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Politik Inland
05/26/2020

IHS-Chef zu Nullrunden? "Man muss alles in Erwägung ziehen"

Martin Kocher über Bauchgefühl, Szenarien statt Prognosen, warum er Gutscheinen wenig abgewinnen kann und der Aufschwung erst 2021 kommt.

von Johanna Hager

KURIER: Alle Prognosen der letzten Monate sind durch Corona zunichte: Für einen Wirtschaftsforscher eine herausfordernde, spannende oder deprimierende Zeit?

Martin Kocher: Herausfordernd ist es jedenfalls. Vieles von dem, was jetzt passiert, passt in keine Schublade und ist in ähnlicher Form 100 Jahre nicht passiert. Zur Zeit der Spanischen Grippe war die Wirtschaft aber eine andere. Vieles muss neu entwickelt werden, und man muss auch auf den Bauch hören, was für einen Forscher nicht ganz einfach ist.

Bauchgefühl heißt, Sie gehen in Ihren Annahmen mehr nach Intuition oder trial and error?

Trial and error trifft es auf jeden Fall. Entscheidend ist jetzt, Maßnahmen zu entwickeln, die man systematisch testet und schnell evaluiert. Anders kann man sich nicht weiterbewegen. Normalerweise haben wir es mit Verhaltensanpassungen zu tun, jetzt aber sind wir mit Verhaltenssprüngen konfrontiert, weil sich die Rahmenbedingungen so stark und rasch ändern. Deshalb lassen sich gerade keine Prognosen rechnen, sondern nur Szenarien entwickeln.

Sprünge gibt es auch bei den avisierten Wirtschaftsleistungen, die zwischen 5 und 7 Prozent im Minus liegen. Gemeinhin wird von Minuswachstum gesprochen. Unabhängig von Corona: Minuswachstum ist ein missverständlicher Begriff, oder muss Wirtschaft immer wachsen?

Wirtschaft muss natürlich nicht immer wachsen. Dafür gibt es kein Naturgesetz. Es gibt auch keine wissenschaftliche Wachstumsideologie. Der Begriff Minuswachstum ist unglücklich und hat sich etabliert. Wirtschaftswachstum ergibt sich aufgrund der unbegrenzten Wünsche, die wir haben. Wachstum bedeutet aber auch, Ressourcen effizienter zu nutzen und es erlaubt uns, Verteilungskonflikte besser und einfacher auszutragen, um ein angenehmeres Leben führen zu können. Es gab immer wieder Phasen, in denen die Wirtschaft geschrumpft ist. Diesmal hält die Phase hoffentlich gar nicht so lange an.

An welche Phasen der schrumpfenden Wirtschaft denken Sie?

In den 70er, 80er Jahren, den Zeiten der Erdölkrise, gab es sehr lange geringe Wachstumsraten. Die Hoffnung ist, dass wir nicht in eine Stagnation der Wirtschaft wie damals geraten. Wenn wir ein Medikament oder eine Impfung gegen das Virus haben, dann gibt es eigentlich nichts, das den wirtschaftlichen Aufschwung aufhalten kann.

Was macht Sie da so sicher?

Weil beispielsweise keine Infrastruktur zerstört ist, wie das in einem Krieg oder bei anderen exogenen Schocks der Fall ist.

Trägt aber nicht gerade das Unsichtbare des Virus‘ und seiner Folgen - mit Ausnahme der Masken -zur Unsicherheit bei?

Die Schließung der Geschäfte war sichtbar, kostete wöchentlich zwischen zwei und drei Milliarden Euro. Aber jetzt, da haben Sie recht, haben wir es mit einer Unsicherheit zu tun, die wir bisher nicht in diesem Ausmaß nicht kannten. In einer „normalen“ Wirtschaftskrise kommt die Unsicherheit aus dem System heraus - dagegen kann man Maßnahmen setzen. Jetzt kommt die Unsicherheit aus einer gesundheitlichen Situation, die wir aus medizinischer Sicht noch nicht im Griff haben. Gleichzeitig ändern Menschen ihr Verhalten innerhalb weniger Tage, wie man in der Gastronomie sieht. Wenn die Unsicherheit weniger wird, kann sich die Wirtschaft relativ rasch wieder erholen.

"Relativ rasch" bedeutet in Wochen, Monaten ausgedrückt?

Unter "relativ rasch" verstehe ich, wenn wir nächstes Jahr vieles von dem aufholen können, was wir dieses Jahr an Wachstum eingebüßt haben. Insgesamt ist der Schaden schon angerichtet. Es wird jedoch - da sind sich alle Experten einig - Ende 2021 noch immer ein Rückstand im Vergleich zum Wachstumspfad von vor Corona zu verzeichnen sein. Es wird Jahre dauern. Zum Vergleich wichtig zu wissen ist: Von der Finanzkrise musste sich Österreich etwa fünf Jahre erholen, die Arbeitslosigkeit war auch 7 bis 8 Jahre danach noch höher.

Erwarten Sie noch einen Höhepunkt der Arbeitslosigkeit, die derzeit auf hohem Niveau leicht rückläufig ist?

Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit werden zurückgehen. Wie viele Menschen von der Kurzarbeit in die Arbeitslosigkeit fallen werden, das ist schwer zu sagen. Die Kurzarbeit wird in spezifischen Branchen verlängert werden müssen. Wir haben das große Problem, dass Tourismus, Gastronomie und die Veranstaltungsbranche länger betroffen sein werden als andere. Das wiederum führt automatisch zu mehr Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit, in Folge zu Einkommensverlusten und einer geringeren Nachfrage.

