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Politik Inland
01/26/2020

Köstinger: "Früher war ein Stück Fleisch wirklich etwas wert"

Landwirtschaftsministerin Köstinger über leistbare Lebensmittel, Fridays for future und höhere Zölle auf Kiwis aus Neuseeland.

von Bernhard Gaul, Johanna Hager

Elisabeth Köstinger gehört nach der ÖVP-FPÖ-Regierung auch dem Kabinett Kurz II als Landwirtschaftsministerin an. Die gebürtige Kärntnerin erklärt, was sie alles für den Agrarbereich zu tun gedenkt und warum sie mit dem Begriff des Bauernsterbens ein Problem hat. 

KURIER: Das Bauernsterben hält jetzt seit den 1970ern an. Woran liegt das?

Eigentlich gibt es diesen Strukturwandel seit Beginn der Industrialisierung in der Landwirtschaft. In den 1970er Jahren gab es am Land noch bei fast jedem Einfamilienhaus einen Stall mit zumindest einem Schwein und einer Kuh. Das hat sich verändert. Der Strukturwandel verlief außerdem bis zum EU-Beitritt schneller als nach dem Beitritt 1995.

Was sind denn die Gründe?

Die sind vielschichtig. Die Lebensmittel mussten immer günstiger werden. Die europäische Agrarpolitik hat das Ziel, leistbare, günstige Lebensmittel für die Bevölkerung bereitzustellen. Das ist in den EU-Verträgen verankert.

Halten Sie den Passus in den EU-Verträgen für falsch?

Für die Konsumenten nicht. Für die Bauern ist der Druck ein großes Problem. Bei der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU ist seit 50 Jahren das Agrarbudget rückläufig. Der Anteil betrug 1955 noch 75% vom EU-Budget. Damals waren sich alle EU-Staaten einig, die Bevölkerung mit leistbaren Lebensmitteln versorgen zu müssen. Das hat irgendwann zu den berühmten Butterbergen und Milchseen geführt. Danach hat man umgestellt auf Flächenzahlungen. Der markanteste Einschnitt war die Reform von EU-Agrarkommissar Franz Fischler in den 1990er Jahren. Fischler hat zwei Säulen geschaffen: die Direktzahlungen in der ersten Säule und die ländliche Entwicklung in der zweiten. Darin ist die Bergbauernförderung, die Agrarumweltförderung oder die Bioförderung enthalten. Die Mehrleistung der Bauern wurde also abgegolten.

Der Bilderbuch-Bauernhof mit ein paar Kühen, Schweinen, Schafen und Hühner rechnet sich aber nicht?

Wenn man sich anschaut, wie viele Kleinbetriebe sich schon komplett von den Märkten entkoppelt haben, indem sie Direktvermarktung machen, sieht man, was da geht. Wir haben im EU-Vergleich bereits den höchsten Anteil an Direktvermarktern, fast ein Drittel. Das ist ein beinhartes Geschäft für den Betrieb. Da steht meist die ganze Familie 20 Stunden im Betrieb. Andererseits ist es eine Einkommenschance. Weil eine Vielzahl der Konsumenten mittlerweile bewusst einkauft, und wissen will, woher die Lebensmittel kommen, wie produziert wird. Und diese auch bereit sind, einen entsprechenden Preis zu zahlen. In einem weltweiten Ranking liegt Österreich auf Platz 1 der nachhaltigsten Landwirtschaften.

Was müsste Butter kosten, damit sich das für die Bauern auszahlt?

Alle Produktarten haben eigene Mechanismen. Wir produzieren mehr als 150 Prozent der für unseren Markt benötigten Milch. Wir sind extrem exportabhängig. Bei Geflügel haben wir hingegen einen Selbstversorgungsgrad von nur 70 Prozent, bei Gänsen 24 % und bei Enten 13 %. Und trotzdem ist Geflügel bei uns sehr günstig. Bei der Milch gibt es inzwischen stark nachgefragte Produkte wie die Bioheumilch, die für einen Boost bei der Grünlandwirtschaft gesorgt hat. Der Absatz ist vorwiegend in Deutschland und hat in den Grünlandregionen in Salzburg oder Tirol viele Bauern gerettet.

Deutschland ist Österreichs wichtigster EU-Exportmarkt und produziert selbst Milch. Gleichzeitig ist kommt die beliebteste Butter der Deutschen aus Irland. Müssen die Konsumenten mehr sensibilisiert werden, was Nachhaltigkeit betrifft? 

