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Porträt
06/06/2021

Die Stunde des Herbert Kickl: Taugt der Provokateur als Frontmann?

Der Kärntner gilt als Stratege und Scharfmacher – als der Böse in der FPÖ. Nun will er Parteichef werden. Warum er polarisiert und welche Wähler er ansprechen kann.

von Elisabeth Hofer, Johanna Hager

Herbert Kickl ist bereit. Bereit, seinen "Beitrag dazu zu leisten", wie er sagt. Bereit, nach Jahrzehnten als "blauer Mastermind" selbst die Führungsrolle zu übernehmen.

Doch die Euphorie über Kickl als Parteichef hält sich in Grenzen. Widerstand gibt es vor allem noch aus Oberösterreich. Dort warnte man im Hinblick auf eine Kickl-Übernahme vor "einem Hüftschuss". In der Partei weiß man: Der Scharfmacher wird die verschiedenen parteiintern zerstrittenen Gruppen nicht einen.

Doch ob Obmann oder nicht – wenn Kickl sagt, er sei bereit, seinen Beitrag zu leisen, dann meint er, er wird seinen Beitrag leisten – notfalls aus der zweiten Reihe. An Kickl, dem Strategen, dem Wahlkämpfer, dem Rhetoriker und Ideologen der Partei, kommt niemand vorbei. Für die Blauen ist ihr Klubobmann der Mann der Stunde. Selbst wenn der Bundesparteitag einen anderen Obmann wählen würde – dieser müsste mit Kickl, dem von den Abgeordneten gewählten Klubobmann, und Kickl, dem erfahrenen Strategen, auskommen.

Obwohl nur Nummer Zwei hinter Ex-Parteichef Norbert Hofer, sei es Kickl gewesen, der für das Erfangen der FPÖ nach dem Ibiza-Skandal verantwortlich gewesen sei, sagt Meinungsforscher und OGM-Chef Wolfgang Bachmayer. Kickl wirke wie der perfekte Interessensvertreter für frustrierte Wähler, die sich als Verlierer und Absteiger wahrnehmen. Auch wenn viele Funktionäre über ihn die Nase rümpfen, sei den Freiheitlichen das bewusst geworden. Gerade als Oppositionspartei gehe es ja nicht darum, staatsmännisch zu wirken, sondern bissig und kantig zu sein, um Wählerstimmen zu generieren. Kickl könne das.

Woher kommt das angesprochene Naserümpfen sogar in der eigenen Partei? "Kickl ist anders einzuordnen als die meisten anderen Politiker", sagt Bachmayer. "Er gehört nicht zum alten, nationalen FPÖ-Adel, eigentlich ist er aus Sicht der FPÖ-Granden ein Fremdkörper".

Hegel und harte Slogans

Tatsächlich – Kickl ist anders als Ex-Parteichefs wie Hofer oder Strache: ein Philosoph, der aus dem Stegreif Kant und Hegel zitieren kann, der keiner Burschenschaft angehört, dafür in seiner freien Zeit Seilschaften am Berg sucht. Der in seinem Büro ein Feldbett stehen hat, sollten die Nächte im Büro länger werden. Der sein Privatleben – bis auf den Status verheiratet, ein Sohn – auch privat hält. Bisher habe Kickl nie nach vorne gedrängt, sich nie um Funktionen angestellt, sagt Bachmayer. Und er sei nicht eitel. Ob er gemocht wird oder nicht, sei ihm egal.

Dass er vor allem unter linken Wählergruppen als das "evil Mastermind" der Blauen gilt, hänge stark mit dem von ihm kreierten Slogan „Daham statt Islam“ zusammen, sagt der Meinungsforscher. "Das hat innerhalb der Zielgruppe funktioniert und ist hängen geblieben, obwohl es politisch, moralisch und ethisch ein extrem grenzwertiger Spruch ist."

Vor allem Kickls angriffige Rhetorik ist es, die dafür sorgt, dass Karikaturisten ihn immer wieder als "Gehörnten" darstellen. "Der Herbert" wisse immer, was er sagt und damit bewirkt, sei "immer für einen Aufreger gut", und immer "hart in der Sache", sagen langjährige Weggefährten. Bei vielen Wählern kommt das an: "Für die Testosteron-Haudegen schmecken brüskierende Äußerungen, wenn die etablierte Elite ihr Fett abbekommt", sagt Kommunikations- und Verhaltens-Profilerin Tatjana Lackner.

"Kickl repräsentiert den harten Schwinger der Rechten. Einige davon sind bildungsfern, offline und gesellschaftlich abgehängt. Zudem pflegt Kickl Feindschaften mit Hingabe – beispielsweise die zu Sebastian Kurz", sagt Lackner.

Doch auch Kickls Feindschaften haben sich gewandelt: "Früher hat Kickl Feinde außerhalb der Partei demontiert – neuerdings wird er auch zum Kritiker von politischen Peers der eigenen Familie. Aufmerksamen Beobachtern zu Folge scheint er den Trubel um seine Person, den Applaus und erstmals auch den Platz auf der Bühne sichtlich zu genießen", sagt Lackner.

Das alles funktioniert freilich nur in einer Oppositionsrolle. Als Koalitionspartner dürfte sich eine FPÖ mit Herbert Kickl an der Spitze aber ohnehin sogar für die ÖVP ins Out schießen. Schon nach dem Ibiza-Skandal hieß es ja seitens der Kanzlerpartei "Kickl muss weg". Als er sich weigerte, zerbrach die Koalition. Das hat Kickl den Türkisen nicht vergessen. Seither fordert er lautstark und auf FFP2-Masken gedruckt: "Kurz muss weg".

Fragwürdige Äußerungen

Dass Kickl als Parteichef eine nicht unproblematische Besetzung wäre, hat aber Gründe, die weit über Differenzen innerhalb der eigenen Partei oder seinen Rachefeldzug gegen die ÖVP hinausgehen. Noch als Innenminister hatte er etwa erklärt: "Das Recht muss der Politik folgen, nicht Politik dem Recht". Zur selben Zeit sprach er davon, Flüchtlinge "konzentriert" an einem Ort halten zu wollen

Fragwürdig ist nicht zuletzt die Rolle, die er in der Corona-Pandemie einnimmt. Fortwährend spricht er von "Impfapartheid", stört sich am Tragen von Masken und spricht im Prater bei einer Anti-Corona-Demo von „Corona-Stahlhelmen in den Regierungsbüros“ und „Schmuddel-Typen“ in den Ministerien.

Und wie geht es nun weiter? Kickls Match gegen Norbert Hofer ist entschieden. Doch Lackner sieht bereits die nächste Partie herannahen: "Die Kickl-Fans mochten den scharfzüngigen Herbert lieber als den moderativen Norbert. Das wird auch mit Manfred Hainbuchner langfristig zum Schlagabtausch führen. Dieser zeichnet sich hinter den Kulissen bereits ab", sagt sie.

Fest steht, dass es Kickl jetzt, mit 52 Jahren wissen will: Ob er, der mehrere Parteichefs gecoacht hat, selbst als Frontmann taugt.

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