Frankreichs Präsident Emmanuel Macron besucht ein Feldlazarett.  Der Staatschef schwört die Franzosen mittels  Kriegspropaganda auf den Zusammenhalt ein.

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Politik Inland
03/29/2020

Historikerin: "Propaganda hat jetzt Hochsaison"

Emmanuel Macron und andere verwenden in ihren Reden Kriegsvokabular. Historikerin Barbara Stelzl-Marx analysiert, was der Hintergedanke dieser martialischen Rhetorik ist.

von Ida Metzger

"Nous sommes en guerre“. Wir sind im Krieg. Die Worte von Frankreichs Premier Emmanuel Macron saßen. Das prägt sich ein wie Merkels Satz, als 2015 die Grenzen für die Flüchtenden geöffnet wurden: „Wir schaffen das.“

Kriegsrhetorik steht bei Macron, italienischen Medien oder Donald Trump im Zusammenhang mit der Corona-Krise hoch im Kurs. Ist dieser Stil der Rhetorik tatsächlich angebracht? Der KURIER sprach mit Historikerin Barbara Stelzl-Marx, die kürzlich als Wissenschafterin des Jahres ausgezeichnet wurde.

KURIER: Frau Stelzl-Marx, die Staatschefs verwenden zahlreiche Kriegsausdrücke. Italiens Intensivstationen greifen auf ein Auswahlverfahren zurück, das im Krieg entstand. Befinden wir uns im Krieg gegen einen unbekannten Feind?

Barbara Stelzl-Marx: Als Krieg per se kann man die momentane Situation nicht bezeichnen. Denn Krieg ist die älteste Form von organisierter Gewalt, die man als legitimiertes Töten von Menschen, die als Feinde der eigenen Gruppe gelten, bezeichnet.

Ist die Kriegsrhetorik dann überhaupt angebracht oder Zynismus gegenüber echten Kriegsopfern?

Macron hat bei seiner Ansprache das Wort Krieg gleich sechs Mal wiederholt. Der Gouverneur von Ohio, Mike DeWine, sagte: „Im Krieg muss man Opfer bringen.“ Das ist eine Schlüsselaussage. Diese Botschaften sind eher als Kriegsmetapher zu bezeichnen, die als eine Form Propaganda genutzt wird, um der Bevölkerung den Ernst der Lage zu vermitteln. Um auch die Maßnahmen, die den Alltag und die Wirtschaft in allen Facetten so maßgeblich verändern und beeinträchtigen, akzeptabel in der Bevölkerung zu machen. In Frankreich, den USA und anderen Ländern ist das Kriegsvokabular sicher akzeptierter als bei uns.

Propaganda hat nun Hochsaison?

Herrschende erheben in Krisensituationen zwei Ansprüche an die Bevölkerung: Sie fordern Gehorsam und Mitwirkung – so wie es die österreichische Bundesregierung jetzt auch macht. Vor wenigen Monaten hätte man sich nie vorstellen können, dass ein Grüner wie Werner Kogler, striktere Ausgangsbeschränkungen in den Raum stellt, wenn sich die Menschen nicht an die Regeln halten. Schon der Philosoph Michel Foucault meinte, dass während einer Seuche die Fügsamkeit der Untertanen der politische Traum eines jeden Regierenden ist.

Ja, die Propaganda hat jetzt Hochsaison. Donald Trump nützte das Virus, um seine Handelspolitik „America first“ zu untermauern, indem er immer von einem ausländischen Virus sprach, das nun eingeschleppt wird.

Für Sie als Historikerin ist die momentane Situation kein Krieg im klassischen Sinn. Aber empfindet es unsere Generation als Krieg, weil wir glücklicherweise noch nie einen erlebt haben?

Die Bilder, die aus Italien kommen, die erinnern an einen Krieg. Aus meiner Sicht wäre das Virus dann ein Krieg, wenn es ein Staat gezielt einsetzt, um eine andere Gruppe zu schwächen oder zu besiegen. Dieses Feindbild versucht nun der Iran zu erzeugen, indem er behauptet, dass das Virus von den USA gegen den Iran eingesetzt wurde.

Diese Instrumentalisierung des Virus wird gerne von Staaten gewählt, wo die Gefahr besteht, dass die Situation komplett aus der Kontrolle gerät, oder um ganz spezielle eigene Interessen umzusetzen. Dafür braucht man beispielsweise nur nach Ungarn zu blicken, wo Viktor Orban versucht, per Dekret nach der absoluten Macht zu greifen.

Ihr wissenschaftlicher Schwerpunkt sind Kriegsfolgen. Nehmen wir uns derzeit viele gute Vorsätze vor, die nach der Krise ohnehin nicht eingehalten werden?

Krisen haben immer zu einer Weiterentwicklung geführt. Wir erleben ja nicht die erste Pandemie. Die spanische Grippe hat 1918 doppelt so viele Todesopfer wie der Erste Weltkrieg gefordert – nämlich 60 Millionen. Bei der Pest gab es 25 Millionen Todesopfer. Die Frage, was wird danach sein, wird von der Länge der Corona-Krise abhängen. Gerade die Wirtschaft wird entsprechend lange brauchen, um sich zu erholen. Wir haben jetzt eine soziale Distanz aufgebaut, die nach der Krise wieder abgebaut werden muss.

