Komiker, Blogger, Politiker: Beppe Grillo

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Vom Spaß zur Partei: Was kommt auf Düringer zu?
09/22/2016

Vom Spaß zur Partei: Was kommt auf Düringer zu?

Vor Roland Düringer haben bereits andere Komiker ihr Glück in der Politik versucht. Auch "Spaßparteien" gab es schon viele. Was Beppe Grillo oder der Isländer Jon Gnarr gemeinsam haben - und was nicht.

von Peter Temel, Karl Oberascher

Kennen Sie die XPÖ? Dahinter verbirgt sich die "Xenopankratische Partei Österreichs". Dagegen klingt der Name von Roland Düringers neuer Partei ja noch fast traditionell: "Meine Stimme gilt"

1.050 eingetragene Parteisatzungen gibt es mit Stand Ende Juli in Österreich. Neben den etablierten Parlamentsparteien stehen in dieser Liste so klingende Namen wie "Heinzelmännchenpartei", "Bierpartei Österreich" oder "Teuflische Aktion". Manche Bewegungen tragen ihr gesamtes Parteiprogramm im Titel ("Kini vo Wös oder Kwini vo Wös"). Manche Parteinamen sind Ausdruck einer strikten Verweigerungshaltung ("Bürgerbewegung Österreich stoppt die Politiker"). Parteigründungen mit Namen wie "ICH WÄHLE NICHT" wollen Wahlerfolge offenbar von vornherein ausschließen.

Wenn ein Kabarettist Politik macht

Es gibt aber auch jene angeblichen "Spaßparteien", die tatsächlich in Volksvertretungen gewählt werden wollen, und dies auch schaffen. Erfolgreichstes Beispiel ist die EU-kritische Fünf-Sterne-Bewegung in Italien, die 2009 von dem bekannten Kabarettisten Beppe Grillo gegründet wurde. 2007 hat der kleine Mann mit der grauen Lockenmähne mit einem "Vaffanculo"-Day ("Leck mich am Arsch"-Tag), seinen aktionistischen Kampf gegen das Polit-Establishment begonnen. 2013 schaffte es die "M5S" als stärkste Einzelpartei mit 25,5 Prozent ins italienische Parlament. In Umfragen liegt die Bewegung derzeit sogar bei 32 Prozent.

Grillo, Chef und "Megafon" der populistischen Bewegung, wird selbst aber nie im Parlament sitzen. Zu den Grundsätzen der "M5S" zählt, dass Vorbestrafte keine politischen Ämter erlangen sollen. Nach einem Autounfall von 1981, als er wegen fahrlässiger Tötung verurteilt wurde, trifft dies auch auf Grillo zu. Daher tritt er nicht selbst zu Wahlen an. Dabei lag der 68-Jährige kürzlich im Ranking der populärsten italienischen Politiker mit 38 Prozent auf Platz 3.

Gegen das Establishment

Aber ist Grillo ein Politiker, der Satire macht, oder noch ein Satiriker, der halt Politik macht? Die Grenzen verschwimmen. Jedenfalls scheinen Bekanntheit und markige Sprüche gegen "die da oben" in der Politik derzeit schon auszureichen, um zu einer relevanten politischen Kraft zu werden. So gesehen hätte Düringer als einer der bekanntesten österreichischen Kabarettisten wohl durchaus Chancen, mit seiner neuen Partei ins Parlament einzuziehen - wenn er, der Systemkritiker, es denn ernst meint mit der Politik.

Im Falle von Donald Trump kommt noch eine gut gefüllte Kriegskasse dazu, und auf diese Weise hat er immerhin bei den US-Republikanern das Ticket für den Wahlkampf um eines der wichtigsten Ämter der Welt ergattert. Die Lacher hat Trump allerdings eher unfreiwilligerweise auf seiner Seite, gelernter Komiker ist der grobschlächtige Immobilientycoon nicht.

Parodie auf Politik

Es gibt aber auch die tatsächlichen Juxparteien, denen Unterhaltungswert wichtiger ist als konkretes politisches Handeln. Martin Sonneborn gründete 2004 mit anderen Redakteuren des deutschen Satiremagazins Titanic die PARTEI (Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative). Obwohl der parodistische Charakter im Zentrum der medienwirksamen Auftritte Sonneborns ist, schaffte es der ehemalige Titanic-Chefredakteur 2014 sogar ins EU-Parlament. Dort piesackte er etwa den CDU-Politiker Günther Oettinger vor seiner Bestellung als Digitalkommissar mit launigen und lästigen Fragen.

