Wissen und Gesundheit
15.01.2018

Spanische Grippe: Welche Lehren Forscher daraus zogen

Zwischen 1918 und 1920 starben weltweit Dutzende Millionen Menschen an den Folgen einer Infektion. Auch heute kann es wieder zu einer weltweiten Epidemie mit einem neuen Virustyp kommen.

Sie kam plötzlich und traf vor allem junge Menschen. Zum Frühstück fühlte man sich putzmunter, auf einmal brannten die Augen, es wurde eiskalt. Viele an der Spanischen Grippe Erkrankten verstarben binnen weniger Stunden. Ein hässlicher Tod: Die Patienten ertranken förmlich – an einer roten Flüssigkeit, die ihre Lungen füllte. Die Haut färbte sich aufgrund des akuten Sauerstoffmangels blau bis schwarz.

Vergessene Seuche

Im Jahr 1918, vor 100 Jahren, wütete nicht nur der Erste Weltkrieg, sondern wurde der gesamte Globus von einer mörderischen Grippen-Pandemie erfasst. Die Seuche forderte mehrere Dutzend Millionen Todesopfer und ist damit in absoluten Zahlen mit der Schwarzen Pest vergleichbar. Alle Kontinente waren davon betroffen, sogar entlegenste Gegenden, wie etwa Inuit-Dörfer in Alaska oder Ozeanien. Kinder wurden zu Waisen, Familien zerstört. Eines der prominentesten österreichischen Opfer war der Maler Egon Schiele. Er war 28 Jahre alt, als seine Frau Edith, im sechsten Monat schwanger, im Oktober 1918 an der Spanischen Grippe verstarb. Drei Tage später war er ebenfalls tot. Frederick Trump, Großvater von US-Präsident Donald Trump, erging es ähnlich. Im Mai 1918 fühlte er sich plötzlich schlecht, einen Tag später starb er.

Kein Platz im Gedächtnis

Auffällig ist, dass die Seuche keinen Platz im kollektiven Gedächtnis der Menschheit hat, sie geriet im Schatten der großen Kriege in Vergessenheit. TV-Serien wie "Downton Abbey" machten das Killer-Virus bei einem breiteren Publikum bekannt. Dessen mörderisches Tun blieb aber sowohl Ursprung als auch die Genese betreffend lange rätselhaft. Zumindest bis in die 1990er-Jahre, als Johan Hultin, Arzt aus San Francisco, mit dem Supererreger infiziertes gefrorenes Lungengewebe einer Frauenleiche aus einem Massengrab in Alaska entnahm und Proben an den US-Virologen Jeffery Taubenberger schickte. Nun begannen eine umstrittene Episode der Forschung, schließlich handelte es sich um einen hochgefährlichen Supererreger. Dessen Analyse zeigte die fatale Raffinesse von Influenzaviren.

Drei Wellen

"Die Spanische Grippe kam in drei Wellen, das Virus hat sich dabei verändert," sagt Univ.-Prof. Ursula Kunze vom Institut für Public Health der MedUni Wien. "Die erste Welle war noch harmlos", so Kunze. Im Herbst 1918 schlug das Virus erneut zu. "Es wird vermutet, dass es von der ersten auf die zweite Welle mutierte und sich an den Menschen angepasst hat." Im Frühjahr 1919 fing es erneut an, aktiv zu werden. Dann verschwand es so plötzlich, wie es gekommen war.

Wo genau die Spanische Grippe ihren Ursprung hatte, ist unsicher. "Da existieren unterschiedliche Theorien.Sicher nicht in Spanien. Es gibt Überlegungen, dass es aus Nordamerika gekommen ist, wo viele Truppen in Camps zusammengezogen wurden. In Kansas, zum Beispiel. Da dort viele Menschen, Vögel und Schweine auf einem Raum gelebt haben, könnte es dort dazu gekommen sein, dass das Virus vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist."

Keine Immunität

Dem US-Virologen Taubenberger gelang es in Folge, das Erbgut von A/H1N1 zu sequenzieren und in Kleinarbeit zu rekonstruieren (es lagert in einem Hochsicherheitslabor in den USA). Er kam zu dem Schluss, dass Teile des Virus von einem Vogelgrippeerreger abstammen und direkt auf den Menschen übertragen wurden. Warum es vor allem junge Erwachsene traf, fanden Forscher im Jahr 2014 heraus. Demnach handelte es sich um einen Eindringling, mit dem gerade die Jüngeren noch nie in Kontakt gekommen sind. Das Virus war komplett neu für den Organismus der Betroffenen. "Sie hatten keine Immunität gegen diese H1-Variante. Es kam zu einer Überreaktion des Immunsystems", sagt Kunze. Begünstigende Faktoren waren zudem die großen globalen Menschenbewegungen. Und: Die Bevölkerung war geschwächt und unterernährt.

