Politik | Inland
27.01.2018

Ludwig beerbt Wiens Bürgermeister Häupl

Stadtrat setzt sich mit 57 Prozent in Kampfabstimmung gegen Andreas Schieder durch.

Lange mussten die knapp 1000 Delegierten der Wiener SPÖ im Messezentrum warten, bis der letzte Stimmzettel ausgezählt war. Endlich, um 15.30 Uhr, trat Kai Jan Krainer, Vorsitzender der Wahlkommission, auf die Bühne: "Liebe Genossen, wir haben einen neuen Vorsitzenden", setzte er im Stile einer Papstwahl an. Er heißt Michael Ludwig. Mit 57 Prozent der Stimmen setzte sich der Wohnbaustadtrat gegen Klubobmann Andreas Schieder durch. Der 56-Jährige Floridsdorfer wird noch im Frühjahr Michael Häupl auch als Bürgermeister beerben.

Damit finden die seit Monaten tobenden Grabenkämpfe um die Nachfolge von Häupl ihr Ende. Die teils schmutzige Auseinandersetzung zwischen den Ludwig-Fans in den großen Flächenbezirken und den eher weiter links ausgerichteten Vertretern der restlichen Regierungsmannschaft lähmte die einst stolze Stadtpartei. Erst in den vergangenen Wochen fand man zu einem sachlicheren Stil zurück.

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Jetzt liegt es an Ludwig, die zerstrittene Partei wieder zusammenzuführen. Keine leichte Aufgabe, angesichts des Umstands, dass doch mehr als 40 Prozent der Genossen nicht ihn als Parteichef wollten. "Ich will auch all jenen die Hand reichen, die mich heute nicht gewählt haben", sagte er nach der Wahl. "Ab heute gibt es nur eine Partei", appellierte er an die Genossen und kündigte einen "Brückenschlag" an, um mit vereinten Kräften in die Wien-Wahl 2020 gehen zu können.

Mit Ludwig wird es jedenfalls umfassende Neustrukturierungen in der Partei und auch im roten Regierungsteam geben. "Wir werden bald eine Strategieklausur abhalten, wo wir uns inhaltlich und personell neu orientieren werden", kündigte er an. Er wünscht sich auch durchaus kontroversielle interne Diskussionen, "aber nach außen hin muss sich die Partei geschlossen positionieren".

Zunächst stehen aber für Ludwig Vier-Augen-Gespräche mit Häupl und den Spitzen der Bezirks- und Vorfeldorganisationen an. Wann genau die Übergabe des Bürgermeisteramts über die Bühne geht, will er im Einvernehmen mit dem Stadtchef klären.

Alles andere als der Wunschkandidat von Häupl, setzte sich Ludwig letztlich dank der Unterstützung der großen Flächenbezirke und der einflussreichen Gewerkschaft durch. Früh ins Rennen um die Häupl-Nachfolge eingestiegen, hatte er genug Zeit, Verbündete um sich zu scharen.

Sesselrücken

Zittern um ihre Posten müssen jetzt vor allem die prominenten Ludwig-Gegner in der Stadtregierung, wie etwa Renate Brauner und Sandra Frauenberger. Sie applaudierten bei der Bekanntgabe des Wahlergebnisses höflich, aber verhalten mit. Beim Umtrunk im Foyer des Messezentrums im Anschluss der Ludwig-Kür waren sie bald nicht mehr gesehen.

Erst im November hatte hingegen Schieder seine Kandidatur bekannt gegeben und dadurch einen deutlichen Start-Nachteil, obwohl er einen Großteil des Stadtratsteams hinter sich wusste. Noch am Parteitag selbst erntete er mit seiner beherzten, emotionalen Rede gegen Türkis-Blau deutlich mehr Applaus als Ludwig. Vor allem jüngere Genossen machten für den Penzinger noch einmal lauthals Stimmung. Es sollte aber nicht ausreichen.

Am allermeisten Applaus erntete an diesem Tag aber Michael Häupl, der sich nach fast 25 Jahren von der Parteispitze zurückzieht. Mit minutenlangen Standing Ovations quittierten die Genossen seine Ansprache. Er trete nach fast 25 Jahren bzw. 8600 Tagen mit großer Demut zurück, betonte er in seiner 40-minütigen Rede. "Ich danke euch dafür, dass ihr mich diese Arbeit machen habt lassen", sagte er, der seinen Auftritt für einen Frontalangriff auf Türkis-Blau nutzte: "Die FPÖ hat vor der Wahl alles versprochen und jetzt alles gebrochen. Sie sind die größten Verräter an den Interessen des kleinen Mannes. Wenn jemand gemeint hat, mit der FPÖ können wir leichter Sozialpolitik machen – das sehen wir gerade, dass das nicht geht. Die FPÖ ist genauso Partei des Großkapitals wie die Türkisen."

Launig gab sich Parteichef Christian Kern: "Heute Abend wird ein Roter gewonnen haben." Als es dann soweit war, lobte er Ludwig als "hervorragenden Kandidaten. Es gibt ab jetzt nur eine SPÖ Wien, die gemeinsam alles dafür tun wird, um den Angriff der schwarz-blauen Regierung auf Wien abzuwehren".

Emotionaler Abschied

Nach der Wahl erfolgte der emotionale Abschied von Langzeit-Parteichef Häupl. Unter anderem mit einem Bürgermeister-Song, vorgetragen von Ernst Molden.

Seinem Nachfolger wünscht Häupl in gewohnt launiger Art die nötige Fortune: "Auf Wienerisch gesagt: A Glück brauchst a. Weil auf der Titanic waren alle gesund, aber Glück haben sie keines gehabt." Schon am Abend hatten die drei Protagonisten Gelegenheit, die neue rote Einigkeit zu demonstrieren: Gemeinsam besuchten Häupl, Ludwig und Schieder den Ball der Wissenschaften im Rathaus.