2009wurde die PARTEI wegen "mangelnder Ernsthaftigkeit" nicht zur Bundestagswahl zugelassen. 2013, als man dann teilnehmen durfte, blieb man unter der Wahrnehmungsschwelle. Vielleicht lag es auch an dem "Regierungsprogramm", das eine "Einführung der Faulenquote" oder die Jux-Forderung "Wir haben die Absicht, eine Mauer zu bauen" enthielt.

"Spaßpartei" als Vorwurf

Der deutschen Piratenpartei war es bereits bei ihrer Gründung wichtig, festzuhalten: "Wir sind definitiv keine Spaßpartei − auch wenn der Name polarisiert". Bundesweit erzielten die Piraten, die sich ursprünglich hauptsächlich mit Netzpolitik beschäftigt haben, 2013 in Deutschland immerhin 2,2 Prozent, sie halten 42 Sitze in Landtagen und einen im Europa-Parlament.

Gerade neu gegründete Kleinparteien werden von den etablierten Kräften immer wieder als "Spaßparteien" diffamiert. Auch daraus schlug die PARTEI parodistisches Kapital. So erklärte Sonneborn 2005 süffisant: "Wir sind schließlich keine Spaßpartei wie die FDP.“ Er bezog sich dabei auf den Bundestagswahlkampf 2002, als die FDP auf "Fun und Event als zentrale Elemente der Spaßpartei" gesetzt hatte. Dies brachte den deutschen Liberalen damals viel Häme ein.

Humor und Politik

Aber wieviel Humor verträgt die Politik überhaupt? "Humor kann auch ein Weg sein, sich ernsthaft mit Politik auseinanderzusetzen", sagt der deutsche Medienwissenschaftler Benedikt Porzelt. "Der Vorteil besteht dabei vor allem im Unterhaltungswert, wodurch nicht nur politisch Interessierte erreicht werden können, sondern auch jene Bürger, die vor allem unterhalten werden wollen", sagt Porzelt gegenüber kurier.at.

Lachen und Unterhaltung funktioniere dabei auch als Ventil für Protest gegen schwierige, unzufriedenstellende Verhältnisse, was grundsätzlich positiv zu bewerten sei. "Schon Platon hat der Komik revolutionäre Macht zugeschrieben."

Satire als systemstabilisierender Faktor?

Zum Problem könne dieser Zugang zu Politik dann werden, wenn es um Mobilisierung geht. Im Einsatz von Satire könnte man letzten Endes sogar eine Festigung des politischen und gesellschaftlichen Status quo sehen. Weil der Eindruck von gesellschaftlichem Wandel erweckt wird, der so jedoch gar nicht stattfinde. "Wer vor dem Fernseher sitzt und lacht, hat nicht das Bedürfnis, auf die Straße zu gehen", sagt Porzelt.

Satirische Parteien sind kein Phänomen des neuen Jahrtausends. Schon 1904 gründete Jaroslav Hašek in Prag die "Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze". Sie trat 1911 zu den Wahlen für den österreichischen Reichsrat an. Hašeks Programm parodierte den Wahlkampf der anderen Parteien.

In West-Berlin war ab 1950 die "Radikale Mitte" als eingetragener "Verein wider den tierischen Ernst" politisch aktiv. Von 1963 bis 1993 unterhielt die Rhinozerospartei die politische Öffentlichkeit Kanadas. Die Gründung der britischen "Official Monster Raving Loony Party" durch Screaming Lord Sutch dürfte 1983 durch einen Monty Python-Sketch inspiriert gewesen sein.

