Vivaldis Sturm und der „Systemwechsel“: Kickl feierte mit Orban, Weidel und Blanco
Während am Stephansplatz bei sengender Hitze der Soundcheck vor Sonnenhutträgern gemacht wird, füllt sich an diesem Samstag die gut klimatisierte Hofburg mit Anzugträgern und Frauen in Sommerkleidern wie Dirndln: Die Freiheitlichen feiern da wie dort ihr 70-jähriges Bestehen. Sie inszenieren sich zwischen staatstragend und volksnah und überlassen dabei nichts dem Zufall.
Kurz nach 15 Uhr tosender Applaus und stehende Ovationen für die Ehrengäste aus dem Ausland und den FPÖ-Chef, und das über Minuten, noch ehe die erste von mehreren musikalischen Einlagen folgen. Der Festsaal 1 ist bis auf den letzten Platz besetzt, Dutzende Funktionäre stehen während des Festaktes.
Moderatorin und FPÖ-Mandatarin Lisa Schuch-Gubik gibt einen Vorgeschmack auf den Festakt in der Hofburg. Sie spricht von „7 Jahrzehnten des Gegenwinds“ und davon, dass man „eine Bewegung, die von Menschen getragen wird, nicht aufhalten kann“.
Zu Gustav Holsts „Jupiter“ aus „Die Planeten“ betritt eine Geigerin mit Engelsflügeln die Bühne. Jupiter stehe für „Zuversicht und Erfolg“, so die Moderatorin hernach und damit auch für die FPÖ. Namentlich Mario Kunasek, der in der Steiermark den ersten freiheitlichen Landeshauptmann nach Jörg Haider in Kärnten stellt und stellvertretend für die Länder ans Rednerpult tritt, die „freiheitliche Familie“ willkommen heißt.
Orban neben Wilders in der Hofburg
Die FPÖ, nimmt Kunasek das Narrativ des Nachmittags von Schuch-Gubik auf, setze den „Kampf der letzten Jahrzehnte“ gegen Ungerechtigkeit weiter fort. Man hatte „schöne Erfolge“, „schmerzhafte Erfahrungen“ und wurde „totgesagt“, doch das Gegenteil sei eingetreten, so Kunasek, weil „die FPÖ sich treu geblieben ist. Freiheitlich zu sein, das ist ein Lebensmodell und ein Überlebensmodell“.
„Überlebensmodell“ und schlotternde Knie
Und eben dieses Modell schlage sich in Zahlen nieder. Nicht nur in Umfragen, sondern auch bei den anstehenden Wahlen in Oberösterreich, Tirol und Kärnten. Von der Landeshauptleutekonferenz, die tags zuvor stattfand, wisse Kunasek zu berichten: „Den anderen schlottern schon die Knie“.
Nach der „starken Stimme der Steiermark“ ist Andrej Babis am Wort. Die auf Deutsch gehaltenen Grußworte von Tschechiens Premier werden via Video eingespielt. Geert Wilders spricht hernach live und ebenfalls auf Deutsch „von einem respektablen Alter. Die FPÖ und mein Freund Herbert Kickl sind das Beste, was die österreichische Parteien zu bieten haben“, sagt der niederländische Rechtspolitiker, der sich unter aufbrausendem Applaus sicher ist: „Ihr steuert auf eine absolute Mehrheit zu“.
Rede von Andrej Babiš, Ministerpräsident Tschechien
Wilders bedient sich wie die FPÖ in seiner kurzen Rede der Begriffe wie „Systemparteien“ und „Masseneinwanderung“ und appelliert, die „Patrioten Europas“, zu denen er sich, die FPÖ und die Alternative Deutschlands zählt, stolz zu machen.
Geert Wilders in der Hofburg: "Ihr steuert auf eine absolute Mehrheit zu"
Ähnliche Worte findet - nur diesmal auf Englisch: Viktor Orbán. Ungarns ehemaliger Premier, der mit seiner Fidesz vor wenigen Monaten abgewählt wurde, ruft dazu auf, „die Patrioten stolz“ zu machen. Ihm folgt Alice Weidel, die nicht minder politisch prononciert wie pathetisch in der Wortwahl ist. Sie sei „stolz, in Wien zu sein“, beim „Volkskanzler“ Kickl und gemeinsam mit anderen Rechtsparteien: „Die Patrioten sind Vertreter unserer Völker“.