Aber es gibt Beispiele in der Geschichte, wo das Pendel komplett in die andere Richtung ausschlug. Im 14. Jahrhundert war nach der Pest die Lebenslust in Italien so groß, dass die Menschen danach das Geld beim Fenster hinausgeworfen haben. Die Bewältigung von Krisen hängt auch von den einzelnen Kulturen und dem Grad der kollektiv erfahrenen Bedrohung ab.

Ganz Europa steht unter Quarantäne. Die Staaten riegeln ihre Grenzen ab. Zeigt die Corona-Krise die Schwäche der EU-Idee?

Für das grenzenlose Europa ist das Abschotten der Grenzen eine dramatische Entwicklung. Die Vorteile der EU müssen wieder neu kommuniziert und erarbeitet werden. Das wird eine große Herausforderung, weil alles kleinstrukturierter wird, wenn sogar Regionen wie Tirol oder die Lombardei oder Gemeinden abgeriegelt werden.

Europäisch zu denken und die Grenzen in den Herzen und Köpfen zu öffnen, wird eine schwere Aufgabe für die Politiker werden. Daher sind solidarisierte Hilfeleistungen innerhalb der EU besonders wichtig. Sie werden zeigen, ob die EU gestärkt aus der Krise hervorgeht oder ob das Gegenteil der Fall sein wird.

Und die Quarantäne gibt es übrigens schon lange. Die Venezianer haben sie im 14. Jahrhundert erfunden. Wenn ausländische Schiffe in Venedig ankamen, haben die Venezianer die Besatzung 40 Tage (auf Italienisch: Quaranta) lang auf einer vorgelagerten Insel festgehalten, um eben zu verhindern, dass Krankheiten eingeschleppt werden. Aber die Dimension, wie viele Menschen nun davon betroffen sind, ist einzigartig.

Experten sprechen viel davon, dass die Krise die Nachteile der Globalisierung aufgezeigt hat. Wird die Globalisierung künftig reduziert?

Im Endeffekt stehen die wirtschaftlichen Interessen immer im Vordergrund. In der Menschheit sind solche Krisen auch schnell vergessen. Es zählt dann wieder, wer produziert wo am billigsten. In einer ersten Phase wird es nolens volens ein Umdenken geben und man wird mehr innerhalb der EU selbst produ-zieren, um im Fall des Falles nicht von den globalisierten Warenströmen abhängig zu sein.

Hier wird sich auch die Frage stellen, ob es mehr staatliche Regelungen bezüglich kritischer Infrastruktur und der Produktion wichtiger Medikamente im eigenen Umfeld geben wird. Lange wird dieses Umdenken aber nicht halten.

Welche Limits zeigt uns diese Phase auf?

Die Erfahrungen, die wir jetzt machen, werden Teil des kollektiven Gedächtnisses werden. Eines zeigt diese Krise eindeutig, dass es sich lohnt, in Präventionsmaßnahmen und in Infrastruktur zu investieren. Italien und Spanien hat in den vergangenen Jahren durch die Bankenkrise einen harten Sparkurs hinter sich, und das Gesundheitssystem ist deswegen am Limit.

Deshalb bin ich schon sehr gespannt, wie sich die Krise in Russland, Großbritannien und den USA entwickeln wird, denn diese Länder haben im Vergleich zu Österreich ein schlechtes Gesundheitssystem. Wenn man weiß, dass in den USA rund acht Prozent der Bürger keine Krankenversicherung haben, war das Verhalten von Trump doch sehr bedenklich.

Populisten wie Trump oder Boris Johnson haben sehr spät auf die Corona-Krise reagiert ...

Das Verhalten der Briten erinnert stark an den Zweiten Weltkrieg. Als die Nationalsozialisten Großbritannien angegriffen haben, war der Propaganda-Slogan der Politik: „Keep calm and carry on“. Also, wir bleiben ruhig und gehen weiter ins Pub. Eventuell wären die Corona-Maßnahmen in Großbritannien gar nicht früher akzeptiert worden. Allerdings war es nun für „keep calm and stay at home“ höchste Zeit.

Wissenschafterin des Jahres

„Kriege hören nicht auf, wenn die Waffen schweigen. Sie haben eine Vorgeschichte und Folgen, die sich auch auf die nächsten Generationen auswirken“, lautet Barbara Stelzl-Marx’ Analyse. Und sie muss es wissen: Die 48-Jährige ist Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung und Professorin für europäische Zeitgeschichte mit dem Schwerpunkt Konflikt- und Migrationsforschung an der Universität Graz.  2020 wurde sie als „Wissenschafterin des Jahres“ ausgezeichnet. Aus diesem Forschungsschwerpunkt entstand das EU-Projekt „Kinder des Kriegs im 20. Jahrhundert“