Karl Öllinger

Karl Öllinger

© Kurier / Gerhard Deutsch

Politik Inland
01/18/2022

Grüne mit Esoterik-Faible: "Ich war absolut entsetzt"

Ex-Abgeordneter Karl Öllinger kritisiert Madeleine Petrovic, ist aber auch gegen die Impfpflicht.

von Michael Hammerl

Im Mai 1995 wird bei der sechsjährigen Olivia Pilhar ein bösartiger Nierentumor entdeckt. Die Eltern verweigern trotz bester Heilungschancen die Chemotherapie, flüchten ins Ausland, vertrauen ihre Tochter dem deutschen Verschwörungstheoretiker Ryke Geerd Hamer an. Hamers kruder Ansatz: Alle schweren Erkrankungen würden auf einem seelischen Trauma basieren und seien auf seelischer Ebene heilbar. Als die Pilhars nach Österreich zurückkehren, hat Olivias Tumor die Größe eines Fußballs. Er wird gegen den Willen der Eltern entfernt, das Mädchen überlebt.

"Sehr unangenehm für die Partei"

Inmitten dieses Skandals stellt der Grüne Klub, namentlich die damalige Bundessprecherin Madeleine Petrovic, eine parlamentarische Anfrage an das Gesundheitsministerium: Es erscheine nach "jahrzehntelangen vergeblichen Bemühungen der Schulmedizin" in der Krebstherapie angesagt, Hamers Theorien zu überprüfen, meinte Petrovic.

"Ich war absolut entsetzt. Das war sehr unangenehm für die Partei, aber es war eine singuläre Sache der Madeleine", erzählt Karl Öllinger, damals grüner Mandatar, dem KURIER.

Die Brücke zur Gegenwart: Petrovic unterstellte der Regierung am Samstag auf einer Corona-Demo, von Pharmaunternehmen und dem Milliardär Bill Gates gekauft zu sein – eine gängige Verschwörungserzählung. Petrovic tritt als Grüne vehement gegen die Impfung auf und ist kein Einzelfall. Eine Wiener Grüne wechselte zur MFG, der grüne Dornbirner Stadtrat Martin Hämmerle bezeichnete die Impfpflicht als faschistisch. Zudem unterstützen 121 Funktionäre und 149 Mitglieder der Grünen eine Initiative, die gegen die Impfpflicht und die Corona-Maßnahmen mobilisiert.

"Es wird definitiv Konsequenzen geben"

"Wir fordern, dass differenziert betrachtet wird, wem eine Impfung tatsächlich hilft", sagt der Grazer Gemeinderat und Sprecher der Initiative, Christian Kozina, zum KURIER. Zu Petrovics Demo-Sager meint er: "Die Regierung wird von Expertinnen und Experten beraten, von denen viele Verbindungen zu Pharmakonzernen haben. Es gibt Verstrickungen zwischen der Wissenschaft und gewinnorientierten Unternehmen sowie Lobbyisten im Hintergrund."

Es gebe "definitiv auch im Grünen Klub unterschiedliche Meinungen", so Kozina weiter. Wäre es möglich, dass sich die Unterstützer der Initiative abspalten? "Wenn die Impfpflicht in dieser Form am Donnerstag beschlossen wird, wird es definitiv Konsequenzen geben. Wie die aussehen werden, müssen wir noch besprechen."

Esoteriker-Exodus

Der grüne Klub distanziert sich: Es handle sich um keine Parteiinitiative, und es sei auch nur eine verschwindend geringe Zahl an Grünen dabei. Da Petrovic keine Funktion innehabe, sich bei ihren Auftritten von den Grünen distanziere und seit Längerem ihre Mitgliedschaft ruhend gestellt hat, sei ein Parteiausschluss nicht nötig.

Dennoch: Der Fall Petrovic befeuert das Klischee, ein Teil der Grünen sei wissenschaftsfeindlich und esoterisch angehaucht. Trifft es zu? In den 1990er-Jahren etablierte sich die Grüne Alternative als jene links-ökologische "Grünen"-Partei, die heute mit der ÖVP regiert. Der rechte Flügel der Grünen ging in den Vereinten Grünen Österreichs (VGÖ) auf – einige zog es auch zur FPÖ. "Die Hauptströmung der Esoteriker ist in den 90er-Jahren in die VGÖ abgedriftet", resümiert Öllinger. Die Grünen hingegen hätten klar Stellung bezogen, sich für Organspende und Gentechnik in der Medizin ausgesprochen.

In einem Punkt gebe er Petrovic aber recht, sagt der dreifach geimpfte Öllinger: "Dass die Pharmaunternehmen finanziell nicht für mögliche Nebenwirkungen der Impfung haften, sondern diese auf die Allgemeinheit abgewälzt werden, finde ich jenseitig." Deshalb, und weil er eine zusätzliche Radikalisierung der Impfgegner befürchtet, sei er auch gegen eine Impfpflicht, meint Öllinger.

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