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09/12/2021

Fünf österreichische Bundeskanzler erinnern sich an Angela Merkel

Schüssel, Gusenbauer, Faymann, Kern und Kurz über persönliche Begegnungen mit der deutschen Kanzlerin.

von Daniela Kittner, Rudolf Mitlöhner

Sie ist seit 22. November 2005 deutsche Regierungschefin, und in wenigen Wochen wird Angela Merkel dieses Amt abgeben. Am 26. September finden Bundestagswahlen statt, und sobald eine neue Regierung gebildet ist, ist „die Kanzlerin“ Geschichte.


Aber was für eine Geschichte! Sie war die mächtigste Frau der Welt, saß in der Euro- und der Migrationskrise am Steuer, verhandelte den Lissabon-Vertrag und lief während der Corona-Krise erneut zur Hochform auf. Und unter anderem hat sie auch vier österreichische Bundeskanzler ausgesessen und einen fünften erlebt. Allein daran sieht man die hohe Stabilität der deutschen Politik, selbst im Vergleich zu einem politisch stabilen Land wie Österreich.
Wie ist Angela Merkel persönlich? Was ist ihr Erfolgsgeheimnis? Was zeichnet sie aus? Was verbindet sie mit Österreich? Der KURIER hat aus Anlass ihres bevorstehenden Abschieds fünf österreichische Bundeskanzler gebeten,   Eindrücke aus der Zusammenarbeit mit der   deutschen Politikerin zu schildern. Demnach muss sie tatsächlich eine bemerkenswerte Persönlichkeit sein.

Wolfgang Schüssel: „Hätte sie sagen sollen:  ‚Wir schaffen das nicht‘?“

 „Ich glaube, dass sie ein wirklicher Glücksfall für Deutschland, für Europa, auch für Österreich war.“ Wolfgang Schüssel ist nicht nur voll des Lobes über seine ehemalige Amtskollegin, man spürt aus seinen Worten auch die enge persönliche Verbundenheit.


Und was sagt er zur gerade auch in bürgerlichen Kreisen verbreiteten Kritik, Merkel habe die CDU inhaltlich entkernt, beliebig gemacht, nach links geführt? „Das sind lauter Pickerl, die man seit Jahren ihr anzuheften versucht. Das ist alles Unsinn. Die CDU ist weder links, noch einseitig grün, sondern die einzige Volkspartei, die versucht, die Balance zu halten zwischen Marktwirtschaft, ökologischer Verantwortung und sozialer Dimension.“


Und der zum Symbol der Willkommenskultur gewordene Satz? „Hätte sie sagen sollen: ‚Wir schaffen das nicht‘?“, entgegnet Schüssel. Fehler seien damals sicher gemacht worden, man hätte klarstellen müssen, dass das eine einmalige Situation sei, die nicht perpetuiert werden dürfe – aber das „jetzt alles auf Merkel zu schieben, ist lächerlich“.

 

Alfred Gusenbauer: „Angela Merkel ist absolut humorvoll“

Alfred Gusenbauer hat Merkel in schwierigen Phasen erlebt: „Wir hatten beim Lissabon-Vertrag viel miteinander zu tun und bei der Bewältigung der Wirtschafts- und Finanzkrise. Bei Lissabon hatte ich die Gruppe der integrationswilligen Länder wie Griechenland und Italien im Blick, Angela Merkel  schwierigere Länder  wie Polen und die Engländer. Da haben wir sehr viel miteinander telefoniert, um uns darüber auszutauschen, was eine Chance auf  Konsens hat und was nicht geht.“


Gusenbauer hat Merkel als „absolut humorvoll“ in Erinnerung. Ihr Erfolgsgeheimnis beschreibt er so: „Sie moderiert. Sie hört sich die unterschiedlichen Positionen an, beobachtet, wie diese aufeinander treffen, und wenn sich schließlich eine Entscheidung abzuzeichnen beginnt, vermittelt sie das Gefühl, dass das ihre Entscheidung war.“


Der Sozialdemokrat Gusenbauer glaubt nicht, dass Merkel eine große Lücke hinterlassen wird: „Falls es Olaf Scholz schafft, deutscher Kanzler zu werden, wird er nicht lange brauchen, um in ihre Fußstapfen zu treten. Er hat sehr viel Regierungserfahrung.“

