Kultur
24.10.2016

Die merkwürdige Welt des 9/11-Zweiflers Daniele Ganser

Medienkritik und Verschwörungstheorien - das geht oft Hand in Hand. Einblicke in eine Szene, die sich abseits der Leitmedien formiert hat.

Hannelore H. hat die Flugzettel schon griffbereit. Die "engagierte Bürgerin", wie sie sich selbst beschreibt, hat sich im Foyer vor dem Saal im Wiener Odeon Theater postiert. Hier soll gleich Daniele Ganser auftreten. Der Schweizer ist einer der bekanntesten Zweifler an der offiziellen Version zu 9/11 im deutschsprachigen Raum.

Um den 11. September geht es Hannelore H. jetzt aber nicht. Auf ihrem Zettel mit der Überschrift "Stimme und Gegenstimme", den sie unter den rund 300 Menschen verteilt, die noch auf den Einlass warten, ist von der "ukrainischen Putschregierung" die Rede, die endlich den Krieg in der Ostukraine beenden müsse; von einem Informationskrieg, den neben den westlichen Medien auch Amnesty International führen würde. Hannelore H. hat – das merkt man schnell – eine Mission, den Reporter von Kurier.at lädt sie auch gleich zu einem ihrer "Meinungsfitnessabende" ein. Was da besprochen wird? Diverse Themen – Impfschutz, Chemtrails - natürlich.

Die Mittvierzigerin mit wild-lockigen roten Haaren will ein Internet-unabhängiges Informationsnetzwerk schaffen. Denn "die Internet-Zensur kommt bestimmt, und das sehr bald", ist sie sich sicher. Dass Kurier.at sich für die Veranstaltung interessiert, findet sie zwar positiv, mit vollem Namen will sie dann aber doch nicht erwähnt werden.

Hannelore H. fällt auf. Das Publikum, das sich an diesem lauen Samstagabend im zweiten Wiener Gemeindebezirk versammelt hat, besteht aus Mittfünfzigern in Leinenhosen und Schiebermütze, auch gesetzte Herren in Wildlederjackett und Frauen mit Seidenschal sind darunter. Dazu - überraschend für einen dreistündigen Vortrag zum Thema "15 Jahre nach dem 11. September" - viele Jüngere. Studenten, die "sich nicht mehr über die Mainstreammedien informieren wollen", wie sie bei einer gemeinsamen Zigarette in der Pause verraten. Auch sie wollen ihre Namen lieber nicht auf Kurier.at lesen. Und junge Alternative, mit Dreadlocks, Vollbart. So wie Stephan Preinstorfer. Der 27-Jährige hat für den Vortrag von Daniele Ganser sogar über eine Crowdfunding-Plattform gespendet.

Misstrauen

Was sie alle eint? Jedenfalls ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber Medien. "Wer hat keinen Fernseher mehr?", will Daniele Ganser inmitten seines Vortrages später wissen. Auf das Raunen im Publikum folgt bald Gelächter. Von den 300 Menschen im Odeon-Theater haben geschätzte 290 aufgezeigt.

Fragt man Daniele Ganser selbst, wer zu seinen Vorträgen kommt, erhält man erst mal Schulterzucken als Antwort. "Das kann ich gar nicht genau sagen", sagt der 44-Jährige im Interview mit Kurier.at. "Ich weiß, dass es Leute sind, die sagen: ‚Ich fühle mich getäuscht durch die Massenmedien.‘ Oder die sagen: ‚Ich fühle mich durch die Nato in Kriege geführt, die ich nicht will‘, oder Menschen, die sagen: ‚Ich finde, der 11. September gehört aufgeklärt'".

Ganser ist promovierter Historiker und "Friedensforscher", so nennt er sich selbst. Die Neue Zürcher Zeitung bezeichnet ihn als Star der Szene. Auf Youtube haben Videos von seinen Vorträgen mehrere hunderttausend Views. "Medienkompetenz - Wie funktioniert Kriegspropaganda?“ hält aktuell bei 265.619 Aufrufen. In der Vortrags-Pause ist die Schlange mit Besuchern, die ein Selfie mit Ganser machen wollen, länger als die an der Bar – ziemlich sicher ein Unikum bei Vortragsveranstaltungen.

50 solcher Vorträge hält Ganser im Jahr. In der Schweiz, in Deutschland und an diesem Samstag im September auch erstmals in Wien. Sein Kernthema dabei immer wieder: 9/11. Und damit verbunden eine schallende Medienkritik. "Die Mainstreammedien folgen oft der NATO-Propaganda", sagt Ganser. Die "Friedensforschung" habe es schwer in den Massenmedien in Deutschland.

