Politik | Inland
06/20/2015

Gerhard Zeiler: "Wäre bereit, Verantwortung zu übernehmen"

Er diente zwei SPÖ-Kanzlern und war ORF-Boss. Top-Manager Gerhard Zeiler im KURIER-Interview.

Fünf Tage in der Woche ist Gerhard Zeiler (59) unterwegs. Büros hat er in London, New York und Hongkong. Arbeits-Schwerpunkte: Europa, Lateinamerika und Asien. Dort baut er als fürs Auslandsgeschäft zuständiger Turner-Vorstand TV-Stationen auf. Nahezu alle Wochenenden verbringt er in Salzburg, wo er mit seiner Frau gerade ein Haus renoviert. In Wien hat der gebürtige Ottakringer eine Wohnung zu Bürozwecken, wo er den KURIER zum Interview empfing.

KURIER: Herr Zeiler, Sie sind in eine Karriere-Höhe vorgestoßen, wie es nur wenigen Österreichern gelingt. Was ist das Faszinierende an Ihrem Job?

Gerhard Zeiler: Nachdem ich Europa und die USA bereits gut kenne, lerne ich nun mit Lateinamerika und Asien zwei neue Kontinente, ihre Wirtschaftsstrukturen und ihre Kulturen kennen. Das macht mir Riesenspaß. In Lateinamerika herrscht ein unendlicher Optimismus. In Asien dominieren Disziplin und Zukunftsorientierung. In so einem zukunftsorientierten Umfeld wirtschaftlich tätig sein zu können, macht den Hauptspaß aus.

Eine Frage, die die globale Medienwelt beschäftigt und die für die Demokratie sehr wichtig ist: Wie finanziert sich künftig Qualitätsjournalismus?

Ich bin 100-prozentig überzeugt, dass Qualitätsjournalismus nicht verschwinden wird. Wichtig ist, dass Medien in Zukunft ihre Marke klarer positionieren und die Konsumenten wissen, wofür sie stehen. Beispiel CNN: Es hat den Fokus, wann immer etwas passiert, am Ort des Geschehens zu sein und unabhängig zu berichten. So, wie die Journalisten glauben, dass es der Wahrheit entspricht. Das ist das Mantra von CNN, das funktioniert im Fernsehen, und sogar noch besser im Internet. In Zukunft werden wir dann verstärkt die mobile Nutzung der Marke monetarisieren. Ich kann nur jedem journalistischen Medium raten, die Grenzen seines eigenen Mediums zu überspringen, sich selbst zu fragmentieren. Je früher, umso besser. Letztlich gilt: Die Medien müssen ihre Produkte dort anbieten, wo die Menschen sie nutzen wollen, also auch auf dem Laptop und auf dem Smartphone.

Wie ist zu erklären, dass Amazon, Google, Facebook in den USA entstanden sind und nichts Dergleichen in Europa?

Die englische Sprache ist eine globale Sprache. Außerdem mangelt es in Europa an Unternehmergeist. Oft herrscht die Mentalität, lieber nichts zu probieren, weil die Gefahr des Scheiterns zu groß ist. Aber die Kultur, dass nicht alles, was man beginnt, von Erfolg gekrönt sein kann, ist ein wesentliches Merkmal des Erfolgs.

Ist es nicht auch Ihre Partei, die SPÖ, die die Menschen immer vor allen Fährnissen des Lebens absichern will?

Das hat mit dem europäischen System zu tun. Für die EU-Länder sehe ich eine Menge Herausforderungen: Als Erstes ist die Verschiebung der Wirtschaftskraft von Europa weg nach Asien und Lateinamerika zu nennen. Dann die demografische Entwicklung: Wir werden glücklicherweise immer älter, es gibt aber zu wenige Kinder; deswegen müssen wir für kontrollierte Zuwanderung sorgen. Dazu kommt die Industrierevolution 4.0, die Robotik, die digitale Revolution, die unglaubliche Möglichkeiten eröffnet, aber zumindest zu Beginn auch Arbeitsplätze kosten wird. Die vierte globale Herausforderung resultiert aus den neuen Kriegen und dem Klimawandel, die zu einer neuen Völkerwanderung führen können. Fünftens müssen wir uns einer abnehmenden Verteilungsgerechtigkeit stellen. Früher hieß es, dass zwar die Reichen reicher geworden, aber die Armen nicht arm geblieben sind. Ob man das heute noch so sagen kann, bezweifle ich. Dann die Staatsschuldenproblematik: Sie ist in ganz Europa nicht gelöst. Und schließlich die Kontrolle der Finanzwirtschaft. Ihre Aufgabe, Kapital für die Realwirtschaft bereitzustellen, erfüllt sie nach wie vor nicht ausreichend. All diese sieben Punkte bedürfen europäischer Antworten.

Deswegen sind wir ja der EU beigetreten, weil es immer mehr Probleme gibt, die man national nicht lösen kann. Aber die EU bleibt die Lösungen schuldig, was die EU-Verdrossenheit fördert. Was kann ein österreichischer Politiker da tun?