Werner Faymann:  „Humanitäre Gesinnung und innere Ruhe“

„Angela Merkel besticht durch ihre empathischen Fähigkeiten. Sie ist offen und geradlinig – eine Angewohnheit, die persönlich bereichernd und in der Politik besonders erfrischend ist“, erzählt Werner Faymann.  Er hatte  besonders engen Kontakt zu Merkel, unter anderem in der Migrationskrise. „Damals war unsere Abstimmung sehr eng, da wir beide die gleichen Ziele verfolgten: unseren humanitären Verpflichtungen und den Bedürfnissen nach Ordnung nachzukommen.“

Generell sei die Beziehung zwischen Österreich und Deutschland von Vertrauen geprägt, was auch darin begründet ist, dass die  Länder gemeinsame wirtschaftliche Interessen und ähnliche Sozialsysteme haben. „Angela Merkel hat sich auch darüber hinaus oft für Österreich eingesetzt.“


Ihr Erfolgsgeheimnis?  „Sie steht für einen respektvollen Umgang mit allen Menschen. Ihre humanitäre Gesinnung und ihre innere Ruhe – auch beim Treffen großer Entscheidungen – haben sicher ihre Karriere und ihren Erfolg geprägt.“  Was immer ihre Pläne nun seien – „ich wünsche ihr  aus ganzem Herzen alles Gute“.

 

Christian Kern: Sie hat auch nach Amtsende noch geholfen

Angela  Merkels Begrüßungssatz im ersten Telefonat mit dem damals frisch angelobten Christian Kern lautete: „Wir sind ja die einzigen beiden Bundeskanzler auf der Welt.“ Das sei bezeichnend für ihren „subtilen Humor und die Fähigkeit, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen“. Kern: „Natürlich gibt es jede Menge Ministerpräsidenten, Premierminister etc, aber Deutschland und Österreich sind die einzigen beiden Länder, wo der Regierungschef den Titel Bundeskanzler führt.“


Merkels Erfolgsgeheimnis?  „Ihre Ernsthaftigkeit in einer Zeit, in der Politik oft aus halbstarken Verbalakrobaten besteht.“


Kern hat Merkel lange nach dem Ausscheiden aus dem Amt um etwas gebeten: Einen Rabbi zu unterstützen, der sich um die seit dem Holocaust verwaisten jüdischen Friedhöfe in Osteuropa kümmert. Kern: „Diese verfallenen Friedhöfe sind bedrückende Zeitdokumente. Deutschland hat dann mitgeholfen, die Gräber, die im jüdischen Ritus eine besondere Bedeutung haben, zu erhalten. Still und leise. Keine Presseaussendung, um sich selbst zu loben. Der Dank der Menschen war Merkel genug.“

Sebastian Kurz: „Angela  Merkels Erfahrungsschatz wird fehlen“

 „Ich habe die Zusammenarbeit mit Angela Merkel stets sehr geschätzt. Sie kennt sich in vielen Dossiers wirklich sehr gut aus“, sagt Sebastian Kurz. Ihr Erfolgsgeheimnis beschreibt er so: „Angela Merkel hat viel Erfahrung in die europäischen Debatten eingebracht hat, das habe ich immer sehr  geschätzt, und das war sicher ein wichtiger Grund für ihren Erfolg.“


Kurz hebt Gleichklang und Unterschiede hervor: „In vielen Bereichen wie bei der EU-Annäherung des Westbalkans, den Beziehungen der EU zu Russland oder beim Klimaschutz haben wir einen ähnlichen Zugang. Aber es gab natürlich auch Themen, wo wir unterschiedlicher Meinung waren, wie zum Beispiel die Migrationsfrage. Mittlerweile sind der gemeinsame Schutz der europäischen Außengrenzen und der Kampf gegen illegale Migration aber europäische Politik geworden.“ Merkels Erfahrungsschatz werde im Europäischen Rat jedenfalls fehlen. Kurz: „Sie ist eine Politikerin, die die Europäische Union geprägt hat wie kaum jemand anderer. Ich wünsche ihr für die Zeit nach der Politik  alles Gute!“

 

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