Für Ganser selbst ist das wenigstens implizit ein Beweis dafür, dass die Massenmedien auf Regierungslinie seien. Dass er in Deutschland zu Diskussionssendungen wie Anne Will nicht eingeladen werde, habe "damit zu tun, dass ich die Beteiligung Deutschlands am Afghanistan-Krieg kritisiere." Ganz einfach.

Gegenöffentlichkeits-Star

Umso häufiger kommt Ganser insbesondere in Deutschland dafür in sogenannten alternativen Medien vor. Der redegewandte Historiker ist gerngesehener Gast beim Youtube-Kanal KenFM und bei Russia Today – der vom Kreml finanzierte Kanal sendet auf Englisch, Arabisch und Spanisch, bzw. in der Internet-Version auf Deutsch – und richtet sich damit ausschließlich an ein ausländisches Publikum. "Es ist mir schon klar, dass Russia Today unter dem Einfluss von Putin ist", sagt Ganser, fügt aber hinzu: "Gleich wie CNN unter dem Einfluss von Obama ist und ARD unter dem Einfluss von Merkel ist."

Aber zurück zu 9/11. In den USA würde man Ganser wohl "Truther" nennen. Die Bewegung setzt sich - mit Abstufungen - dafür ein, die Terroranschläge vom 11. September 2001 neu zu untersuchen. Manche gehen von einem "Inside Job" aus, andere bezweifeln schlicht die Richtigkeit des offiziellen Berichts der 9/11-Kommission. Bei seinem Vortrag in Wien spannt Ganser den ganz großen Bogen von der Abhängigkeit von Erdöl ("44 Supertanker brauchen wir davon jeden Tag") über Terroranschläge, die unter falscher Flagge (Ganser spricht von "false flag terrorism") verübt wurden, um die öffentliche Meinung in einer bestimmte Richtung zu lenken. Daniele Ganser ist ein Meister des Subtextes. Das Ergebnis seiner Indiziensammlung lässt er ganz bewusst offen. Nur soviel: "Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass wir erneut getäuscht werden."

Totschlagargumente

Valide Argumente, objektive Hinweise oder eine Verschwörung, die behauptet die Wahrheit würde von der US-Regierung und ihren Medien unterdrückt? Die Auseinandersetzung darüber ist wohl müßig, die Grenzen zwischen Verschwörungstheorie und plausiblen Annahmen schwer zu ziehen. Ganser sieht das so: "Sobald man die Amerikaner kritisiert, wird man als Verschwörungstheoretiker diffamiert." Das Argument funktioniert in beide Richtungen, das Grundproblem eines jeden Diskurses über "alternative Deutungen". Auch, weil der fantastische Gehalt der "Verschwörungstheorien" - also von der offiziellen Lesart abweichende Erzählungen - bekanntlich variiert.

Den Begriff Verschwörungstheoretiker lehnt Ganser jedenfalls entschieden ab. Seit langem versucht er den Satz "Er greift Verschwörungstheorien zum 11. September 2001 auf und stellt sie als von Historikern zu prüfende Erklärungsansätze dar" aus seinem Wikipedia-Eintrag zu streichen. Der daraus entstandene "Edit War" mit einem höherrangigen Wikipedia-Nutzer, der seine Änderungen stets überschreiben kann, wird inzwischen auch in einem bei KenFM veröffentlichten Youtube-Film thematisiert. Die zweistündige Dokumentation "Die dunkle Seite der Wikipedia" hält online bei mehr als 422.000 Views.

Von wissenschaftlicher Seite wird Ganser für seine Thesen stark kritisiert. Anstatt systematisch und historisch vergleichend vorzugehen, picke Ganser jeweils nur einzelne Aspekte heraus, um ein Ergebnis zu suggerieren, monierte Markus Linden, Politikwissenschafter an der Universität Trier, in der Schweiz am Sonntag. Sein Urteil über Ganser: "Ein hochintelligenter Wissenschaftspopulist."

Ganser ist eine Art Verbindungsfigur. Er lehrt auf der Universität St. Gallen, leitet dort einen Kurs mit dem Titel "Geschichte und Zukunft von Energiesystemen". Gleichzeitig distanzierte sich der Direktor der Uni Basel von seinem ehemaligen Mitarbeiter, zuvor war Ganser bereits von der ETH Zürich entlassen worden.

Ganser leitet das "Swiss Institute for Peace and Energy Research" (SIPER) in Basel, gleichzeitig finanziert sich das aus vier Mitarbeitern bestehende Institut hauptsächlich über die Vortragstätigkeit seines umtriebigen Leiters.