Isländischer Komiker als Sanierer

In Island, das 2009 im Zuge der Finanzkrise fast in die Staatspleite schlitterte, schaffte es der Comedian Jon Gnarr sogar an die Spitze der Hauptstadt Reykjavik. Für die Kommunalwahlen hatte seine "Beste Partei" einen als Satire gemeinten Wahlkampf gestartet. Gnarr forderte unter anderem offene statt heimliche Korruption, ein Disneyland für Reykjavik, einen Eisbär für den Zoo, Gratis-Handtücher für alle Schwimmbäder. Mit diesen absurden Versprechen erreichte Gnarr fast 35 Prozent der Stimmen und angelte sich 2010 den Bürgermeisterposten. Nach einer Amtsperiode stieg er aber wieder aus. Vier Jahre in der Politik seien genug, meinte er.

Jon Gnarr im 'Star Wars'-Kostüm bei der Wahl https://images.kurier.at/46-55123124.jpg/222.488.533 REUTERS/SIGTRYGGUR JOHANNSSON Reykjavik mayor Gnarr, wearing an Obi Wan outfit o Reykjavik mayor Jon Gnarr (L), wearing an Obi Wan outfit of Star Wars fame, and Brighter Future party chairperson Heida Kristin Helgadottir attend Iceland's general elections in Reykjavik, April 27, 2013. Icelanders fed up with years of belt-tightening looked set on Saturday to oust the ruling Social Democrats, wooed with pledges of tax cuts and debt relief from the centre-right, which presided over a spectacular financial collapse five years ago. REUTERS/Sigtryggur Johannsson (ICELAND - Tags: POLITICS ELECTIONS) Die Bürger hätten nach dem Bankencrash die Nase voll gehabt von den etablierten Parteien. Anders als diese habe er seinen Wählern versprochen, "alle Versprechen zu brechen", erklärte Gnarr seinen Erfolg. Doch die Polit-Amateure der "Besten Partei" erwiesen sich als überraschend tatkräftig: Sie organisierten das Schulsystem neu, entwickelten einen Bus-Zonenplan für die zerstreute Stadt und sanierten mit drastischen Einsparungen sogar die Finanzen Reykjaviks. Als er einmal in einer TV-Sendung zu seiner politischen Einschätzung befragt wurde, antwortete Gnarr: "Ich weiß es nicht." Das habe sich wie eine Enttäuschung angefühlt, sagte Gnarr. "Aber die Leute fanden das toll – weil es das erste Mal war, dass ein Politiker im TV zugab, dass er etwas nicht weiß."

Es ist oft der Verdruss über althergebrachte Politik, der prominenten Quereinsteigern aus der Komikerzunft Aufwind verleiht, so auch in Guatemala. Dort hat im Vorjahr der TV-Komiker Jimmy Morales von der nationalistischen Partei FCN die Stichwahl um das Präsidentenamt mit 69 Prozent der Stimmen gewonnen.

Schluss mit lustig

Sind sie erst einmal in der politischen Realität angekommen, ist der Spaß für die Quereinsteiger aber oft schnell vorbei. Virginia Raggi, die erst im Juni für die Grillo-Bewegung das Bürgermeisteramt Roms ergattert hat, kämpft wenige Monate später bereits um ihr politisches Überleben. Nachdem bereits drei ihrer engsten Mitarbeiter im Gemeinderat zurückgetreten sind, sorgt die 38-jährige Rechtsanwältin mit ihren Personalentscheidungen weiterhin für Turbulenzen.

Als Reaktion darauf will die Fünf-Sterne-Bewegung ihre Führungsstruktur und somit die Instrumente direkter Demokratie stärken. Das fünfköpfige Direktorium, das die Partei gemeinsam mit Grillo führt, soll ausgedehnt werden.

Düringer und der "Spaß"

Roland Düringer hat bei der Gestaltung der Führungsstruktur seiner Partei noch nicht so viel Spielraum. Eigentlich habe er einen Männergesangsverein gründen wollen, zu dritt sei aber nur eine Parteigründung möglich gewesen. "Wir haben keinen Schriftführer zusammengebracht", scherzt Düringer in einem neuen Facebook-Video.

Seine Partei "Meine Stimme gilt" sei "natürlich ein Spaß". Über den Ausdruck "Spaßpartei" zeigt sich Düringer aber dennoch verwundert, "weil Spaßparteien gibt es in diesem Land schon genug", sagt er gegenüber der APA.

Beppe Grillo sieht er übrigens nicht als Vorbild. Sein Vorbild sei der italienische MotoGP-Superstar Valentino Rossi.