nächste und irgendwann fahren's einfach alle hinterher. Wieso die jetzt alle nachfahren, das verstehe ich ja noch. Nur warum der erste gefahren ist?! Wahrscheinlich aus einem einfachen Grund: Weil er's kann! Weil er die Möglichkeit hat."

Roland Düringer Foto: KURIER/Jeff Mangione

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