Ein Vierer mit Schmäh: Guido Tartarotti, Birgit Braunrath, Dieter Chmelar und Michael Pammesberger

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Politik Inland
04/01/2019

KURIER startet Satire-Portal: "Beim Humor hört sich der Spaß auf"

Heute startet "kuriermitschlag.at". Die vier Wuchtelsüchtigen Tartarotti, Braunrath, Chmelar und Pammesberger im Interview.

von Ida Metzger

Zum Auftakt des neuen Satire-Portals kuriermitschlag.at (Start am 1. April) erzählt das beteiligte Witz-Quartett, ob Lachen auch Notwehr ist und welche Persönlichkeit es am  liebsten aufs Korn nimmt. Ein nicht ganz ernstes Interview.

KURIER: Was darf man sich von dem Satireportal erwarten? Nehmt ihr da auch den KURIER selbst auf die Schaufel? Im Werbevideo fürs Portal wird sogar KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon von ihrem Platz am Newsdesk entfernt.

Michael Pammesberger: Ja, es reicht, wir übernehmen den Laden. Also wenn die Chefredaktion das genehmigt und bezahlt.

Birgit Braunrath: Das ist doch keine Revolution, nur eine freundliche Übernahme. Wir schieben Martina Salomon in unserem Vorstellungstrailer samt Schreibtischsessel aus dem Newsroom, aber wenn sie macht, was wir sagen, darf sie natürlich wieder kommen und kriegt von Dieter Chmelar ein paar Wuchteln mit Powidl und Zucker serviert.

Dieter Chmelar: Mir ist die Befindlichkeit der Chefredakteurin tatsächlich „powidl“ – ich müsste gar nicht mehr arbeiten, ich mach es nur noch wegen des Geldes. Im Ernst: Ich finde es tapfer und leidensfähig, dass sich die Martina Salomon das antut. Denn aus meiner ziemlich genau 40-jähriger Berufserfahrung weiß ich vor allem eines von Vorgesetzten aller Gewichtsklassen: Beim Humor hört sich sehr gern der Spaß auf.

Guido Tartarotti: Die Gefahr besteht, dass wir als vierblättriges Feigenblatt gesehen werden. Ich sehe meine Funktion nicht so. Satire kennt für mich keinen Zweck, sie ist einfach.

Herr Pammesberger, am 1. April wird das Satireportal in der Urania gelauncht. Bei diesem Event wird es eine Zeichenschule mit Ihnen geben. Können alle Menschen zeichnen? Und wie karikiert man kritisch?

Pammesberger: Ja, es wird großartig! Mir ist die Idee in Florenz gekommen, mir schwebt eine Art Schule oder Werkstatt wie bei Leonardo da Vinci vor: Es wird lauter kleine Pammesberger geben. Kickl kann sich warm anziehen! Die andere Seite natürlich auch!

Chmelar: Also: Ich bin lieber vom Leben gezeichnet als vom Pammesberger karikiert.

Was darf Satire? – Kurt Tucholsky meinte: „Alles“. Folgen Sie dieser These?

Tartarotti: Satire darf alles. Die Frage ist, ob sie alles muss.

Braunrath: Satire darf alles, ja, sie sollte sich dabei aber selbst noch in den Spiegel schauen können.

Chmelar: Ich bin unlängst am Spiegel vorbeigegangen und habe festgestellt: Ich muss abnehmen – und zwar den Spiegel.

Pammesberger: Satire, im Ernst, davon verstehe ich nichts: Ich mein es ja immer ernst! Todernst. Aber Spaß beiseite: Ich mach genau das, was ich immer mache. Witzig, jetzt schreiben sie „Satire“ drüber. Auch traurig, wenn’s nicht lustig wäre.

Wer ist die Wuchtel-Maschine in diesem Satire-Quartett?

Tartarotti: Ohne jede Frage: Dieter. Dieter leidet an Wuchtel-Sucht. Er kann gar nicht anders, als zu allem und jedem einen Witz zu machen.

Braunrath: Dieter bringt kein Wort ohne Witz über die Lippen. Er selbst behauptet, das sei eine Krankheit – die Witzelsucht, Moria genannt. Ich halte es eher für Genialität. Und sollte es sich tatsächlich um ein Krankheitsbild handeln, hoffe ich, dass dagegen kein Kraut gewachsen ist, weil es ein Fundament unseres Satireauftritts ist. Und obendrein ein Fundament meiner guten Laune bei der Arbeit.

Pammesberger: Guido und Birgit haben recht: Dieter! Größte Wuchtelschleuder seit der legendären Frau Hawelka. Das gesamte Projekt ist um ihn herum gebaut, ich sehe mich nur als schmückende Beilage, quasi Vanillesauce.

Chmelar: Witz ist nicht alles, aber ohne Witz ist alles nichts. Der große Hans Moser sagte: „Wer keinen Spaß versteht, versteht meist auch keinen Ernst.“ Und Peter Ustinov sagte: „Humor ist nur eine lustige Art, die Wahrheit zu erzählen.“ Das Wort „Witz“ kommt von „wit“ und heißt „Verstand“. Ich lebe nach dem Grundsatz: „Die Angst vor dem Kalauer ist das Grab der besten Scherze.“

 

Was fordert Satire? Was wollt ihr erreichen? Und wen wollt ihr erreichen?