Erstens, aktive Politik machen. Man muss in der EU dafür kämpfen, dass die richtigen Prioritäten gesetzt werden. Das ist bei allem Verständnis nicht der digitale Binnenmarkt, sondern die Lösung der Flüchtlingsproblematik, des Steuerwettbewerbs, der Kontrolle der Finanzwirtschaft. Und was Österreich betrifft, so müssen auch wir viel aktiver sein. Ein bisschen ist es manchmal unsere Mentalität, den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, dass sich etwas von selbst löst. Beispiele AUA oder Hypo. Wir müssen Probleme angehen, wenn sie entstehen und nicht warten, bis sie sich von selbst vertschüssen. Das tun sie in der Regel nicht.

Was sehen Sie als oberste Priorität in Österreich?

Arbeitsplätze schaffen, Arbeitsplätze schaffen, Arbeitsplätze schaffen. Ich bin mit dem Spruch von Anton Benya aufgewachsen: Kühe, die man melken will, müssen Milch geben, und damit sie Milch geben, muss man sie auch füttern. Wirtschaftliche und soziale Notwendigkeiten sind in der Regel nahe beisammen. Wir müssen ein akzeptables Wachstum erreichen, das ist das Um und Auf. Und da kommt der Entbürokratisierung eine große Bedeutung zu. Die Steuerreform war ein wichtiger und richtiger Schritt. Wir müssen außerdem mehr investieren. Ein für mich enorm wichtiger Bereich in diesem Zusammenhang ist das Schaffen von neuem Wohnraum. Wir verfügen einfach über zu wenige Wohnungen. Und daher müssen wir nicht nur ein paar Tausend Wohnungen bauen, sondern viel mehr. In manchen Städten steigen die Mieten derart an, dass Menschen an die Armutsgrenze rücken, obwohl sie 40 Stunden in der Woche arbeiten. Viele Probleme, wie eine Bildungsreform, werden seit Jahrzehnten verschleppt. Wie die Bürokratie ist auch dieses Thema hausgemacht. Das Bildungswesen kann man sicher nicht als optimal bezeichnen. Es ist ja erwiesen, dass die gemeinsame Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen – ich betone: mit Leistungsgruppen – den Bildungsstandard erhöht. Aber fast noch wichtiger sind ausreichend Kindergartenplätze und ganztägige Schulformen. Sie helfen der Bildung der Kinder, ermöglichen Frauen, ganztägig zu arbeiten und dienen der Integration.

Sie werden immer wieder als Kanzlerreserve der SPÖ gehandelt. Würden Sie sich das zutrauen?

Es ist nicht eine Frage des Zutrauens oder des Wollens. Es gibt einen SPÖ-Vorsitzenden.

Aber in letzter Zeit gewinnen die Freiheitlichen bei Wahlen in einem Ausmaß, dass die großen Altvorderen der SPÖFranz Vranitzky, Ferdinand Lacina, Hannes Androsch – Alarm schlagen. Sie geben dem Nicht-Handeln der Bundesregierung, dem Nicht-Lösen von Problemen und der mangelnden Leadership eine Mitschuld am Anwachsen der FPÖ. Würden Sie sich dieser Meinung anschließen?

Der Meinung kann man sich anschließen, ja.

Wenn man Sie fragen würde, ob Sie in die Politik gehen wollen, würden Sie es tun?

Ganz klar: Ich habe einen wunderbaren, erfüllenden Beruf, der mich in die ganze Welt führt, mich neue Kulturen, neue Märkte, neue Menschen kennenlernen lässt, was mir wirklich Spaß macht, und der mir trotzdem die Möglichkeit gibt, jedes Wochenende zu Hause in Österreich zu verbringen. Der andere Teil der Antwort ist: Ich war dem Land Österreich und meiner politischen Heimat, der Sozialdemokratie, immer verbunden. Und daher für den Fall, dass – was ich heute überhaupt nicht sehe – die Entscheidungsträger der SPÖ mich fragen sollten, ob ich Verantwortung übernehmen würde, dann wäre ich bereit, dann würde ich nicht Nein sagen. Aber das ist aus heutiger Sicht reine Spekulation, und das steht derzeit überhaupt nicht zur Diskussion.

Sie haben zwei Bundeskanzlern gedient. Der eine hat mit der FPÖ koaliert, der andere die Doktrin "niemals mit der FPÖ" ausgegeben. Wer hat recht? Sinowatz oder Vranitzky? Und umgelegt auf heute: Niessl oder Häupl?

Das kann man nicht vergleichen. Auch Sinowatz hätte keine Koalition mit einer Haider-FPÖ gemacht, und ich kann mir vorstellen, dass Vranitzky eine Koalition mit Steger und seiner marktliberalen Partei fortgeführt hätte. Der Unterschied lag und liegt in der Veränderung in der FPÖ.

