© EPA/CHRISTIAN BRUNA

Interview
03/22/2020

Coronavirus: "Hohes Sicherheitsrisiko für den Planeten"

Außenminister Schallenberg über die Rückholaktion für Österreicher, die Situation an der Grenze, auf Lesbos, in Russland und für die 24h-Pfleger.

von Johanna Hager

Über 30.000 österreichische Touristen sind noch im Ausland. Sie starteten diese Woche "die größte Rückholaktion“. Wie viele Reisende sind bereits angekommen? Wie viele können Sie überhaupt noch holen?

Alexander Schallenberg: Mehr als 2500 Menschen sind bisher nach Österreich zurückgeholt worden. Insgesamt haben 14 österreichische Flüge – das heißt Flüge des Außenministeriums in Kooperation mit Austrian Airlines, Lauda Motion und Level – stattgefunden und einer in Kooperation mit der EU. Gemessen an der Größenordnung ist das tatsächlich eine einzigartige Zusammenarbeit. Es gibt viele weitere, die wir in den kommenden Tagen und Wochen nach Hause bringen werden.

Flughafen Wien Schwechat

Können Sie "viele“ und "Wochen“ genauer definieren?

Das hängt auch vom Verhalten der Reisenden ab. Manche kehren selbstständig zurück. Die Zahl bewegt sich täglich, weil immer mehr unserem Aufruf folgen, sich zu registrieren. Ich kann nur noch einmal dringend appellieren, sich online zu registrieren! Wenn man auf die Passagierliste für einen Rückholflug  kommen will, muss man registriert sein. Solange wir nicht wissen, dass eine Person im Ausland ist, können wir dieser Person auch nicht helfen.

Leser berichten uns, dass sie lange auf Rückrufe warten mussten und sich allein gelassen fühlten.

Es gab sicher Anlaufschwierigkeiten, wofür ich um Verständnis bitte. Man darf nicht vergessen, dass wir uns in einer einzigartigen Situation befinden. Wir versuchen aber alles, um allen so schnell wie möglich zu helfen. Wir hatten bisher lokale Krisen, wo wir Menschen aus einer Region holen mussten. Jetzt geht es darum, dass es von Panama City bis Wellington Neuseeland Österreicher gibt, die zurück wollen.

Jetzt funktioniert das System?

Ja, jetzt funktioniert das System. Wir haben 240 Personen, die rund um die Uhr an der Hotline arbeiten, 120 davon hat dankenswerter Weise Verteidigungsministerin Klaudia Tanner zur Verfügung gestellt. Jeder, der im Außenministerium nicht mit der Rückholaktion beschäftigt ist oder zu einer Risikogruppe gehört, sitzt am Telefon. Alle gehen bis an ihre Belastungsgrenze. Ich bin wirklich dankbar und stolz, dass jeder einzelne in unserem Team sich so engagiert.

Flughafen Schwechat

Werden Sie es schaffen, alle zurückzuholen angesichts der Ausnahmesituation weltweit?

Ich kann versichern, dass wir es im Laufe der Zeit schaffen werden, die Menschen zurückzuholen, wenn sie  zurückwollen.

Gibt es Länder, bei denen Sie Reisenden raten würden, vor Ort zu bleiben?

Österreicher, die im Ausland ihren Lebensmittelpunkt haben, werden das nach Maßgabe entscheiden. Und auch bei Reisenden liegt es in deren Eigenverantwortung. Wesentlich zu wissen ist: Eile ist geboten. Jeden Tag werden Grenzen dichtgemacht, Flughäfen und Fluglinien stellen ihren Betrieb ein. Es ist kein Verlass, dass kommende Woche aus gewissen Destinationen noch Linienflüge in Europa ankommen. Umgekehrt ist es auch so, dass ich den Eindruck habe, dass nicht alle sich dem Ernst der Lage bewusst sind.

Es gibt noch Touristen, die ihren Urlaub nicht wegen Corona abbrechen wollen?

Ja, auch mit solchen Fällen sind wir konfrontiert. Es gibt Touristen, die uns sagen, sie wollen erst nächste Woche zurückkommen. Oder gar noch ein paar Tage am Strand bleiben oder eine Trekking-Tour machen wollen.

Antwort des Außenministers?

Ich kann nur an die Vernunft appellieren. Viele Urlauber hatten in den letzten Tagen vielleicht wegen hoher Roaming-Gebühren das Handy nicht an und realisieren erst jetzt, dass Österreich im Notbetrieb-Modus ist: „Wenn Sie zurück wollen, beeilen Sie sich. Es wird von Stunde zu Stunde schwerer, nach Europa zu kommen.“ Ich kann nicht versprechen, dass wir jede Destination mehrmals anfliegen werden

Mit welchen Kosten müssen Touristen rechnen, die mit dem Ministerium zurückgeholt werden?

Einen Selbstbehalt gibt es bei Rückholaktionen immer. Das ist geltende Politik und selbstverständlich. Bei einem Marrakesch-Flug hat der Selbstbehalt 200 Euro betragen, bei Kapstadt 600 Euro. Wir arbeiten natürlich auch daran, dass kein Flieger mit leeren Sitzplätzen heimkehren. Wir sind daher in ständigem Austausch mit unseren europäischen Nachbarn, dass jeder in seine Heimat zurückkommt.

Große Angst herrscht bei vielen wegen der Grenzschließungen aus anderen Gründen. Über 30.000 Senioren sind in Österreich auf 24h-Pflegekräfte, insbesondere aus Osteuropa angewiesen. Durch die Grenzschließungen der Slowakei, Slowenien und Ungarn gibt es erschwerte Einreisebedingungen. Wird sich die Situation weiter verschärfen?

