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Politik Inland
11/10/2021

Protest des Gesundheitspersonals: "Wir pfeifen aus dem letzten Loch"

Die Pflegekräfte auf den Intensivstationen leiden besonders unter der vierten Welle. Heute wollen die Vertreter gegen die Zustände demonstrieren.

von Christian Böhmer, Michael Hammerl

Die Intensivstationen stehen vor der Überlastung – wieder einmal. „Jeder weitere Corona-Patient verhindert, dass wir unsere Patienten so betreuen können, wie wir es gerne würden“, sagt Intensivmediziner Stefan Pöchacker – er leitet die Covid-Station im Wiener Wilhelminenspital.

Sollte sich die Situation nicht verbessern, werde es in der Belegschaft weitere Zusammenbrüche geben. „Das Personal ist jetzt wirklich fertig und pfeift aus dem letzten Loch. Wir fragen uns, wo die Unterstützung der Bevölkerung bleibt“, sagt Pöchacker.

Mit der Unterstützung der Bevölkerung meint der Mediziner insbesondere den Umstand, dass Österreich mit einer Impfrate von 66 Prozent der Gesamtbevölkerung nicht nur weit hinter Ländern wie Portugal (89 %) oder Spanien (82 %), sondern sogar unter dem EU-Schnitt (69 %) liegt.

„Die Situation in der Krankenhauspflege ist ähnlich wie bei der Langzeit-Altenpflege: Die Leute arbeiten einfach über viel zu lange Zeit am Limit“, sagt Alexander Biach zum KURIER. Biach war Vorstandsvorsitzender des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger und gilt als intimer Kenner des Gesundheits- und Pflegesystems.

Erst kürzlich hat er ein Buch zur Reform des Pflegewesens präsentiert.

Die stetig steigende Zahl der Covid-19-Patienten führt derzeit zu veritablen Schwierigkeiten auf den Stationen. Laut Walter Hasibeder, dem Präsidenten der heimischen Intensivmediziner, müssen in manchen Spitälern bereits 20 bis 30 Prozent aller Intensivbetten gesperrt werden, weil das Personal fehlt, um Patienten in diesen Betten ordnungsgemäß zu betreuen.

Wie dramatisch die Lage ist, das haben Betroffene dem KURIER erzählt.

Corona überlebt, dennoch Zweifel an Corona

„Es ist extrem belastend für uns, physisch wie psychisch“, sagt eine Intensivpflegerin aus einem Wiener Ordensspital. Teilweise arbeite man „bis zu sechs Stunden mit voller Montur“: „Man kann nicht gut atmen, man kann nicht aufs Klo, man kann auch nichts trinken.“

Durch Corona habe sich der Personalmangel auf den Intensivstationen noch einmal verstärkt – die Kündigungen häufen sich. Es brauche mehr Mitarbeiter, bessere Arbeitszeiten und mehr Geld, fordert die Pflegerin.

Auch ein anderer Faktor dürfte nicht sonderlich motivieren: Es gibt Covid-Patienten, die ihren Lebensrettern wenig bis gar keine Dankbarkeit entgegenbringen.

„Wir erleben Leute, die die Intensivstation überlebt haben und uns in der fixen Überzeugung verlassen, dass wir sie über ihre wahre Krankheit belogen haben“, berichtet Intensivmediziner Pöchacker. Die Theorien der Impfgegner überdauern offenbar alle Delirien.

Manchmal denke er, Pöchacker, sich bei der Aufnahme neuer Patienten: „Nicht schon wieder der nächste Ungeimpfte“. Zwar werde jeder mit dem gleichen Respekt behandelt. „Aber manchmal muss man sich schon sehr zusammenreißen“, sagt Pöchacker. „Denn der Löwenanteil der Patienten ist nicht geimpft.“

Große Reform

Unabhängig von der sich zuspitzenden Situation in den Spitälern sehen Experten die dringende Notwendigkeit, den Pflegesektor insgesamt neu aufzustellen. „Es geht nicht nur um mehr Personal oder Gehalt, sondern darum, das Berufsbild zu ändern und zu attraktivieren“, sagt Experte Biach. Derzeit würden zu viele kleine Veränderungen vorgenommen. „Das bleibt am Ende Flickwerk, weil nicht alle Dimensionen, von der neuen Ausbildung bis hin zur Prävention, auf einmal und aufeinander abgestimmt angegangen werden.“

Heute, Mittwoch, wollen Vertreter der 400.000 Mitarbeiter der Pflege- und Gesundheitsberufe bei Veranstaltungen im ganzen Land gegen die Zustände im Pflegebereich protestieren.

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