Oft fehle die gymnasiale Vorbildung, sagen AHS-Direktoren.

© APA/dpa/Daniel Reinhardt

Politik | Inland
04/19/2016

Flüchtling und Gymnasium, eine seltene Kombination

Nur 114 schulpflichtige Flüchtlinge besuchen in Österreich eine AHS-Unterstufe. Entziehen sich die Gymnasien der sozialen Verantwortung?

Es ist Donnerstagmittag, Margaret Witek sitzt in ihrem Büro im 20. Bezirk. "Hier muss sie doch sein", sagt sie und schiebt einige Gegenstände, die sich auf ihrem Schreibtisch befinden, zur Seite. Sie wühlt und kramt. Nach einigen Sekunden tönt ihre Stimme durch den mit Licht durchfluteten Raum: "Hab ich es mir doch gedacht." Witek richtet sich auf und setzt sich an den großen Besprechungstisch in der Mitte des Büros. Zwischen ihren Fingern lässt sie eine gefaltete Broschüre tänzeln. "Wissen Sie", fängt sie an, "wir waren schon immer dafür bekannt, dass wir offen für Neues sind." Während sie erzählt, schiebt sie die Broschüre über den Tisch. "'Wo Vielfalt Schule macht'", zitiert Witek, "das ist unser Leitbild".

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Witek leitete das Brigittenauer Gymnasium im 20. Bezirk. Sie ist eine große Frau mit markant tiefer Stimme. Wenn sie spricht, strahlt sie eine gewisse Strenge aus. Wer sich mit ihr unterhält, hört viel über gesellschaftliche Verantwortung, Bildung, Teilhabe, aber auch Integration und Solidarität. Hier zwischen Karajangasse und Wasnergasse sei man stolz darauf, eine Schule für alle zu sein, die Gegend so abzubilden, wie sie ist: bunt, authentisch und vielfältig. "Wir haben über 1.100 Schüler mit den unterschiedlichsten Sprachen und Kulturen", sagt Witek und merkt an, dass sich die Schule im vergangenen Herbst dazu entschlossen habe, 23 afghanische und syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Fünf werden in der Unter- und 18 in der Oberstufe unterrichtet. "Wenn es um die Integration von Flüchtlingskindern geht, darf niemand wegsehen", betont die Direktorin.

Seltene Kombination

Flüchtlinge und AHS, diese Kombination gibt es sehr selten in Österreich. Das bestätigen Zahlen aus dem Bildungsministerium. Seit Jänner 2015 wurden 8.453 schulpflichtige Flüchtlingskinder eingeschult. Der Großteil von ihnen besucht eine Volksschule, 3.300 sitzen in Klassen der Neuen Mittelschule, aber nur 114 befinden sich mit Stand Jänner an Österreichs Unterstufengymnasien.

So besucht in Kärnten beispielsweise kein einziger Flüchtling eine AHS-Unterstufe, in der Steiermark hingegen 14. Aus dem Büro des Landesschulrates in Vorarlberg heißt es, dass zwei schulpflichtige Flüchtlingskinder in einem Unterstufengymnasium unterrichtet werden, vier weitere könnten folgen. In Wien, wo sich die meisten Flüchtlinge im Alter von zehn bis 15 Jahren aufhalten, haben 63 den Sprung an eine AHS-Unterstufe geschafft. 1.006 Kinder aus Kriegsgebieten werden hingegen an einer Wiener NMS unterrichtet.

Generell haben in Österreich alle Kinder zwischen sechs und 15 Jahren das Recht und die Pflicht, eine Schule zu besuchen - dazu zählen auch Flüchtlingskinder. Sie werden nach ihrer Ankunft je nach Alter in Volksschulen, Neuen Mittelschulen oder im Polytechnikum eingeschult, erklärt Terezija Stoisits, die Beauftragte für Flüchtlingskinder im Bildungsministerium. Unterstufengymnasien, in denen wie in Neuen Mittelschulen Zehn- bis 14-Jährige unterrichtet werden, sind nicht verpflichtet, Flüchtlinge aufzunehmen. Das habe einen simplen Grund, sagt die ehemalige Grünen-Politikerin Stoisits: "Grundsätzlich gilt, dass Kinder einen Platz an einer Pflichtschule bekommen müssen, nicht aber an einer AHS. Es hängt vom einzelnen AHS-Direktor ab, ob er oder sie ein Flüchtlingskind aufnimmt."