Unser vorrangiges Ziel ist es, den Güterverkehr und den Pendlerverkehr weiter zu ermöglichen. Das haben wir bei unserem Grenzregime gegenüber Italien so gehalten und setzen wir so fort. Mit Nachbarstaaten, die teilweise strengere Regeln eingeführt haben, sind wir in ständigem Austausch. Man muss wissen: Die Situation ändert sich ständig, manchmal täglich. Während die Tschechen Pendler bis zu einem Umkreis von 100 km zulassen, lassen die Slowaken nur 30 km zu und die Ungarn wechseln manchmal täglich.  Die Slowakei hat zudem einen neuen Regierungschef, dessen Haltung wir noch nicht kennen.

Wie halten Sie Kontakt mit Ihren Amtskollegen?

Ich habe täglich mehrere Videokonferenzen. Wir werden auch den Rat der Außenminister am Montag so abhalten. Der Kontakt hat sich durch Corona jedenfalls intensiviert. Sowohl, was die Amtskollegen betrifft als auch die Regierungsmitglieder wie mit Kanzler Kurz, Innenminister Nehammer und Europaministerin Edtstadler. Vielleicht lernen wir daraus etwas für die Zukunft.

Zurück zur Gegenwart: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron spricht von „Krieg“. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel von der größten Herausforderung seit dem II. Weltkrieg. Befinden wir uns im Krieg?

Wenn man über eine Erkrankung spricht, halte ich Begriffe wie Krieg für nicht passend. Was ich wichtig finde, ist, dass ein Bewusstseinswandel in vielen europäischen Staaten jetzt Platz greift. Italien war als erstes Land betroffen, wir haben die Entwicklung beobachtet und danach gehandelt,jetzt ziehen immer mehr Länder nach.

Gibt es denn ein Bewusstsein für die Krise, wenn wir nach Großbritannien oder Schweden schauen, wo nicht auf Quarantäne, sondern Herdenimmunität gesetzt wird?

Jeder Staat entscheidet für sich selbst, zumal es keine vereinheitlichte Gesundheitspolitik auf EU-Ebene gibt. Aber jedes Land, dass davon ausgeht, dass das Gewitter vorüberzieht und es nicht vom Coronavirus betroffen ist, begeht einen tödlichen Fehler. Bei der internationalen Vernetztheit und Mobilität kann niemand glauben, als gallisches Dorf außen vor zu bleiben.

Selbst wenn Österreich das Virus eindämmen kann, Nachbarländer es aber nicht schaffen, werden wir weiter nicht geschützt oder vor dem Risiko gefeit sein.

Die Annahme ist legitim. Ziel jetzt ist es, das Virus jetzt einzudämmen. Wir werden uns zu gegebenem Zeitpunkt mit weiteren Maßnahmen auseinanderzusetzen haben. Sie können sich allerdings sicher sein, dass die Regierung alles dafür Notwendige tun wird, damit die Österreicher so sicher wie möglich sind.

Austria Foreign Minister Schallenberg in Tehran

Apropos sicher: Sie selbst haben vor wenigen Wochen den Iran besucht. Mittlerweile ist das Land neben China und Italien am schwersten von Corona betroffen. Haben Sie nach Ihrer Rückkehr aus Teheran rasch genug gehandelt und sich schnell genug testen lassen?

Ja, wir haben rasch reagiert und die Delegation nach der Rückkehr testen lassen. Alle waren negativ. In der Zwischenzeit hatte ich mehrere Telefongespräche mit Außenminister Zarif, der gesund ist. Österreich hat 250.000 Euro aus dem Auslandskatastrophenfonds für den Iran zur Verfügung gestellt. Bei der besonderen Verfasstheit von Österreich dürfen wir nie vergessen, dass es Staaten gibt, denen es  noch schlechter geht. Deshalb haben wir ganz bewusst diese Geste gesetzt.

Über die verheerende Situation in Griechenland und in Lagern wie auf Lesbos oder an der türkischen Grenze geschweige denn Hilfe spricht derzeit niemand.

Die EU hat 350 Million Euro zur Verfügung gestellt, Österreich hat über UNHCR eine Million Euro für die Versorgung in den Lagern an der Grenze zur Türkei bereitgestellt. Die Situation hat sich dahingehend verändert, dass die Türkei selbst ihre Politik geändert hat, nicht zuletzt aufgrund des Coronavirus. Wir bleiben bei unserer Haltung gegenüber der Türkei.

Ein anderes Land, von dem betreffend Corona kaum die Rede ist, ist Russland.

Es gibt viele Staaten, wo sehr wenige Fälle bekannt sind. Es gibt viele Staaten, wo wenig getestet wird. Es obliegt den Experten, eine korrekte Einschätzung abzugeben. Der gesamte Planet wurde vom österreichischen Außenministerium bereits am 12.3. als hohes Sicherheitsrisiko eingestuft. Jedem weltweit muss klar sein, dass Menschenmengen gemieden werden müssen. Und Situationen und Personen zu meiden sind, die eine erhöhte Ansteckungsgefahr mit sich bringen. Das gebietet der Hausverstand.

Wie lange wird die Reisewarnung für den „Planeten Erde“ gelten?

Sie wird gelten, solange sie notwendig ist.

Wie schützt sich Alexander Schallenberg?

Regelmäßiges Händewaschen und desinfizieren, den Mindestabstand einhalten und die sozialen Kontakte bis auf meine Mitarbeiter und meine Familie sind de facto eingestellt.

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