Tartarotti: Eine sehr arrogant klingende, aber ehrliche Antwort: Ich schreibe und spiele immer in erster Linie für mich selbst. Was andere damit machen, darauf habe ich keinen Einfluss. Ich habe jedenfalls keinerlei Talent zum Missionar oder Lehrer.

Chmelar: Ich halte es mit Rudi Carrell, einem von abgehobenen Intellektuellen „am laufenden Band“ gern unterschätzten großen und genialen Clown: „Es hat sich herausgestellt, dass das lustig ist, worüber die Menschen lachen.“ Werner Schneyder, meinem jahrzehntelangen Forderer und Förderer, von dem ich – no, na! – einen viel zu großen Mantel geerbt habe, sagte: „Satire ist nicht der Feind der heilen Welt, sondern die Forderung danach.“

Braunrath: Ich will nichts erreichen, ich will mich erleichtern. Das Lachen herausoperieren, das mir manchmal angesichts der Nachrichten im Hals stecken bleibt. Operation Satire sozusagen.

Pammesberger: Jedenfalls die, die die Zeitung oder die Seite abonnieren. Und nicht die anderen Gratis-Schnorrer.

Ist die Zeit, in der wir leben, gut für Satiriker?

Chmelar: Ich bin gnadenloser Spötter, kein begnadeter Satiriker. Die Frage muss also wer anderer beantworten. Guido, ist die Zeit gut für dich?

Tartarotti: Nein. Die Realität ist immer öfter von der Satire nicht zu unterscheiden. Bestes Beispiel: Donald Trump. Genau genommen ist er ein gigantisches Satireprojekt.

Braunrath: Nicht für die Feigen. Gesellschaft und Politik werden zunehmend spaßbefreit. Dieser Klimawandel bringt heftiges Shitstormunwetter und drohendes Donnergrollen mit sich. Da hilft aber keine Hagelversicherung und kein Schwanz- einziehen, da hilft nur, Mut und Gleichmut in Balance zu halten.

Pammesberger: Jedenfalls sind die Satiriker gut für die Zeit, in der wir leben.

Eine Rubrik von Euch wird der Tweet der Woche. Wie würde der Tweet dieser Woche lauten?

Tartarotti: Weiß ich nicht. Mir geht Twitter auf die Nerven. Aber ein Twitter-Freund von mir hat kürzlich eine wunderschöne Interpretation des Liedes „Le vent nous portera“ von Noir Desir getwittert - DAS fand ich gut.

Braunrath: Da muss ich, bitte, auf den 21. 3. zurückgreifen, weil für mich so unsagbar fein und gleichzeitig messerscharf formuliert: Dieter Chmelars „Wahr ist viel mehr.“ (Er bezog sich mit diesem satirischen Vorschlag einer „Entgegnung“ auf den Vorwurf des Bundeskanzlers, Ö3 hätte „falsch“ über die aktuelle Anhebung der Parteienförderung berichtet.

Pammesberger: Das wär mein erster!

Chmelar: Ich mag: „Kickl liegt Kurz in den Ohren, was auch bildlich möglich erscheint“ – vielleicht, weil der Tweet von mir ist. Ich finde aber auch einen anderen Tweet gut, zufällig auch von mir: „Schade, dass nicht der Kurz in Abu Dhabi blieb und dafür der Lipizzaner zurückgekommen ist.“

Dieter Chmelar ...

... hatte zwei Dinge noch nie in seinem Leben: Angst und Geld. Nach seinem Start als KURIER-Sportreporter mit dem Unterliga-Schlager Kaiserebersdorf gegen Stadlau (0:0, 1979), wurde er zum  unbegreiflichen Begriff in Film, Stunk und Fernsehen. Sein aktuelles Solo-Kabarett heißt daher: „Wissen Sie  nicht, wer ich war?“  

Birgit Braunrath ...

... ist die Quotenfrau im Team. Hat nie Zeit, weil sie im Gegensatz zu den Männern echt was hackelt. Sie ist  die, die, äh, der, nie fad ist: Schreibt ihre Meinung auf Seite 1, tritt mit  Ex-Mann Guido Tartarotti „Glücklich geschieden“ in der „Kulisse“ auf, leitet eine Eltern-Babygruppe, ist Bibliothekarin ... 

Guido Tartarotti...

... schreibt in "KURIER mit Schlag" Alltags-Satire unter dem Titel „Guitars Schlager“. Kulturjournalist, Kolumnist (die Glossen auf Seite 1 und die „ÜberLeben“-Texte in der KURIER-freizeit). Tritt seit 2008 als Kabarettist auf und ist Teil der neuen Comedyshow „Die Tafelrunde“ auf ORFIII.  

Michael Pammesberger ...

... ist der bekannteste Karikaturist des Landes. Seit  22 Jahren zeichnet er für den KURIER  mit vergnüglichen Strichen das politische Geschehen. Vor seiner spitzen Feder ist kein Politiker sicher. Trotzdem hat  Pammesberger in der Politikszene eine große Fangemeinde.   

