© Kurier/Franz Gruber

Interview
01/18/2021

"Corona-Widerstand": Wie Social Media zum Brandbeschleuniger wird

Social Media Experte Andre Wolf erklärt im KURIER-Interview, wie Verschwörungstheorien entstehen und warum er vieles, was gerade im Internet passiert, für demokratiegefährdend hält.

von Elisabeth Hofer

Herr Wolf, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Sozialen Medien und wie sie von bestimmten Gruppen zur Mobilisierung aber auch Radikalisierung genutzt werden. Wie bewerten Sie, was wir derzeit rund um die Themen Corona und Impfen erleben?

Mich überrascht das alles nicht. Was sich sich derzeit im Netz aber auch in der realen Welt abspielt - von Demos bis Gewaltausbrüchen - haben wir schon im April vergangen Jahres in einem vierstufigen Eskalationsmodell vorhergesehen. 

Was sind die vier Stufen?

Zu Anfang der Pandemie sind viele kleinere Nachrichten kursiert, niemand wusste, was stimmt und was nicht. Das war Stufe 1. Stufe Zwei hat etwa im April begonnen, als verschiedene Standpunkte zu gewissen Fragen unabhängig von ihrem Ursprung in ihrer Relevanz oft gleichwertig dargestellt und überproportional stark verbreitet worden sind. In der dritten Stufe sind dann Verschwörungstheorien dazugekommen. Teilweise war hier sogar von unterirdischen Kämpfen zwischen Robotern und Drohnen die Rede, oder von Kindern, die durch das Tragen von Masken gestorben sind. Jetzt befinden wir uns auf Stufe Vier. 

Und das bedeutet? 

Die vierte Stufe hat zwei Ebenen. Die eine sind Unmutsäußerungen in der realen Welt, abseits des Internets, also etwa Demonstrationen. Die andere sind Hass und Gewalt, die aus den Social-Media-Kanälen auch in die reale Welt umschlagen. Dieses Dynamik haben wir in den USA beim Sturm auf das Kapitol beobachten können. Und auch in Österreich gab es ja bereits Fälle, bei denen dazu aufgerufen wurde, Regierungsmitglieder in ihren Privathaushalten zu besuchen und zu bedrängen.

Sie haben vorhin davon gesprochen, dass Verschwörungstheorien verbreitet werden. Wie entstehen diese?

Im Wesentlichen sind das meistens Narrative, die schon immer da waren, die jeder schon einmal gehört hat. Das Motiv der toten Kinder, das ich vorhin angesprochen habe, ist eines, das im Impfkontext immer wieder auftaucht. Weil der Kindermord als das ultimative Böse gilt. Im Dritten Reich hat es zum Beispiel Illustrationen gegeben, die einen jüdischen Arzt zeigen, der mit der Spritze in der Hand ein verängstigtes Kind bedroht. Solche Narrative sollen Feindbilder schaffen.

Glauben Menschen, die solche Dinge verbreiten, selbst daran oder verfolgen sie eine andere Agenda?

Ich denke, da gibt es beides. Es gibt jene, die wirklich daran glauben und jene, die aus den unterschiedlichsten Gründen aufstacheln wollen. 

Welchen Effekt hat das auf unsere Gesellschaft?

Ich halte das schon für durchaus demokratiegefährdend weil es in den einschlägigen Gruppen oft darum geht, Menschen, die eine andere Meinung vertreten, mit unterschiedlichen Mitteln zum Schweigen zu bringen. Grundsätzlich ist ja das Gute an Social Media, dass dort jeder sagen darf, was er will. Als Gesellschaft müssen wir aber lernen, damit umzugehen. 

Was genau müssen wir lernen?

Durch Social Media haben sich die Sendepositionen verändert. Sie sind kostengünstig und jederzeit erreichbar, darum kann jeder am Diskurs teilnehmen. Jeder kann ein “ProdUser ”, also gleichzeitig Nutzer und Produzent von Nachrichten, sein. Das ist eine gänzlich andere Situation als noch vor 20 Jahren.

Wie lautet ihre Prognose, wie sich die Dynamiken hinsichtlich Corona und Impfen in den nächsten Wochen verändern werden? 

Die Radikalisierung wird weiter zunehmen, je weiter der Lockdown verlängert wird. Auch in der Mitte der Gesellschaft gibt es Menschen, denen es irgendwann reicht, die sich denken ‘Jetzt habe ich das ein Jahr mitgemacht, jetzt ist Schluss.’ 

Andre Wolf arbeitet für mimikama - dem Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch und ZDDK - „Zuerst denken - dann Klicken“. Nach einem Theologiestudium und einigen Jahren Berufserfahrung als Verantwortlicher für Medien und Kommunikation ist nun die Analyse von Internetinhalten, speziell von Social Media, Wolfs Fachgebiet. Andre Wolf ist zudem beim Verein Mimikama als Blogger, Autor und Content- und Social Media Koordinator tätig.

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