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Interview
05/17/2020

"Religion eröffnet einen humanen Horizont"

Der Theologe Jan-Heiner Tück im Gespräch über Glauben und Kirche in Zeiten der Pandemie.

von Rudolf Mitlöhner

KURIER: Welche Bedeutung hat es Ihrer Meinung nach, dass es wieder Gottesdienste unter Beteiligung von Gläubigen gibt?

Jan-Heiner Tück: Für die Kirche ist es nach dem epochalen Einschnitt, keine öffentlichen Gottesdienste abhalten zu können, ein erfreuliches Signal. Schritt für Schritt kann nun wieder Normalität einkehren. Kirche ist Gemeinschaft des Glaubens, die sich um das Wort Gottes versammelt und Eucharistie feiert. Diese körperbasierte Form der Frömmigkeit ist für die katholische Kirche wesentlich, weswegen ich in das allzu euphorische Lob der digitalen Möglichkeiten – so hilfreich diese auch waren – nicht einstimmen kann. Zugleich gibt es jetzt eine Debatte über die Systemrelevanz von Kirche in den säkularisierten Gesellschaften. Gewiss kann sich Kirche über die Caritas zivilgesellschaftlich legitimieren. Aber ich würde davor warnen, Religion auf ihren gesellschaftlichen Nutzen zu reduzieren. Religion unterbricht funktionalistische Imperative, gerade so eröffnet sie oft einen humanen Horizont.

Sehen Sie die Gefahr, dass durch die sogenannten „Geistermessen“ der letzten Wochen einem vorkonziliaren Kirchenbild, einer Reklerikalisierung Vorschub geleistet wurde?

In Zeiten des Lockdown waren die gestreamten Gottesdienste eine gute Möglichkeit für die Gläubigen, am liturgischen Leben zu partizipieren. Die Polemik, die dem Begriff „Geistermessen“ eigen ist, halte ich für deplatziert: weil auch ein Gottesdienst, den ein Priester als Mittler zwischen Gott und den Menschen alleine feiert, Bedeutung für die ganze Kirche hat. Das wird schon in den liturgischen Texten deutlich. Dabei gibt es neben der horizontalen Dimension, welche die jetzt Lebenden umfasst, auch eine vertikale, welche die bereits Verstorbenen im Gedenken einschließt. Ungeachtet dessen fehlt natürlich das, was das Zweite Vatikanum die „tätige Teilnahme“ der Gläubigen nennt.

Lässt sich die Pandemie eigentlich theologisch deuten? Die traditionelle Lesart solcher Phänomene als „Strafe Gottes“ scheint ja weitgehend obsolet zu sein; aber Kardinal Schönborn etwa hat gemeint, Gott wolle uns sehr wohl damit etwas sagen. Könnte man also von „Mahnung“ oder einem „Fingerzeig Gottes“ sprechen?

Das berührt den neuralgischen Punkt. Die Bibel bietet unterschiedliche Deutungsmuster an: Strafe, Prüfung, Erziehung … Diese Muster kann man nicht generalisierend auf die Gesellschaft beziehen. Straftheologische Deutungen, wie sie von prononciert konservativer Seite in die Debatte gebracht wurden, lehne ich daher ab. Es sind auch traditionelle Formen der Frömmigkeit – Bittgebete, Segnungen u.ä. – in die Kritik geraten, man hat hier vom Retrokatholizismus gesprochen. Die Frage ist, was bleibt, wenn man all dies ablehnt. Auf der anderen Seite droht ja die Falle eines Deismus: also die Vorstellung, dass Gott sich nach der Schöpfung zurückgezogen hat und die Welt nun ihren Abläufen überlässt, eine Art Deus emeritus; oder die Falle eines Agnostizismus, der die Frage nach Gott entschieden unentschieden lässt.

Was also dann?

Die Krise hat unser Leben massiv unterbrochen. Ist diese Unterbrechung ein Fingerzeig Gottes? In jedem Fall ist sie Anlass zur Selbstbesinnung. Überdies bietet der Glaube eine Art Medizin gegen das Virus der Angst, das sich bei aller fälligen Gesundheitsvorsorge nun auch auszubreiten beginnt. Er fördert Vertrauen und mahnt zur Besonnenheit. Bei einer theologischen Deutung der Gesamtlage würde ich Zurückhaltung empfehlen. Keiner kann sich eine Interpretationshoheit anmaßen, die letztlich nur Gott zusteht.

Die einen hoffen auf die Rückkehr zur „alten Normalität“, die anderen sagen, dass nach der Krise nichts mehr so sein wird, wie es war. Umgelegt auf Glaube und Kirche – welcher Sicht neigen Sie zu?

Auf der einen Seite hat wohl der wochenlange Ausnahmezustand bei den Gläubigen eine neue Sehnsucht nach Liturgie und Gemeinschaft freigesetzt. Es könnte aber auch sein, dass sich die Corona-Krise als Säkularisierungskatalysator erweist – indem sich manche sagen, mir fehlt nichts, wenn ich nicht am Gottesdienst teilnehme. Oder es reicht mir, wenn ich eine Livestream-Messe mitfeiere. Sicherlich hat es einen digitalen Innovationsschub, auch jenseits der Gottesdienste, gegeben: im Bereich der Seelsorge, von Gebetsinitiativen etc. Da wurde Solidarität gestärkt.

Hat sich die Kirche zu sehr dem Staat untergeordnet, vorschnell staatliche Vorgaben bei der Pandemie-Bekämpfung akzeptiert, statt auf ihrer Autonomie in Liturgie und Sakramentenspendung zu bestehen?

Ich halte es für gut, dass die Bischöfe zunächst den staatlichen Vorgaben gefolgt sind. Man stelle sich nur vor, was es für Reaktionen gegeben hätte, wenn ausgerechnet durch Gottesdienste die Infektionen explodiert wären. Jetzt, mit einer gewissen zeitlichen Distanz, stellt sich natürlich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen. Wobei es bei uns in Österreich ohnedies relativ moderat zugeht – im Unterschied etwa zur Schweiz, wo Gottesdienste nach wie vor verboten sind. Das ist schon ein massiver Eingriff in die Religionsausübungsfreiheit: wenn Supermärkte geöffnet sind, Kirchen aber geschlossen bleiben müssen.

Wie beurteilen Sie dann jene Stimmen, welche den Anti-Corona-Maßnahmen eine antikirchliche Agenda unterstellen?

Das halte ich für überzogen, wenn man etwa vor einer angeblich bevorstehenden „Weltregierung“ warnt. Wollte man aber die particula veri (den wahren Kern; Anm.) solcher Stellungnahmen würdigen, dann wäre das wohl die Warnung vor der schleichenden Einführung totaler Überwachung; oder auch vor einer Debattenmonokultur, in der auch kluge, abweichende Positionen gleich mit dem Verdikt der „Verschwörungstheorie“ niedergebügelt werden. Hier würde ich mir mehr Differenzierung und Ambiguitätstoleranz (das Aushalten von Mehrdeutigkeit; Anm.) wünschen.