Das machen wir schon seit Jahrzehnten etwa mit dem AMA Gütesiegel. Wir sind aber im europäischen Binnenmarkt. Die Vorschläge der EU-Kommission mit dem Green Deal und der Farm-to-fork-Strategie gehen in Richtung regionale Kreisläufe, Direktvermarktung, regionale Herkunft. Das, was wir in Österreich seit Jahrzehnten unterstützen.

Müssen die Konsumenten noch mehr über Nachhaltigkeit informiert werden?

Wenn Sie sich die Werbeangebote und die Strategien der Handelsketten anschauen, hat man als Konsument das Gefühl, das fast hundert Prozent BIO verkauft wird. Andererseits werden dann Eigenmarken zu wenigen Cent neben dem Bioprodukt platziert. Der mündige Bürger steht dann vor dem Regal und greift zum Billigeren. Vor 30 Jahren hat der durchschnittliche Haushalt rund 30 Prozent des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben, jetzt sind wir bei acht Prozent. Unser gesamtes Konsumverhalten hat sich verändert. Früher war ein Stück Fleisch wirklich etwas wert und ist nicht sieben Mal die Woche auf den Teller gekommen, sondern nur zwei oder dreimal, und die Reste sind verkocht worden. Das ist doch das große Thema. Die Fleischdebatte geht aus meiner Sicht in die falsche Richtung.

Inwiefern?

Jene, die bewusst kaufen, verzichten jetzt auf Fleisch, obwohl das genau die waren, die ohnehin drauf geschaut haben, wo ihr Essen herkommt und bereit waren, mehr dafür auszugeben. Da müssen wir hin. Es muss nicht jeden Tag Fleisch am Teller sein, aber wenn, dann sollte es besonders und regional sein.

Das Bauernsterben findet trotz aller Förderungen statt.

Ich tue mir schwer mit dem Begriff des Bauernsterbens, weil sie ja nicht sterben, sondern Betriebe auch übernommen werden. Das ist ein extrem harter Beruf, man ist 365 Tage pro Jahr im Einsatz, ohne Urlaubsansprüche oder anderen Komfort. Ein Leben mit einer 38,5-h-Woche, fünf Wochen Urlaubsanspruch und einem geregelten Einkommen hat da natürlich für manche Junge einen größeren Reiz. Dann übernehmen oft Nachbarn den Hof bzw. die Bewirtschaftung. Nicht nur die Äcker und das Weideland, sondern auch die Hofstellen. Ich kenne Bauern, die drei Höfe bewirtschaften: An einem Standort machen sie die Milchproduktion, die Kälberaufzucht an einem anderen. In den Gunstlagen war der Strukturwandel um einiges schneller als etwa im Berggebiet. Speziell in den Ackerbauregionen haben wir große Schwierigkeiten. Den Strukturwandel konnten wir laut einer Studie des WIFO im Vergleich zu anderen EU-Ländern, z.B. Frankreich, sehr stark verlangsamen. Nicht zuletzt, weil wir mit der Ländlichen Entwicklung eine ganz andere Strategie gewählt haben.

Die durchschnittliche Betriebsgröße ist im Vergleich zu Deutschland etwa ein Zehntel. Liegt es daran?

Wir verfolgen eine andere Politik, wir wollen bei uns keine großen Agrarfabriken. Das Problem ist, obwohl wir so ein starkes Bekenntnis zu bäuerlichen Landwirtschaft haben, schaffen wir es nicht, den Wandel aufzuhalten. Ich war lange im EU-Parlament und kenne die Ausrichtung der Agrarpolitik der einzelnen Länder gut. Wir haben in Österreich immer wieder reformiert, in Bildung investiert. Wir sind wahrscheinlich eines der Länder, das am meisten auf Betriebskooperationen setzt, auf Diversifizierung. Ein großes Thema ist die Lebenssituation der Bauern selbst.

Gemäß dem TV-Format "Bauer sucht Frau"?