Alice Weidel.
Weidel endet wie Orbán mit „lang lebe Österreich. Lang lebe die FPÖ“ - nur wird sie zudem mit Standing Ovations bedacht. Gesungenen „Die Gedanken sind frei“ folgen gesprochene Gedanken von Nationalratspräsidenten Walter Rosenkranz.
Walter Rosenkranz
Nicht von Remigration ist die Rede, für die der höchstrangige FPÖ-Politiker zuletzt kritisiert wurde, sondern von den Wurzeln der FPÖ, der Zeit von 1848, Napoleon, Metternich und der Philosophie. Sich in dieser auszukennen, „das erleichtert das Danken“, sagt Rosenkranz und spricht Kickl namentlich an.
Wenige Sätze später hält der Nationalratspräsident Latein als „tote Sprache“ hoch und erklärt den Wortstamm von „Migration“, ohne die von den Identitären geprägte „Remigration“ auszusprechen. Ein süffisant anmutendes Raunen geht durch den Saal.
Rede von Walter Rosenkranz, Nationalratspräsident
Dann dekliniert Rosenkranz minutenlang den Freiheitsbegriff insbesondere wegen der Pandemie-Zeit, spricht mehrfach vom „Volk“ und „national“ und davon, dass sich an diesen Worten niemand stoße, wenn es sich um den „Nationalrat“ handle oder die „Volksanwaltschaft“.
Die Stimmung im Saal - ehe Kickl zum Schluss sprechen soll - bereitet die Musikerin (diesmal ohne Flügel) mit Vivaldis „Sommer Sturm“ auf.
Mit - für Kickl ungewohnt - Krawatte und Anzug gekleidet sagt der FPÖ-Chef, dass „er immer geglaubt hat, dass die FPÖ die Nummer eins sein kann“. Niemals aber habe er gedacht, dass er derjenige sein könnte, der im Jahr des 70. Bestehens an erster Stelle stehe. So wie die Partei derzeit an erster Stelle in allen Umfragen steht.
Kickl in der Hofburg
Die anderen Parteien würden „vor Neid erblassen“, so Kickl, der in den Gesichtern der Anwesenden „Dankbarkeit“ sieht, wie er sagt, und „Demut, Schmerz und sehr, sehr viele Narben“. Und der sich sicher ist, dass der „Neid in Aggression kippen wird“. Deshalb beschwört Kickl die „freiheitliche Familie“ an den Erfolg bei den nächsten Wahlen zu glauben und zitiert Friedrich Nietzsche. „Wer ein Warum zu Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“
„Neid wird in Aggression kippen“
Dann kippt Kickl in den Rede-Modus, der von Neujahrsauftakten und Bundesparteitagen bekannt ist. Es gehe um die Freiheit des Einzelnen, der Staat sei der Beschützer, nicht der Bevormunder der Bevölkerung. „Ein Volk ohne Kinder ist ein Volk ohne Zukunft“.
Feindbilder wie WHO und Klimarat adressiert Kickl im Kritik-Stakkato ebenso wie „Homogenität“, die unabdingbar sei für den Staat. „Ohne Homogenität gibt es keine Stabilität und ohne Stabilität gibt es keinen Wohlstand. Und dann geht sie los: Die Kettenreaktion, die ich nicht haben will“, ruft Kickl. Die Homogenität wolle er wahren wie „die Heimat für die Familie Österreich. Deshalb ist die Festung Österreich so wichtig.“
„Volk & Festung“
Kickl sieht gen Ende des Festaktes die Demokratie gefährdet - doch gänzlich anders als seine Kritiker. Die patriotischen Kräfte wie die FPÖ hätten deshalb einen hohen Zuspruch, weil die Demokratie gefährdet ist. „Die herrschenden Parteien fürchten sich panisch vor einem Kurswechsel, der sie aus ihren Ämtern fegen würde.“
Herbert Kickl spricht sich einmal mehr und lautstark für Remigration und einen Asyl-Stopp aus. Gefühlt jeder 5. Satz beinhaltet Kritik an den „Systemparteien“. Daraus ergibt sich für Kickl der Begriff des „Systemwechsel“, den er mit der FPÖ anstrebt, sollte diese regieren.