Das Privileg, sich Schüler auszusuchen

Dass Gymnasien Kinder auch abweisen dürfen, ist nicht neu, sagt Bildungsexperte Andreas Salcher. Häufig liege der Grund für eine Ablehnung eben an der fehlenden Vorbildung. "Der Großteil der Flüchtlinge kommt aus bildungsfernen Familien. Viele von ihnen sind in ihren Heimatländern niemals zur Schule gegangen, und wenn sie das Alphabet beherrschen, ist es oft nicht das lateinische", erklärt Salcher. Doch diejenigen, die eine gymnasiale Reife mitbringen und vielleicht eine internationale Schule besucht haben, würden es an eine AHS schaffen, ergänzt er. Bedeutet: Wer Gymnasium-fit ist, kommt auch auf ein Gymnasium, wer es nicht ist, landet in einer NMS.

Ein Wiener AHS-Schulleiter, der öffentlich nicht genannt werden will, sieht es ähnlich. "Wenn das Wissen fehlt, das Gymnasien per se verlangen, wird es für das Kind schwierig. Es wird sich nicht zurechtfinden und sich auch nicht integrieren können", erklärt er. Das soll aber nicht heißen, dass sich die AHS deshalb der sozialen Verantwortung entziehen. "Die Integration von Flüchtlingskindern darf nicht bedeuten, dass wir auf die anderen vergessen. Wir sehen es an den Neuen Mittelschulen, die Klassen sind voll, die Lehrer überfordert. Wie soll denn dort die Integration klappen?"

An einem anderen Wiener Gymnasium heißt es auf Anfrage, dass nicht nur die Vorbildung entscheidend sei, sondern auch Kenntnisse der deutschen Sprache. "Für die Oberstufe gilt: Wenn jemand die Matura machen möchte, muss er auch Deutsch können", erklärt die Schulleitung. In der Unterstufe müsse zumindest die Perspektive vorhanden sein, möglichst rasch Deutsch zu lernen. "Neue Mittelschulen sind für Kinder, die die Unterrichtssprache nicht können, besser vorbereitet. Uns fehlen Werteinheiten, damit die Lehrer für Deutschkurse abgestellt werden können."

Offen und ausführlich möchte keiner der angefragten AHS-Direktoren über schulpflichtige Flüchtlinge an Gymnasien sprechen. "Haben Sie zuvor mit dem Stadtschulrat gesprochen?" oder "Normalerweise antworte ich nur in Absprache mit der Presseabteilung des Landesschulrates" sind keine Seltenheit.

Die Integrationsaufgabe der Pflichtschulen

Ganz anders verhalten sich Direktoren der Neuen Mittelschulen. Sie sprechen über die täglichen Herausforderungen an ihren Schulen. Eine davon ist Monika Wenzel. Sie leitet die Neue Mittelschule in der Staudingergasse in Wien. Wie viele ihrer Kollegen beklagt die Schulleiterin die mangelnden Ressourcen für die Integration der Flüchtlingskinder. Das Lehrpersonal stoße schon längst an seine Grenzen. "Wir brauchen ein besseres Unterstützungssystem, also zusätzliche Kräfte, mehr Psychologen und vielleicht auch Sozialarbeiter", sagt sie. Für Wenzel wäre es nur gerecht, wenn Kinder aus Kriegsgebieten gleichmäßig aufgeteilt werden. "Man kann es bestimmt nicht verallgemeinern, aber ein paar AHS haben sicher noch Platz für ein oder zwei Flüchtlingskinder. Das würde uns allen helfen."