Diese Vorträge werden in abseitigen Webseiten zitiert, in denen es von Verschwörungstheorien nur so wimmelt. Gleichzeitig wurde sein Buch über die Nato-Geheimarmeen auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung besprochen - wenn auch nicht unumwunden positiv: "Was Ganser hier zusammenträgt, ist zwar in der Gesamtschau bemerkenswert, im Einzelfall aber zumeist schon bekannt und nicht selten grotesk überzeichnet“, schrieb Gregor Schöllgen, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Erlangen, in der FAZ.

Ganser ist damit jedenfalls ein Star einer Gegenöffentlichkeit, die sich von den klassischen Medien abgewandt - und sich mitunter abstrusen bis schlechterdings rechten Theorien (Stichwort: "Migration als Waffe") zugewandt hat. Doch ist er auch ein Teil von ihr?

Mit Chemtrails, wie sie bei den "Meinungsfitnessabenden" besprochen werden, hat Ganser jedenfalls nichts am Hut. Überhaupt stellt er bei 9/11 doch auch lediglich Fragen. Dazu kommt eine - um es vorsichtig auszudrücken - ebenso szenetypische wie tendenziell unkritische Haltung gegenüber Russland. Die Maidan-Revolution 2014 in der Ukraine? Für Ganser ein amerikanischer Putsch - wenig überraschend für die Szene um RT Deutsch und der Friedensbewegung.

"Spiel mit Verschwörungstheorien"

Organisiert wurde der Vortrag im Wiener Odeon Theater von Stephan Bartunek. Für ihn seien die "Montagsmahnwachen für den Frieden", die 2014 in ganz Deutschland und auch Österreich abgehalten wurden, ein Initialerlebnis gewesen "etwas tun zu müssen." Gemeinsam mit David Kyrill hat der 39-jährige Schauspieler deshalb die sogenante Gruppe 42 ins Leben gerufen, die in Wien bereits Vorträge unter anderem von Heide Schmidt, Niki Glattauer und Heini Staudinger organisiert hat. Auch Neo-Parteigründer Roland Düringer war bereits zu Gast. Er hätte eigentlich auch die Schirmherrschaft über den Abend mit Daniele Ganser übernehmen sollen.

In einer Video-Grußbotschaft aus seinem Geräteschuppen lässt er sich jedoch entschuldigen. Er hätte gerne auch persönlich gesprochen, sagt Düringer in dem Video. "Aber ich glaube, ich würde die Veranstaltung mit meiner Anwesenheit nur in ein schlechtes Licht rücken."

Als Logo hat die Gruppe 42 das "allsehende Auge" in Kombination mit einer rausgestreckten Zunge gewählt – "ein Spiel mit dem Verschwörungstheorien", sagt Bartuschek. Dass man ein Publikum anziehe, das sich auch für Verschwörungstheorien interessiere, sei ihnen ja bewusst.

Auf den Flyern, die Hannelore H. austeilt, ist von der anti-zensur.info bis zu klagemauer.tv das kleine Einmaleins der Verschwörerseiten im Internet vertreten. Vorträge von Daniele Ganser werden auch dort fleißig verlinkt. Für Ganser reicht das. Anstatt in klassischen Medien vorzukommen, erreichen diese Portale inzwischen ihre ganz eigene Öffentlichkeit. Wie groß diese genau ist? Schwer zu sagen. Fix ist jedoch: Sie wächst – und sie hat insbesondere mit Youtube eine dankbare Plattform gefunden.

"Großer Einfluss auf deutschen Diskurs"

In seiner Querfront-Studie attestierte der Publizist Wolfgang Storz den sogenannten "alternativen Medien", namentlich dem Compact-Magazin, Kopp Online und KenFM vergangenes Jahr eine leistungsfähige Öffentlichkeit geschaffen zu haben, die sich jenseits der klassischen Medien etabliert habe. In allen drei Publikationen wird Ganser regelmäßig zitiert. Diese Medien hätten "einen großen Einfluss auf den deutschen Diskurs", sagt Ganser im Interview mit Kurier.at.

Einer Umfrage aus den USA zufolge glauben 28 Prozent der Wähler, dass eine verborgene Elite nach autoritärer Weltherrschafft strebt. Für Österreich gibt es dazu keine Daten. Man darf aber annehmen, dass eine Umfrage im Odeon-Theater an diesem Samstagabend höhere Werte ergeben hätte. Und das wäre nicht nur an den Flugzetteln von Hannelore H. gelegen.

Hinweis - In einer früheren Version des Artikels hieß es: "Den Begriff Verschwörungstheoretiker lehnt Ganser jedenfalls entschieden ab. Seit langem versucht er, die Bezeichnung aus seinem Wikipedia-Eintrag als diffamierend zu streichen." Die wurde nun um den konkreten Satz im Wikipedia-Eintrag, um den es Ganser geht, präzisiert: "Er greift Verschwörungstheorien zum 11. September 2001 auf und stellt sie als von Historikern zu prüfende Erklärungsansätze dar."