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Umfrage
05/07/2014

Jeder Dritte will einen "Führer"

Vor allem die Wirtschaftskrise führt dazu, dass sich Menschen vermehrt nach autoritären Machthabern sehnen.

von Maria Kern

Die Entwicklung ist kurios und bedenklich zugleich: In Österreich ist der Antisemitismus zwar "stark zurückgegangen", sagt der Historiker Oliver Rathkolb. Aber: Der Wunsch nach einem "starken Führer" ist gestiegen. Fast ein Drittel der Österreicher (29 Prozent) sehnt sich nach einem autoritären Machthaber. Das ergab eine Studie über das "NS-Geschichtsbewusstsein und autoritäre Einstellungen" des Sora-Instituts und des Instituts für Zeitgeschichte der Uni Wien, die vom Zukunftsfonds gesponsert wurde.

Warum wünschen sich die Menschen vermehrt einen "starken Führer"? "Ich führe das auf die nachhaltige sozioökonomische Krise zurück. Was sicherlich fehlt, ist auch eine klare Zukunftsvision. Das verunsichert noch mehr", erläutert Rathkolb. Das Phänomen sei "ähnlich wie in der Zwischenkriegszeit. Sozioökonomische Apathie führt zu einer Führersehnsucht".

Von der Gruppe mit Matura oder höherer Ausbildung wollen 21 Prozent eine Person an der Macht sehen, die sich nicht um Wahlen und Parlament kümmern muss. Von der Gruppe mit niedrigerem Bildungsniveau sagen hingegen 32 Prozent Ja zu einem Alleinherrscher. Verunsicherte Menschen (schlechte Perspektiven, orientierungslos etc.) sind auch vermehrt für einen Diktator. Mehr als die Hälfte der Verunsicherten sind übrigens potenzielle FPÖ-Wähler, erklärt Martina Zandonella vom Sora-Institut.

Opfermythos lebt weiter

Erstaunlich ist auch, dass nur etwa die Hälfte der Österreicher sagt, der Nationalsozialismus habe nur oder großteils Schlechtes gebracht. 36 Prozent sehen darin nach wie vor sowohl Gutes als auch Schlechtes; drei Prozent meinen, er habe nur Gutes bewirkt). Allerdings hatten 2005 sogar noch 44 Prozent "Gutes und Schlechtes" attestiert. Der Aussage, dass Österreich das erste Opfer des Nationalsozialismus war, stimmen noch immer 43 Prozent zu. Allerdings hat diese Theorie weniger Anhänger als vor sieben Jahren.

Gegenteilig ist die Entwicklung bei der Frage, ob die Diskussion über den Zweiten Weltkrieg beendet werden soll: 56 Prozent sind dafür. Von den verunsicherten Personen wollen diese Debatte fast zwei Drittel nicht (mehr) führen.

Dass die NS-Zeit nicht vergessen wird, sehen mehr als die Hälfte der Befragten nicht als "unsere Pflicht" an. Ältere fühlen sich eher verpflichtet, den Holocaust zu thematisieren als Jüngere; und höher Gebildete stärker als Personen ohne Matura. Dass junge Menschen das Thema nicht als so wichtig erachten, erklärt Rathkolb mit der "starken Individualisierung und Ausrichtung an materiellen Fragen". Außerdem: In den 1970er- und 80er-Jahren habe sich die Politik stärker mit der Geschichte auseinandergesetzt als heute.

"Bildung wirkt"

Generell zeigt die Studie einen Zusammenhang zwischen Bildung, ausgeprägtem Geschichtsbewusstsein und demokratischen Einstellungen, resümieren die Autoren. Zukunftsfonds-Vorstand und Wiens Ex-Stadtschulratspräsident Kurt Scholz sagt: "Bildung wirkt."

Festgestellt wurde auch, dass verunsicherte Menschen ein geringeres Geschichtsbewusstsein haben und eher anti-demokratisch eingestellt sind. Besorgniserregend ist, dass sich laut einer Eurobarometer-Umfrage 32 Prozent der Österreicher 2010 unsicher fühlten, 2013 waren es schon 43 Prozent.

Welche Conclusio ziehen die Experten aus all diesen Erkenntnissen? Was fordern sie?

Politische Bildung in allen Schulen sollte ausgebaut werden. Auch außerhalb von Schulen sollte es vermehrt Projekte (z. B. für Lehrlinge) geben, damit bildungsfernere Schichten erreicht werden. Gefordert wären in dem Bereich die Gewerkschaften, politische Akademien, die Kirchen, NGOs, Gemeindevertreterverbände etc., appellieren die Studienautoren. Die "historische Epoche" müsse aber auch "konsequent" in den Medien thematisiert werden – vor allem in den öffentlich-rechtlichen (ORF), meint Rathkolb.

Die Kernaussagen der Studie

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