Welche Polit-Figur(en) liefert(en) derzeit am meisten Stoff?

Tartarotti: Kickl. Nur, dass Satire über ihn nicht lustig ist, sondern deprimierend.

Chmelar: Eindeutig Donald Trump. Meine Frage seit 2016 lautet: Wenn Trump verrückt wird – woran merken wir das?

Braunrath: Theresa May. Die Frage ist nur, ob sie das bei Erscheinen dieser Ausgabe immer noch tut oder schon auf dem Weg in die Geschichtsbücher und in die Pension ist.

Und welche Figur am wenigsten?

Chmelar: Der Benko. Wenn jemand schon so heißt, ist es sogar mir zu billig, ihn durch den Kakao zu ziehen. Oder der Pressesprecher von Kurz – Launsky-Tieffenthal, eine Art Seyffenstein des inhaltlosen, wenn auch nicht ganz gehaltlosen Geschwurbels. Den bedaure ich sogar ein kleines bisschen, weil er was zu sagen hätte, aber nichts zu reden hat.

Tartarotti: Kurz finde ich sehr langweilig.

Braunrath: Wolfgang Sobotka. Wer hätte das gedacht? Aber er ist als Nationalratspräsident beinahe unauffällig staatstragend im herrschenden Politikzirkus.

Pammesberger: Innenminister, Bundeskanzler, Chefredakteure. Sie triumphieren, sie ziehen vorbei, sie treiben flussabwärts, der Karikaturist sitzt am Ufer, er schaut, er zeichnet, er bleibt.

Eine Rubrik wird heißen: Das nie geführte Interview. Umgekehrt gefragt: Gibt es jemanden, den Sie nie als Interviewpartner haben möchten?

Tartarotti: Ich würde jeden gerne interviewen. Am liebsten Keith Richards und Kim Jong-Un. Aber nicht zusammen.

Braunrath: Dieter Chmelar und Guido Tartarotti, weil ich da nicht zu Wort käme. Mit Frank Stronach war es übrigens ähnlich. Vielleicht sollten wir den auch für unser Satireprojekt anfragen. Und Robert Hartlauer hat beinhart zurückfotografiert, mit zwei Kameras, das war auch nicht ohne.

Chmelar: Mich. Ich würde mir ständig selbst ins Wort fallen. Mein Motto lautet schließlich: „Sprechen Sie nicht, wenn ich Sie unterbreche.“

Ist Lachen ein Ventil und die Notwehr der Wehrlosen?

Tartarotti: Lachen ist die Notwehrwaffe gegen das Leben.

Chmelar: Manchmal gilt allerdings auch: Humor ist, wenn man trotzdem nicht lacht.

Braunrath: Lachen ist eine kostengünstige, nebenwirkungsfreie Methode, das Immunsystem zu stärken. Und das schadet nie, schon gar nicht, wenn Neid, Missgunst und Erfolgssucht regieren, die sollen ja hoch ansteckend sein, höre ich.

Birgit Braunrath und Guido Tartarotti arbeiten Ihre geschiedene Ehe derzeit in einem Kabarett ab. Wie scheidet man sich glücklich?

Tartarotti: Indem man nicht vergisst, warum man einmal geheiratet hat. Indem man sich Zeit nimmt. Und indem man viel, viel lacht. In der Not füreinander da zu sein, hilft auch. Ich war zuletzt mit der Birgit Abendessen, vor einem gemeinsamen ORF-Auftritt, und es war der angenehmste, unterhaltsamste und inspirierendste Abend, den ich seit Langem erlebt habe.

Braunrath: Nach dem Prinzip leben und leben lassen. Mit Ehrlichkeit, Toleranz und der unerschütterlichen Entschlossenheit, sich selbst, den Kindern und dem Ex-Partner das bestmögliche Leben zu ermöglichen. Abrechnung und Revanche ist für viele der logischere Weg. Aber Hass kettet aneinander und verhindert oft, dass man richtig frei wird für was Neues. Guido und mich kettet nur der gemeinsame Humor aneinander, das ist hoffentlich fesselnd im besten Sinn.

Chmelar: Frauen heiraten, weil sie das Alleinsein satthaben. Und aus demselben Grund lassen sie sich wieder scheiden.

Pammesberger: Wie es momentan also ausschaut, wird Guido Tartarotti wieder die Birgit und dazu den Dieter Chmelar heiraten und ich auch die Birgit Braunrath...nach unser aller Scheidung wird es ein Kabarettprogramm geben...aber hallo!

Ist die Gefahr der Satire, dass sie die Angegriffenen zu populär macht?

Chmelar: Der legendäre und wohl auch größte Showmaster aller Zeiten, Hans-Joachim Kulenkampff, warnte einmal so trefflich: „Allzu viel Popularität macht unbeliebt.“

Tartarotti: Darüber denke ich keine Sekunde nach.

Braunrath: Gelungene Satire stellt im Herzen des Empfängers mehr klar, als der Kopf wahrnimmt.

Pammesberger: Ja, äh, hmm, haben wir jetzt nicht bedacht... Moment.