© APA/AFP/ALEX HALADA

Analyse
01/18/2021

Demo-Bilanz: Die "Querdenker" als Gefahr

Experten warnen davor, die Aufmärsche vom Wochenende zu unterschätzen: Umtriebe und Ansichten seien „demokratiegefährdend“.

von Christian Böhmer, Elisabeth Hofer

Als sich am vergangenen Wochenende mehr als 10.000 Menschen auf dem und um den Wiener Heldenplatz versammelten, um gegen den Lockdown zu demonstrieren, da war sehr schnell klar, dass es sich um eine auffallend uneinheitliche Truppe handelt.

Während sich die einen in schlichter Kanzlerkritik ergingen („Kurz muss weg“), warnten andere vor einem geplanten „Völkermord“ durch die Regierung. Und während sich am einen Ende des Marsches Neonazis tummelten, hielten am anderen selbst ernannte Missionare („Der Messias naht!“) Transparente in den Himmel, auf denen sie „Liebe“ und „Frieden“ propagierten.

Viele der Teilnehmer nennen sich „Querdenker“. Und nicht nur ob der anhaltenden Proteste gegen die Lockdown-Maßnahmen stellt sich die Frage: Was hält diese Gruppe zusammen? Wie kommt es, dass Menschen, die sich als „besorgte Bürger“ bezeichnen, Seite an Seite mit Rechtsextremen marschieren? Und vor allem: Wie gefährlich ist all das für das demokratische Gefüge?

Wer verstehen will, welches Wertegerüst die Demonstranten zusammenhält, macht damit wohl den ersten Fehler. Denn die „Querdenker“ brauchen keine einende Ideologie. Für sie ist der Widerstand gegen den Lockdown keine politische Frage, sondern eine des Charakters, wie sie sagen. In ihrer Eigenwahrnehmung sind sie diejenigen, die den Mumm haben, aufzubegehren – und zwar jeder gegen etwas anderes: gegen Zwangsmaßnahmen, Impfungen, Masken, geschlossene Wirtshäuser – oder eben die Weltherrschaft von CIA und Illuminaten.

Das Modell ist flexibel wie die Protagonisten selbst: Einer der Demo-Organisatoren, Martin Rutter, begann bei den Grünen, wechselte ins Team Stronach und schaffte es bis in den Kärntner Landtag, ehe er wegen rechtsextremer Ansichten aus der Partei flog.

Die Aktivisten fordern „Entscheidungsfreiheit“ beim Impfen und Maskentragen. Und weil sie „Freiheit“ rufen, halten sie sich für tolerant.

Brandbeschleuniger

Gerade das sehen Beobachter völlig anders. „Ich halte die Aktivitäten durchaus für demokratiegefährdend“, sagt Experte Andre Wolf über die Aktivitäten.

Und nicht nur er. Schon am Wochenende hat die Leiterin des Extremismusreferats im Verfassungsschutz via KURIER gewarnt, dass hier „staatsgefährdendes Potenzial“ vorhanden sei und man mit Gewalt gegen öffentliche Institutionen rechnen müsse – dies umso mehr, als rechtsradikale Kräfte zu den rührigsten Organisatoren des Widerstandes gehören.

Als Brandbeschleuniger fungieren vielfach Soziale Medien, die zu vergleichsweise geringen Kosten nie da gewesene Möglichkeiten bieten, Gleichgesinnte zu finden und zu organisieren.

Doch was ist es, was die „Querdenker“ und Verschwörungstheoretiker antreibt?

Der Erfurter Wissenschafter Philipp Schmid hat sich mit der Welt der Impfgegner auseinandergesetzt. Folgt man seinen Thesen, lassen sich Phänomene wie die Querdenker nicht politikwissenschaftlich, sondern psychologisch erklären.

Die Kurzfassung: Wer für sich beansprucht, eine Weltverschwörung durchschaut zu haben, stellt sich intellektuell auf eine höhere Stufe als „den Rest“ – er oder sie deckt ein narzisstisches Bedürfnis.

Und noch eine psychologische Funktion erfüllen Verschwörungstheorien: Sie schützen vor dem Gefühl des völligen Kontrollverlustes. Für Verschwörungstheoretiker ist die Pandemie keine Naturgewalt, die der Mensch erst versuchen muss zu beherrschen. Statt das Naturereignis als solches zu akzeptieren, glauben sie lieber an „geheime Mächte“ wie eine „Schattenregierung“ oder die Illuminaten. Das Motto: Besser die Bösen kontrollieren, als man hat es mit etwas Unkontrollierbarem zu tun.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.