Politik | Inland
27.01.2018

Ludwig: Ein Arbeiterkind aus Floridsdorf an der Spitze

Mit langem Atem hat sich Michael Ludwig über Monate hinweg als Nachfolger Häupls positioniert. Bis er es wirklich wurde.

Am Ende war es eindeutig. Mit 56 Jahren wurde Michael Ludwig von 57 Prozent der Delegierten zum neuen starken Mann der Wiener SPÖ gewählt.

Letztendlich hat sich sein Wille durchgesetzt. Keiner in der Wiener SPÖ wollte so sehr neuer Bürgermeister werden wie er. Das musste selbst der scheidende Bürgermeister Michael Häupl anerkennen – obwohl er persönlich wohl lieber Andreas Schieder als seinen Nachfolger gehabt hätte.

Ludwig ließ sich nicht beirren, investierte in den letzten zwei Jahren viele Kilometer, war in der ganzen Stadt präsent. Er traf sich mit Wirtschaftsvertretern ebenso wie mit Gemeindebaubewohnern. Er tourte durch die Bezirke, klapperte die Sektionen ab. Den Fleiß und die harte Arbeit bekam Ludwig in die Wiege gelegt.

Floridsdorf

Michael Ludwig ist ein Arbeiterkind. Geboren am 3. April 1961 in Wien, wuchs er zuerst in Neubau auf, zog dann mit seiner Mutter und der jüngeren Schwester nach Floridsdorf, wo er mit seiner Lebensgefährtin Irmtraud Rossgatterer bis heute lebt. "Er war ein ‚Zuagraster‘, so wie ich selbst", erinnerte sich Hilde Hawlicek vor einigen Monaten im KURIER-Gespräch. Die ehemalige Unterrichtsministerin war damals Bildungsobfrau in Floridsdorf und der junge Michael Ludwig sei ihr gleich aufgefallen. Im Arbeiterbezirk gab es anfangs Vorbehalte gegen den Studenten, doch Ludwig war unermüdlich unterwegs. "Wir hatten damals 32 Sektionen, und Michael war in allen stets vor Ort, um den Genossen die Arbeiterzeitung und Literatur nahezubringen", erzählt Hawlicek.

Rasch stieg Ludwig in den auf, wurde Bildungssekretär, engagierte sich bei den Volkshochschulen und half beim Aufbau der Parteiakademie. 1999 kam er in den Gemeinderat, 2007 wurde er Wohnbaustadtrat. Nebenbei schloss er ein Doktorat in den Fächern Politikwissenschaft und Geschichte ab.

Sein politisches Vorbild ist wenig überraschend Kreisky. "Er war ein Ermöglicher", sagt Ludwig. Das zweite Vorbild war seine Mutter. Sie war Alleinerzieherin und hat ständig gearbeitet, erinnert sich Ludwig. Unter der Woche in der Fabrik gleich nebenan, danach ging sie putzen, am Abend brachte sie Heimarbeit mit nach Hause. Am Wochenende half sie in einem Wirtshaus aus, um Michael und seiner Schwester ein Leben zu ermöglichen. "Da habe ich gesehen, was es heißt, zu arbeiten", sagt Ludwig.

Traum

Hart gearbeitet hat Ludwig auch an seinem Traum, Parteivorsitzender und Bürgermeister von Wien zu werden. Nach außen hin stets amikal und freundlich, nach innen durchaus mit lauten Tönen. Die Frage nach seiner Lieblingsmusik spiegelt auch seine Wandelbarkeit wieder: "Ostbahn Kurti und die Wiener Symphoniker". Ludwig ist so wie Häupl sehr belesen, kann aber im direkten Gespräch im Gemeindebau oder bei Veranstaltungen sehr leutselig sein. Er hat den Archetyp eines SPÖ-Politikers bis in die kleinste Pore aufgesogen: Immer unterwegs, Händeschütteln, nett sein und freundlich, immer ein Ohr für jeden haben. Auch für die Vertreter der Außenbezirke, die sich in den vergangenen Jahren in seinem Büro die Klinke in die Hand gaben. Sie waren unzufrieden mit der Willkommenspolitik Häupls, dem Kurs von Rot-Grün und dem Erstarken der FPÖ in ihren Bezirken. Sie sehen in Ludwig den Ermöglicher ihrer Wünsche.

In der Stadtregierung ist Ludwig weitgehend isoliert. Sprachen sich doch fast alle Stadträte für seinen Konkurrenten Andreas Schieder aus oder hielten sich – wie etwa Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny – vornehm zurück. Die Liste seiner Unterstützer ist daher außerhalb des Rathauses zu finden. Gewerkschaftsvorsitzender Christian Meidlinger, Arbeiterkammerpräsident Rudi Kaske aus der Gewerkschaft aber auch Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres. Sie alle bescheinigen Ludwig eine große Volksnähe. "Er gibt einem das Gefühl, sich ernsthaft für dich und deine Probleme zu interessieren", sagt ein Wegbegleiter, der nicht zu seinen Unterstützern zählt.

Dieses Gespür wird Ludwig auch brauchen, denn er muss die Parteiflügel einen und ein schlagkräftiges Team für die Gemeinderatswahlen aufstellen. Das wird eine Herausforderung, muss er doch die Partei mit linker Politik gegen Schwarz-Blau positionieren, gleichzeitig aber auch eine Antwort auf die Erstarkung der FPÖ in den Flächenbezirken finden und hier die Themen Sicherheit und Soziales ansprechen.

Ludwig brachte als Wohnbaustadtrat bei den Gemeindewohnungen die soziale Komponente ein, indem er die Wohnpartner schuf, die das Zusammenleben in den Bauten verbessern sollten. Jetzt braucht er Partner in der Stadtregierung, um das Zusammenleben in der Partei wieder zu verbessern.