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Politik Inland
10/05/2019

Brexit, Baileys-Blockade und die Angst vor dem Bürgerkrieg

Irland/Nordirland: Der Brexit lässt Ängste wach werden, auch die vor der Rückkehr der Gewalt.

von Konrad Kramar

„Die Grenze? Da müssen sie schon ein Stückchen näher kommen!“ Piedar Carpenter erlaubt sich diesen Scherz gerne bei seinen Gästen aus dem Ausland. Der altgediente Beamte des irischen Außenministeriums steht am Rand der Landstraße und deutet auf das kleine Bächlein, das dort vorbeifließt: „Das ist die Grenze, zumindest ungefähr.“

Wie die genau verläuft, das wissen im Örtchen Ravensdale die Bauern, deren Felder sie durchtrennt. Wo hier Irland anfängt und das britische Nordirland aufhört, lässt sich für einen nicht Ortsansässigen nur erahnen. Zumindest sind die Geschwindigkeitsbegrenzungen hier in Meilen und dort in Kilometer angeschrieben. „Die Grenze verläuft auf sehr seltsame Weise“, erläutert Carpenter, „einmal ist man hier und einmal drüben.“

Genau deshalb sei sie kaum zu kontrollieren, ein Grenzposten auf jedem der Hunderten Landstraßen und Feldwege: „Das kriegen Sie nie dicht.“ Selbst in den Jahren des Bürgerkrieges, als britische Soldaten Betonblöcke auf die Landstraßen stellten, sie daneben mit der Maschinenpistole im Anschlag, selbst damals gab es Schleichwege über diese Grenze, und die benützten Schmuggler wie auch die Terroristen der katholischen IRA.

Unsichtbare Grenze

Über Jahre hat diese Grenze kaum jemanden gekümmert. Auf beiden Seiten war man in der EU, und weil gerade in Nordirland so viele dunkle Erinnerungen an ihr hafteten, ließ man sie so gut es ging verschwinden. Dass diese Grenze demnächst durch den Brexit wieder zugeht, das sorgt auf beiden Seiten für Entsetzen wie Ratlosigkeit. Eine EU-Außengrenze hat Irland dann zu verwalten und zu sichern.

Sollte es zum harten Brexit, also Großbritanniens Austritt aus der EU ohne Vertrag kommen, werden hier Zölle und Lebensmittelkontrollen abgewickelt werden – und das, meint Carpenter, „ist das Schlimmste, was uns hier passieren könnte. Das Letzte was wir auf dieser Insel Irland brauchen, ist eine Behinderung für den Handel, der über die Grenze geht.“

Handel hin und her

Denn dieser Handel verläuft ähnlich unübersichtlich wie die Grenze selbst. Hin und her werden hier Güter geliefert, Käse in Nordirland produziert, wird in Irland verpackt, Hühner in Irland gezüchtet und in Nordirland geschlachtet, landen schließlich in den Sandwiches einer irischen Catering-Firma. Es gibt berühmte Beispiele für diesen Grenzverkehr, etwa Guinness-Bier, das im Süden gebraut und im Norden abgefüllt wird, oder Baileys-Likör, der auf dem Weg von der Milchkuh in die Flasche ein halbes Dutzend Mal die Grenze überquert. Doch der Großteil dieses Grenzverkehrs, erklärt Aidan Gough von Intertrade, einer gemeinsamen Handelsagentur beider Staaten, „sind kleine Firmen, die mit ihren kleinen Mengen, die sie über die Grenze bringen, kleine Gewinne machen – und die überleben keine neuen Zölle, Abgaben und Kontrollen.“

Abgehängt

Der Brexit also produziert wirtschaftliche Sorgen und Ängste auf beiden Seiten dieser Grenze. Gerade im wirtschaftlich viel schwächeren Nordirland fürchtet man nach dem EU-Austritt vom Aufschwung des Südens abgeschnitten zu werden. Denn der habe auch den Norden mitgenommen, habe dem Land, das nach 30 Jahren Bürgerkrieg und dem Untergang seiner Schiffsbauer immer noch damit beschäftigt ist, auf die Füße zu kommen, Auftrieb verschafft. Eine EU-Außengrenze vor der Nase, das verstärkt bei den Nordiren das ohnehin tief sitzende Gefühl der Isolation. London und Premier Boris Johnson, das hört man hier von Politikern wie von den Menschen auf der Straße, die würden sich nicht darum kümmern, was der Brexit für die Provinz da drüben in Irland bedeuten würde.

Was er aber sicher bringt, das hat sich in den Köpfen festgesetzt, ist ein Schritt zurück in die Zeit, aus der man sich ohnehin nur mühsam herausarbeitet: der Zeit des Bürgerkrieges, als Nordirland aus zwei feindlichen Welten bestand, der der pro-britischen Protestanten und jener der pro-irischen Katholiken.

Dass die radikalen Vertreter beider Seiten heute die stärksten politischen Parteien bilden, ist nur eines von vielen Symptomen dafür, dass die sich seit drei Jahren auch noch auf keine Regierung für Nordirland einigen können, unterstreicht nur den besorgniserregenden Befund. „Man hat das Gefühl, viele Menschen ziehen sich wieder in ihre ideologischen Bunker zurück“, sorgt sich Eric Convey, Stadtrat in Nordirlands Hauptstadt Belfast. Der 58-Jährige vertritt die Allianzpartei, eine Gruppierung, in der Katholiken und Protestanten gemeinsam vertreten sind, „zu fast genau 50 Prozent“, wie er mit gelassenem Stolz anmerkt. Ja, es gebe immer mehr Vertreter eines neuen Mittelstandes in Nordirland, die sich lieber um die Zukunft der Krisenregion kümmern würden als um irgendwelche religiös unterfütterte politische Feindbilder. Der zögerliche wirtschaftliche Aufschwung, der zumindest diese Gruppe dazu gebracht hat, das alles hinter sich zu lassen, der sei jetzt gefährdet. Für Conveys wirkliche Sorgenkinder aber hat dieser Aufschwung ohnehin nicht einmal angefangen.

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Katholiken nie gekannt

In Belfasts protestantischen Arbeitervierteln etwa hat sich die Armut so hartnäckig festgesetzt wie die Feindbilder und die Angst vor den anderen, den Katholiken. Dort, warnt der Stadtrat, würden die Terrorgruppen mit ihren Hassbotschaften bei vielen Jugendlichen auf offene Ohren stoßen. „Wenn man sich auf nichts anderes berufen kann, als diese protestantische Identität, dann hält man sich eben daran fest.“ Und in einem Land, in dem 90 Prozent der Kinder immer noch strikt getrennt katholische oder protestantische Schulen besuchen, wachsen die Mauern in den Köpfen in Krisenzeiten rasch wieder hoch.

Ein Jugendzentrum in Belfast vermittelt für Jugendliche wie die 16-jährige Rebecca Besuche in Schulen der anderen Glaubensrichtung. Ihre Schilderung, dass die Gleichaltrigen da drüben, „eh gar nicht anders sind als wir“, klingt wie ein Echo aus einer längst vergangenen Welt. Doch es ist genau dieses Echo, das dem Stadtrat Sorgen macht. Nein, der Brexit werde den Bürgerkrieg nicht zurückbringen, bemüht er sich um Gelassenheit, „aber allein der Gedanke, dass diese Grenze wieder zugeht, ruft die Erinnerungen an die Gewalt von damals wieder wach. Und wenn es nur ein Echo ist von all dem, was damals war, das kann doch niemand wollen.“

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