Der Preisdruck macht etwas mit den Familien, da gehen Ehen auseinander, weil es sich hinten und vorne nicht mehr ausgeht. Den gesellschaftlichen Wandel machen die Bauern ja auch mit. Nirgendwo ist die Familie so wichtig wie auf den Höfen. Speziell die Frauen spielen eine unglaubliche Rolle in Österreich. Fast 35 % unserer Betriebsführer sind Frauen. In Irland sind es 2 oder 3 Prozent. Unsere Frauen tragen die Betriebe und entwickeln sie weiter, mit Urlaub am Bauernhof, mit der Direktvermarktung, aber auch mit Greencare.

Was ist Greencare am Bauernhof?

Das sind Bauernhöfe mit einem aktiven Betrieb, die eine soziale Dienstleistung anbieten wie Altenpflege und Kinderbetreuung. Die Höfe sind zertifiziert und an hohe Auflagen gebunden.

In der EU stehen weitere Kürzungen des Agrarbudgets von bis zu 120 Millionen pro Jahr nur für Österreich an. Wie passt das zusammen mit der Green Deal-Strategie der neuen EU-Kommission, alles nachhaltiger und grüner machen zu wollen?Der Vorschlag ist noch von der Juncker-Kommission gekommen. Der neue EU-Agrarkommissar hat, wenn auch etwas verklausuliert, genau das kritisiert. Er hat bei seinem Besuch in Österreich klar gemacht, dass er gegen Kürzungen im Agrarbereich ist.  Es wird Finanzmittel für den Green Deal geben. Es macht Sinn, einen stärken Fokus auf Klima- und Umweltschutz bei der Landwirtschaft zu legen, so wie wir das in Österreich schon lange tun. Für mich müssten die Mehrleistungen der Landwirtschaft stärker unterstützt werden. Das ist eine Leistung an der Gesellschaft. Etwa, dass sie rund um die Äcker Blühstreifen belassen müssen, was für die Bauern derzeit ein unglaubliches Reizwort ist.

Warum sind Blühstreifen ein Reizwort?

Weil die Bauern Anbaufläche verlieren. Ich habe Bauern kennengelernt, die Vieh verkaufen mussten, weil sie nicht mehr genug Futter hatten. Das zweite ist: Die EU zahlt für Biodiversität Ausgleichszahlungen von 250 Euro. Dann glauben alle, dass die Bauern davon profitieren, weil sie wieder eine Förderung bekommen. Jeder Bauer will vom Erlös seiner  Produkte leben können, und nicht nur mit Förderungen und Ausgleichszahlungen über die Runden kommen.

Sehen Sie eine Chance, das EU-Budget noch zu ändern?

Jedenfalls. Ich glaube, dass diese Kürzungen so nicht stehen bleiben können. Auch politisch geht es sich nicht aus. Im Green Deal steht ja überall, der Bioanteil und die Umweltauflagen müssen erhöht werden. In beiden Bereichen ist Österreich ein Vorbild für Europa.

Wenn gekürzt wird, wird Österreich das ausgleichen?

Grundsätzlich ginge das, auch EU-rechtlich. Die Franzosen sind einen ganz anderen Weg gegangen. Dort gibt es fast nur Förderungen aus der ersten Säule für die Fläche und nichts in der ländlichen Entwicklung.

Kommen jetzt Obergrenzen bei den Förderungen, die ja nur den Großbetrieben zugutekommen?

Wenn die EU-Kommission das ernst nimmt, gibt es mit dieser Agrarreform verpflichtende Obergrenzen, die EU weit einheitlich geregelt sind. An uns wird das sicher nicht scheitern, sondern wenn, dann an jenen Staaten, die an der Intensivproduktion festhalten.

Sollen wir irgendwann hundert Prozent Bioanteil haben?

Wenn der Produktpreis passt, wird sich das von selbst entwickeln. Nur hatten wir in den letzten fünf Jahren 20 Prozent Zuwachs bei Bio. Österreich hat den höchsten Anteil an Bio-Anbau der Welt. Der Preis für Biogetreide ist aber um 28 Prozent gesunken. Das ist das Dilemma, in dem die Landwirte sind. Auch andere Staaten legen beim Bioanteil zu, und wenn Deutschland das macht, wirkt sich das sofort auf den Preis in Österreich aus. Wir müssen die Nachfrage und den Konsum stärken.

Apropos Export: Sollten Steaks aus Argentinien oder Kiwis aus Neuseeland mit einer CO2-Steuer versehen werden, die sich am Transportweg bemisst?