Gibt es ein Worst-Case-Szenario? Wenn nach 6 Monaten Kurzarbeit beispielsweise im Herbst die Arbeitslosigkeit steigt und die zweite Welle kommt?

Die zweite Welle würde zu einem starken Effekt führen, denn damit verbunden sind Erwartungen der Wirtschaft und der Menschen. Es lässt sich nicht seriös sagen, wie viele Menschen gefährdet sind, arbeitslos zu werden, zumal wir nicht genau wissen, wie viele Menschen jetzt wirklich in Kurzarbeit sind.

Laut Arbeitsministerin sind 1,3 Millionen Menschen in Kurzarbeit.

Wir wissen nur, für wie viele Menschen Unternehmer Kurzarbeit beantragt haben. Da erst im Nachhinein abgerechnet werden kann, sind die heutigen Zahlen insofern noch nicht endgültig. Sollte eine substantielle Zahl nach 3 plus 3 Monaten immer noch in Kurzarbeit sein, gehe ich davon aus, dass es für diese Menschen im Rahmen einer Verlängerung der Kurzarbeit Schulungen und Bildungsmaßnahmen geben wird.

Definieren Sie bitte substantiell.

200 oder 300. 000. Bisher war es wichtig, Maßnahmen breit zu streuen, um allen zu helfen. Wir werden es in Zukunft aber mit asymmetrischen Betroffenheiten zu tun haben und viel spezifischer helfen müssen, sonst verschießen wir unser finanzielles Pulver zu schnell.

Ausgehend von sinkenden Steuereinnahmen und einer schrumpfenden Wirtschaftsleistung: Müssen wir von Null-Lohn-Runden ausgehen? Auch eingedenk der Luftfahrtbranche, die auf Gehalt verzichtet, ist auch ein KV-Abschluss im Minus-Bereich denkbar?

Ein negativer Abschluss in einem Kollektivvertrag hätte sofort Auswirkungen auf die Konsumstimmung. Aber natürlich wird es eine Diskussion geben, wie hoch die Erhöhungen bei Lohnrunden und Pensionen sein können. Ich würde momentan gar nichts ausschließen. Es kann sich rasch wieder drehen. Doch solange es sich nicht dreht, muss man alles in Erwägung ziehen, was denkmöglich ist.

Helfen Gutscheine, damit sich etwas dreht?

Ich bin bei Gutscheinen skeptisch, weil die Streuverluste hoch sind. Zweitens existieren gesetzliche Schranken seitens der EZB, wenn man es großflächig als Staat machen würde und drittens wollen in einem nächsten Schritt alle Branchen von Gutscheinen profitieren. Wenn man großflächig helfen und den Konsum ankurbeln möchte, kann man gleich an Steuersenkungen denken. Die funktionieren langfristig, anstatt mit Gutscheinen Einmaleffekte zu erzielen.

Kann aus der Wirtschaftskrise auch eine Bankenkrise werden?

Ich bin für Österreich optimistisch, dass wir es mit keinem systemischen Ausfall der Banken zu tun haben werden, was nicht ausschließt, dass es zu Einzelfällen kommen kann. Was in Europa die südlichen Nachbarländer betrifft, so müssen wir von Schwierigkeiten im Bankensystem ausgehen. Gerade deshalb sind die Hilfspakete auf EU-Ebene so wichtig, denn die Situation der EU-Länder trifft uns direkt wie indirekt.

Österreich verfolgt in punkto EU-Hilfen einen anderen Plan als Deutschland oder Frankreich.

Klar ist, wenn andere Staaten länger brauchen, um sich zu erholen, können wir so gut die Wirtschaft ankurbeln, wie wir wollen, Konjunkturpakete schnüren, so viele wir wollen: Wir werden keine großen Effekte damit erzielen, weil wir die negativen internationalen Effekte über Rückkoppelungseffekte via Handel, Tourismus bis hin zum Finanzsystem sofort zu spüren bekommen. Wenn es Italien wirtschaftlich besonders hart trifft, werden wir in Österreich als einer der wichtigsten Handelspartner unmittelbar betroffen sein. Vielen ist erst jetzt bewusstgeworden, wie stark wir von ausländischen Arbeitskräften im Bereich der Pflege oder Landwirtschaft abhängig sind. Und, dass es eben gar nicht so einfach ist, diese zu ersetzen, weil man selbst für Hilfsarbeiten spezifische Erfahrungen und Fähigkeiten braucht.

Ist das eine Lehre aus der Krise?

Ja. Wir sehen, dass ein Land wie Österreich am Arbeitsmarkt nicht völlig autark sein kann. Das Zurückholen von Produktion nach Europa oder nach Österreich wird in gewissen Bereichen sicher hilfreich sein, es wird aber das Problem nicht lösen. Wir können nicht autark sein oder uns abschotten, wir können nur sehr, sehr flexibel sein.

Martin Kocher

Der Salzburger  (*1973) ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Verhaltensökonom, seit 2016 Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS). Zudem leitet Kocher "Insight Austria", das  Kompetenzzentrum für Verhaltensökonomie in Österreich.

IHS Das Institut für Höhere Studien

versteht sich "als wirtschafts- und sozialwissenschaftliches Forschungszentrum, das im Dialog mit Politik und Wissenschaft Fragestellungen entwickelt und Beiträge liefert".

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