Seine Jubiläumsrede beschließt der passionierte Kletterer Kickl mit Hermann Buhl, der im Alleingang nach über 40 Stunden den Nanga Parbat (8125 m) bestieg. Diese alpine Pionierleistung will Kickl verstanden wissen als Metapher für die Partei. Um „beseelt zu sein. Hier ein Schicksalsberg, bei uns eine Schicksalswahl“.
Es sei „seliger zu geben, denn zu nehmen“, wird Herbert Kickl jetzt besonders bedeutungsschwer in seiner Rede. „Das war nicht der Höhepunkt. Das soll alles erst der Anfang gewesen sein.“ Die Welle der Erneuerung, die er in Vivaldis Sturm gehört haben will, sei da, so Kickl, der nach einer Stunde mit stehenden Ovationen und der Bundeshymne verabschiedet wird, um verspätet zum Stephansplatz zu gelangen.
Ebendort warten hunderte Sympathisanten auf ihn und ein „Austria First“-Clubbing unter anderem mit Roberto Blanco und der John Otti-Band.
Szenenwechsel zum aufgeheizten Stephansplatz
Für den Stephansplatz hat Kickl Sakko und Krawatte abgelegt. Mit ihm stehen nun nicht nur die Chefs der Landesparteien auf der Bühne, sondern auch die Ehrengäste aus der Hofburg.
Die John Otti Band versucht mit dem neuen FPÖ-Lied „Immer vorwärts“ für Stimmung am aufgeheizten Stephansplatz zu sorgen, was ob der Hitze erst nach Minuten gelingen will. „Hey, wir wollen den Herbert sehen“, singt John Otti ins Mikrofon.
Ehe Kickl kommt, der links und rechts der Bühne affichiert ist, wird Geert Wilders auf die Bühne gebeten und spricht über Kickls persönliche Umfragewerte von 47 Prozent, Viktor Orbán hernach über den „unbedingten Stopp der Migration“. Alice Weidel filmt die Menge, bevor sie Antwort gibt. „Herbert, du hast alles richtig gemacht. Du hast dich nicht von den Schwarzen verbiegen lassen“, so Weidel, die auf die gescheiterten Koalitionsverhandlungen mit der ÖVP Anfang 2025 anspricht.
„Wie geil ist das denn?“
Nachdem die Glocken des Stephansdom sieben Uhr geschlagen, kommen die „Herbert, Herbert“-Rufe. „Wie geil ist das denn, würde die Alice Weidel sagen“, sagt Kickl beim Blick von der Bühne in die Menge. Der Geburtstag sei die Generalprobe für die nächste Nationalratswahl.
Die „Airbert“-One (Flugzeug aus FPÖ-Kampagne, das Migranten ausfliegt) sei gelandet, er, Kickl, sei der Kapitän und den Anwesenden „dankbar für Treue und Unterstützung“.
Die Umfragen seien nicht bestellt, repliziert Kickl auf Werte rund um 36 Prozent, aber sie seien ein „Geschenk“. Und bald werde der 40er Deckel fliegen.
„Ich bin motivierter als je zuvor, beim zweiten Mal schaffen wir es“, bei den nächsten Wahlen werden die Freiheitlichen mitreden, so Kickl. Auch und gerade bei den Bundespräsidentenwahl „werden wir gehörig mitreden“.
Wie in der Hofburg schießt sich der FPÖ-Chef verbal auf die „Systemmedien“, die „Systemparteien“ und den Bundespräsidenten ein. „es wird gepostenschachert, dass einer Sau graust.“
Kickl will die „guten, alten Zeiten“ von damals wiederbeleben, dafür brauche er mehr Zustimmung. Alle vernünftigen Kräfte des Landes müssten gebündelt werden, dann kämen die guten Jahre. Was die guten Jahre beinhalten sollen: Keine neuen Steuern, ein schlanker Staat und eine „Kettensäge“ gegen Bürokratie und „Förderdschungel“. Zudem bekomme der „Klimakommunismus ein Staatsbegräbnis“.
Nach einer halben Stunde zieht Kickl nochmals alle Register: Er will ein Ende der „Systemparteien“, das Wort Remigration werde er sich nicht verbieten lassen. „Immer vorwärts Österreich!. Und jetzt gehen wir feiern“, ruft der FPÖ-Chef und geht ab.
Die John Otti Band übernimmt wieder das Mikrofon, dann singt Stargast Roberto Blanco: „Ein bisschen Spaß muss sein.“ Gegen 20 Uhr lichten sich die Reihen.
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