Das ist ein konkreter Vorschlag der EU-Kommissionspräsidentin. Wir unterstützen das und haben diese Ideen auch im Regierungsvertrag verankert. Beim Fleisch geht es ja um Südamerika, dort werden Wälder unwiederbringlich niedergebrannt, um Weideflächen zu schaffen. Andererseits kooperieren China und Russland inzwischen. Sie bauen Milchbetriebe mit 1,5 Millionen Hektar für hunderttausende Kühe. Deswegen tue ich mir so schwer, wenn in Österreich von Agrarindustrie gesprochen wird. Wenn man sieht, was woanders wie entsteht: Das möchte ich niemals in Österreich sehen müssen. Diese Industrie würde es nicht geben, wäre nicht der Hunger nach billigem Fleisch und billigen Lebensmittel so groß. Und in dem Spannungsverhältnis arbeiten unsere Bauern.

Gibt es nicht eine Welle mit den Fridays for future, die eine Änderung zeigt?

Das zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten. Jede Umfrage, die wir gemacht haben, etwa nach verpflichtender Herkunftskennzeichnung, ergibt, dass jeder „Ja“ dazu sagt. Dass es BIO und gentechnikfrei sein muss. Aber vor dem Regal entscheidet sich die Mehrzahl der Konsumenten nicht dafür.

Dafür kommt jetzt eine bessere Herkunftskennzeichnung? Was ist geplant?

Wir wollen eine verpflichtende Herkunftsbezeichnung bei Fleisch, Milch und Eiern, für verarbeitete Produkte ab einem Produktanteil von über 50 Prozent. Auch in Kantinen, Großküchen und der öffentlichen Beschaffung wollen wir die Herkunft kennzeichnen. Ich habe die Hoffnung, dass es Konsumenten, die sich jetzt aus der Verantwortung stehlen mit dem Argument „ich habe es nicht gesehen“, künftig nicht mehr gibt.

Worum geht es Ihnen beim geplanten „Klimateller“?

Dass auf den Teller saisonale, regionales und womöglich auch biologisches Essen kommt, vor allem in Kantinen.

Sollte bei Nahrungsmitteln und Essen auch der Co2-Fußabdruck ausgewiesen werden?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die wenigsten Menschen sich unter Gramm oder Tonnen von C02 etwas vorstellen können. Ich bin überzeugt, dass die Herkunftsbezeichnung mehr wirkt als der CO2-Abdruck.

Stichwort Dieselprivileg: Wie lange soll es nun tatsächlich bestehen bleiben, zumal es schon E-Traktoren gibt.

Es geht um „sowohl als auch“. Ich habe gerade den ersten Hybrid-Traktor von Steyr gesehen. Zudem kann die Landwirtschaft alternative Treibstoffe produzieren wie E 10, also Bio-Ethanol.  Es gibt auch für manche Anwendung E-Traktoren zum Beispiel im Weinbau oder für den Hofbetrieb. Aber solange nicht gewährleistet ist, dass der Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien gespeist wird, macht ein Umstieg keinen Sinn.

Auch Altspeiseöl kommt mittlerweile zum Einsatz?

Ja, das ist das beste Beispiel für die Kreislaufwirtschaft. In Zukunft wird ein Produkt nicht mehr nur ein Mal verwendet. Die Zukunft wird auch in der Holzvergasung liegen. Die Technik macht es aber auch möglich, aus Gülle Gas zu gewinnen und damit Erdgas zu ersetzen. Holz lässt sich mittlerweile zu Diesel umwandeln. Aufgrund des Schadholz-Volumens in Österreich kann das zu einem Geschäftszweig werden.

Was können Sie als Ministerin gegen das Aussterben der Ortskerne am Land tun, zumal die Raumordnung Ländersache ist.

Österreich war Europameister im Bodenverbrauch. In Spitzenzeiten wurden 24 Hektar pro Tag an Boden versiegelt. Jetzt sind wir bei 11. Daran sehen wir, dass Trends umkehrbar sind. In Oberösterreich ist es Landesrat Markus Achleitner gelungen, dass es keine Flächenwidmungen für Parkplätze bei Einkaufszentren gibt. Diese Zentren müssen mehrgeschossig und wenn möglich mit Photovoltaik-Dächern gebaut werden. Altbauten in Stadtzentren zu sanieren wird zudem attraktiver werden durch vereinfachte Bau- und Förderrichtlinien.