Rund 200 Kilometer entfernt befindet sich die Linzer Löwenfeldschule. "Wir haben sehr viele Flüchtlingskinder, sind aber nicht überfordert, sondern gefordert", sagt Peter Bersenkowitsch, Direktor der NMS. Die hohe Anzahl an Flüchtlingskindern sei für seine Schule nicht neu. Bereits während der Balkankrise habe man zahlreiche ausländische Kinder aufgenommen. "In Schulnähe wurde damals eine Flüchtlingsunterkunft gebaut und alle kamen zu uns", erzählt er. Die Aufgaben hätten sich seitdem nicht verändert. "Wir versuchen alle Kinder bestmöglich zu integrieren", betont Bersenkowitsch. Viele der Kinder sind wissbegierig und äußerst lernwillig, die deutsche Sprache würden sie auch locker an einer AHS-Unterstufe lernen. Die gegenwärtigen Herausforderungen könne aber ohnehin nur eine gemeinsame Schule lösen, sagt der oberösterreichische Schulleiter, "wir müssen alle zusammen anpacken".

Bildungsexperte Salcher bezweifelt, dass eine gemeinsame Schule den gewünschten Effekt bringen kann. Seiner Meinung nach wird die Frage der Schulorganisation sowieso massiv überschätzt. Denn entscheidend sei nicht, wo Kinder unterrichtet werden, sondern wie sie lernen, sagt er. "Schulen haben unterschiedliche Bedürfnisse, nicht jedes Gymnasium bietet die gleichen Möglichkeiten. Es ist sogar so, dass manche NMS am Land qualitativ mindestens gleich gut sind wie Gymnasien in Ballungszentren." Wichtiger denn je sei deshalb eine "pädagogische Revolution", wie es Salcher nennt. "Wir brauchen neue Ansätze, mehr Autonomie und eine neue Rolle des Lehrers."

Integrierte statt Flüchtlingsklassen

Margaret Witek vom Brigittenauer Gymnasium klopft mit ihren Fingern auf den langen Besprechungstisch. Die Schulleiterin erinnert sich an die vielen Gespräche mit Flüchtlingskindern. Oft seien sie alleine oder mit Betreuern zu ihr ins Büro gekommen, nur selten in Begleitung von Eltern. "Mit der Vorbildung ist das ja so eine Sache", sagt Witek. "Die meisten hatten kein Zeugnis mit, konnten auch kein Deutsch. Also belegen konnten sie nichts. Ich habe aber sofort den Willen der Kinder erkannt", erzählt sie.

Brigittenauer Gymnasium Karajangasse

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Heute nehmen die 23 syrischen und afghanischen Flüchtlinge so gut es geht am regulären Unterricht teil. Am Nachmittag gibt es für sie zusätzlich Deutschstunden. Dafür erhielt Witek vom Wiener Stadtschulrat die Bewilligung. Eigene Flüchtlingsklassen will die Direktorin aber nicht. Die sogenannten "Neu-in-Wien"-Klassen, in denen ausschließlich Kinder, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, unterrichtet werden, hält sie für eine Notlösungen - derzeit gibt es 17 von ihnen (drei an Volksschulen, 14 an NMS). "Die Integration kann nicht klappen, wenn der Anteil an Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache sehr hoch ist", sagt Witek.

Damit trifft die AHS-Direktorin einen wunden Punkt im österreichischen Bildungssystem. In an den KURIER gerichteten E-Mails und Leserbriefen klagen Pflichtschullehrer über die Missstände. Schülern Lesen und Rechnen beizubringen ohne zuvor simple Begriffe erklären zu müssen, sei gar nicht mehr möglich. An Wiener Schulen haben beispielsweise 74 Prozent der Kinder eine andere Muttersprache als Deutsch. Hinzu kommen noch über 2.600 schulpflichtige Flüchtlinge.

Um dieses Szenario zu vermeiden, möchte Witek nicht zur Aufnahme von Flüchtlingskindern gezwungen werden. "Mit Zwang funktioniert nichts. Unser Klima im Unterricht und die Qualität der Betreuung sind derzeit sehr gut", sagt sie. "Das wollen wir auch so beibehalten."