Was heißt das für heute? Wäre die FPÖ marktliberal, pro-europäisch und nicht ausländerfeindlich, käme sie als Partnerin für die SPÖ in Frage?

Man muss immer auf die Inhalte schauen. Ist die FPÖ eine Partei innerhalb des demokratischen Verfassungsbogens? Ja. Also hat Ausgrenzen keinen Sinn, in der Definition des Wortes, dass man sich nicht mit ihr auseinandersetzt. Im Gegenteil. Man muss sich mit den Argumenten der FPÖ auseinandersetzen. Das sagt der Hausverstand und das ist notwendig aus Respekt vor deren Wählern. Aber das heißt nicht, dass man FPÖ-Positionen übernehmen soll. Insofern bin ich für Abgrenzen, aber nicht Ausgrenzen. Es kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, eine Koalition mit einer populistischen Partei zu machen, die Europa schwächen will und auf die meisten Herausforderungen keine oder falsche Antworten hat.

Die Rot-Blau-Befürworter argumentieren, dann würde eben die ÖVP Schwarz-Blau machen und die SPÖ aus den Regierungen drängen. Ist das strategische Argument legitim?

Nach meinem Kenntnisstand wäre eine Regierungsbeteiligung der FPÖ im Burgenland nicht zu verhindern gewesen, außer die 42-Prozent-SPÖ hätte der 29-Prozent-ÖVP den Landeshauptmann für fünf Jahre angeboten. Das wäre vielleicht doch etwas zu viel des Guten gewesen. Insofern habe ich ein gewisses Verständnis für die Gedankengänge der SPÖ im Burgenland. Dennoch: Bei allem Verständnis bin ich eher beim Nein.

Warum?

Weil es einen Tabubruch ausgelöst hat. Weil damit einfach eine Grenze überschritten wurde, die bis dato innerhalb der Sozialdemokratie nicht nur in Österreich unverschiebbar gewesen ist.

Es gibt Boulevard-Meldungen, wonach Kanzler Faymann Sie als ORF-Generaldirektor wolle.

Ich kenne das nur aus der Zeitung. Mit mir hat niemand geredet. Aber wenn man mit mir reden sollte, würde ich sehr respektvoll dankend ablehnen. Das steht für mich nicht mehr zur Diskussion.

Irgendwie erinnern diese lancierten Meldungen an die Bures-Doktrin: ÖBB-Chef Christian Kern soll bei der Eisenbahn bleiben, Zeiler soll beim Fernsehen bleiben und Faymann & Co die Politik überlassen.

Da kann ich nur antworten: Christian Kern ist sicher Politik-tauglicher als einige Politiker, die derzeit in Funktionen sind.

Gerhard Zeiler: Manager von Weltformat


Österreich-Karriere

Gerhard Zeiler, 1955 in Wien geboren, studiert Psychologie, Soziologie und Pädagogik und arbeitet als freier Journalist. Mit 28 wird er Pressesprecher des späteren Kanzlers Fred Sinowatz (SPÖ) und bleibt das bis Oktober 1986 auch bei dessen Nachfolger Franz Vranitzky. Dann startet Zeilers Rundfunk-Karriere: Er wird zunächst ORF-Generalsekretär, geht 1991 erstmals nach Deutschland und wird Chef von Tele5 und dann von RTL2. 1994 kehrt Zeiler als Generalintendant des ORF zurück, dem er eine völlige programmliche wie strukturelle Neuorganisation verpasst, die vielfach bis heute gilt.

Europa-Karriere

1998 wechselt Zeiler, genervt vom politischen Hickhack, nach Köln und wird RTL-Geschäftsführer. Er macht die Sender-Familie hoch profitabel, setzt dafür Sanierungsschritte, muss sich aber auch Diskussionen ums Programmniveau gefallen lassen. 2003 wird der leidenschaftliche Österreicher Chef der RTL-Group, Europas größtem Rundfunk-Konzern, mit damals 46 TV- und 29 Radiosendern. 2005 zieht er zudem in den Bertelsmann-Vorstand ein. 2011 gibt es intensive Gerüchte, Zeiler könnte erneut ORF-General werden – die SPÖ-Spitze scheut das, setzt auf Alexander Wrabetz.

Welt-Karriere

Im April 2012 wird Zeiler Präsident von Turner Broadcasting International mit Sitz in London. Er verantwortet das weltweite Geschäft außerhalb Nordamerikas von Turner Broadcasting System (TBS), das Teil des Film- und Medienkonzerns Time Warner ist. Weltweit betreibt TBS mehr als 160 Kanäle in 37 Sprachen und das in über 200 Ländern. Zu den TBS-Marken gehören etwa CNN, TNT, Cartoon Network oder Turner Classic Movies.

Zeiler ist in dritter Ehe mit einer Salzburger Geschäftsfrau verheiratet und Vater einer Tochter. Er lebt, so er nicht im Flugzeug sitzt, in Salzburg, London und Wien.