Die Lehren daraus

Mediziner haben auch sonst aus der Spanischen Grippe gelernt. "Die Weltgesundheitsorganisation hat Ende der 1940er-Jahre ein weltweites Grippe-Überwachungssystem etabliert, um zu wissen, wo die Viren aktiv sind." Das ist die Basis für die Entwicklung des saisonalen Impfstoffs. "Wir müssen stets vom Worst Case Szenario ausgehen, da ist die Spanische Grippe das schlimmste Vorbild. Heute wäre eine Pandemie immer noch dramatisch, obwohl sie vermutlich nicht mehr solche fatalen Auswirkungen hätte wie damals. Aufgrund der besseren medizinische Versorgung. Und wir sind nicht von Hunger und Krieg geschädigt."

Und noch etwas wissen die Grippeforscher: Die nächste Pandemie kommt bestimmt. "Die Viren verändern sich permanent und sind unberechenbar", sagt Kunze. Es gilt daher als gesichert, dass das Virus irgendwann wieder so mutiert, dass in der Bevölkerung kaum oder gar keine Immunität existiert." Das sei nur eine Frage der Zeit.


Ein historischer Bericht - und die Situation in Österreich

Vom plötzlichen Tod des 32-jährigen Hausbesorgers Friedrich Scheibrein berichtete das Neue Wiener Tagblatt am 12. Oktober 1918: „...abends ist in einem Straßenbahnzug der Linie D in der Peregrinergasse ein Mann von einem plötzlichem Unwohlsein befallen worden. Man hob ihn aus dem Waggon, doch ist der Mann einige Minuten danach gestorben.“

Anfang Juli 1918 hofften die Wiener, dass die „Spanische Krankheit“ nur auf „starke Temperaturunterschiede und die Veränderungen des Wetters zurückzuführen“ sei. Doch auch Österreich wurde mit voller Wucht vom Virus getroffen, sie traf auf eine notgeplagte Bevölkerung. Es fehlte allerdings an Medikamenten und koordinierten Maßnahmen.

(Quelle: Diplomarbeit von Thomas Hörzer und Ursula Kunze)

Ein neues Buch erzählt von den komplexen Folgen der Seuche.

Sie ist überzeugt, dass seit dem Schwarzen Tod im Mittelalter die menschliche Bevölkerung nichts so stark geprägt hat wie die Spanische Grippe. In ihrem Buch "Die Welt im Fieber" wirft die britische Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney einen tief greifenden Blick auf die fatale Seuche. Es zeigt die politischen, aber auch gesellschaftlichen Verwerfungen als Folge der Pandemie.

"Die Spanische Grippe beeinflusste den Verlauf des Ersten Weltkriegs und trug möglicherweise zum Zweiten Weltkrieg bei", ist sie überzeugt. Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Brest-Litowsk sollte etwa die Ankunft amerikanischer Truppen in Deutschland verhindert werden. Die Kaiserschlacht galt als letzte Chance zu gewinnen. Die Offensive an der Westfront scheiterte auch wegen der Spanischen Grippe, die allseits Opfer gefordert hatte. Kämpfe an vielen Fronten wurden in der Folge durch das Virus gelähmt.

Beschleuniger für Alternativmedizin

Große Bedeutung hatte die Grippe aus ihrer Sicht für Indien. Dort könnte sie Gandhis Graswurzelbewegung gestärkt haben. In dem Land starben 18 Millionen Menschen an der Grippe. Daraufhin wandte sich die Bevölkerung gegen die britischen Besatzer. Weil klar wurde, dass denen nur wenig an der Gesundheit der Inder gelegen war. Jetzt standen die Menschen geschlossen hinter Gandhi. Ein Wendepunkt.

Laut Spinney trug das Virus außerdem dazu bei, dass sich die Alternativmedizin entwickeln konnte. Viele fühlten sich von der Medizin in Stich gelassen. In der Tat: Laut Univ. Prof. Ursula Kunze (siehe Artikel oben) kamen, neben dem Aderlass, viele Therapieversuche zum Zug: Mit Drogen genauso wie mit Silber- und Platinspritzen. Oder mit Knoblauch und Zwiebel.

Buchtipp (erscheint am 29. 1. 2018): „1918. Die Welt im Fieber“, Verlag Hanser, 384 Seiten, 26,80 €