Politik | Inland
10.08.2018

Asylwerber in Lehre: "Wir finden kaum Lehrlinge, sind froh um jeden"

Bei ÖVP und FPÖ wird Ruf nach Bleiberecht für Asylwerber, die Lehre machen, immer lauter. Regierung stellt sich vorerst taub.

Ein Schneiderlehrling in der Dirndl-Produktion, ein fleißige Techniker bei den ÖBB oder der talentierte Kochlehrling: Sie alle teilen ein Problem: Sie sind Asylwerber, ihnen droht die Abschiebung.

Erst Anfang Juli wurde das Fremdenrecht verschärft (Zugriff auf Handydaten und Bargeld der Flüchtlinge). Der in Aussicht gestellte Niederlassungstitel, der Jugendlichen aus Drittstaaten ermöglicht hätte, in Österreich eine Lehre zu absolvieren, fand sich in der Novelle nicht. Das kritisierte die Wirtschaftskammer – noch unter Präsident Christoph Leitl. Schließlich hätte das die Basis für die „dringend erforderliche aufenthaltsrechtliche Lösung“ für Lehrlinge sein können, die einen negativen Asylbescheid erwarten.

Unter Leitls Nachfolger Harald Mahrer bleibt das Thema weiter ungelöst. Der frühere Wirtschaftsminister ist auf Regierungslinie.

Portisch, Kapsch und Co.: Was Experten dazu sagen

Bleiberecht für Asylwerber, die Lehre machen

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Hugo Portisch, Autor & Historiker: „Es ist unsinnig, junge Menschen auszubilden und dann abzuschieben. Da zu sagen, Recht muss Recht bleiben, ist nicht meine Ansicht.“

Margarete Schramböck, Wirtschaftsministerin (ÖVP): „Recht muss Recht bleiben. Das eine ist der Fachkräftemangel, das andere ist das Asylverfahren. Diese beiden Themen dürfen wir nicht vermischen.“

Georg Kapsch, Industriellenvereinigung: „Ein Teil des Fachkräfteproblems lässt sich so lösen. Die Migrationsphobie, die es im Land gibt, muss endlich abgebaut werden.“

Harald Mahrer, Wirtschaftskammer-Präsident: „Ein Asylwerber in der Lehre, der einen negativen Bescheid bekommt, muss behandelt werden wie jeder andere mit einem negativen Bescheid.“

Rudolf Anschober, Integrationslandesrat OÖ: „Es ist gegen die Interessen der Gesellschaft und der Wirtschaft, Asylwerber, die in Ausbildung stehen, abzuschieben.“

Wie lange das so bleibt, ist offen. Zuletzt ist der Druck auf Türkis-Blau und Mahrer massiv gestiegen, Asylwerber, die in einem Mangelberuf eine Lehre machen (seit 2012 erlaubt), nicht während der Lehrzeit abzuschieben. 300 der derzeit 900 Asylwerber-Lehrlinge sind betroffen. Mehr und mehr Prominente unterstützen deshalb die Initiative des grünen OÖ-Landesrates Rudi Anschober, der seit Herbst 2017 für die Flüchtlinge läuft.

Und nicht nur die üblichen Verdächtigen, sondern auch ÖVP-Landeshauptleute aus Salzburg oder Vorarlberg, schwarze Wirtschaftskämmerer und sogar erste blaue Unternehmer und Kammerfunktionäre sind dafür, Flüchtlinge zumindest ihre Lehre abschließen zu lassen.

„Asylwerber, die gut integriert sind und arbeiten wollen, sollte man wegen des absoluten Fachkräftemangels zumindest bis Ende der Lehrzeit behalten können. Das ist wirtschaftlich sinnvoll, da muss man pragmatisch sein“, sagt Erich Schoklitsch, Chef blauen Wirtschaftstreibenden in der Steiermark. Er hat in der steirischen Kammer mitbeschlossen, dass junge Asylwerber während der dreijährigen Lehrzeit und danach für weitere zwei Jahre in Österreich bleiben sollen dürfen (entspricht „3 plus 2“-Modell).

Keine Asyl-Hintertür

Doch die Regierung stellt sich taub. Die FPÖ-Bundespartei gibt die Losung aus: „Eine Lehre ist kein Asylgrund“. Und auch ÖVP-Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck sowie Kammer-Chef Mahrer, sagen: Die Lehre darf keine Hintertür für Asyl sein. Außerdem sei mit den 900 Lehrlingen das Fachkräfteproblem ohnehin nicht zu lösen.

Die Wirtschaft lässt das aber immer seltener gelten. Industrie-Präsident Georg Kapsch kontert: „Der Fachkräftemangel ist ein aktuelles aber auch ein strukturelles Problem – alleine heuer fehlen uns 10.500 Fachkräfte. Ein Teil davon lässt sich durch qualifizierte Zuwanderung lösen. Das „3 plus 2“-Modell ist eine geeignete Übergangslösung. Mittelfristig brauchen wir aber eine strategische Zuwanderungspolitik. Die Migrationsphobie, die es im Land gibt, muss endlich abgebaut werden.“

Trachten-Chefin Tostmann: „Pflicht der Alten, mahnend einzugreifen“

Hamid, Schneider (26). Zugegeben, für einen Lehrling ist Hamid mit seinen 26 Jahren schon relativ alt, dafür hat er Erfahrung vorzuweisen: Der Afghane ist im Iran geboren und hat dort als Schneider gearbeitet. Für Anna und Gexi Tostmann vom renommierten Trachtenmode-Unternehmen Tostmann in Seewalchen ist Hamid ein Gewinn bzw. ein „Beispiel perfekter Integration“, drückt es Jung-Chefin Anna Tostmann aus.

Sie beschäftigt derzeit vier Asylwerber als Lehrlinge, wobei einer gerade die Abschlussprüfung absolviert hat. Als sie das erste Mal mit ihren Schützlingen in den Medien auftrat, sei sie mit Beschimpfungen konfrontiert gewesen, schildert sie. „Es gab auch Aufrufe, nicht bei uns zu kaufen. Es hat mich erschüttert, wie manche völlig unwissend Hass verbreiten. Es ist ja nicht so, als hätten sie jemandem den Job weggenommen. Wir finden kaum Lehrlinge und sind froh um jeden, der arbeiten will und die Voraussetzungen mitbringt.“

Während ein Mädchen, das in der Wiener Filiale bei Tostmann arbeitet, bereits einen Positiv-Bescheid bekommen hat, muss Hamid noch zittern: Er ist seit mehr als drei Jahren in Österreich und wartet, wie seine Berufung ausgeht. Auch Alt-Chefin Gexi Tostmann (Bild rechts) kämpft für ihre Schützlinge – und richtet der Politik aus: „Es ist jetzt die Pflicht der erfahreneren Alten, mahnend und korrigierend einzugreifen.“

„Wir sind überzeugt, dass er eine Bereicherung für den Arbeitsmarkt ist“

Bagher, Elektrotechniker (20). Er ist das, was man gemeinhin „integriert“ nennt: Bagher spricht gut Deutsch, spielt in seiner Freizeit gerne Fußball und wohnt mit einem Kumpel in einer Wiener Genossenschaftswohnung.

Sozialleistungen bezieht der 20-jährige Afghane keine, im Gegenteil: Seinen Mietanteil über  rund 270 Euro kann er sich leisten, weil Bagher seit knapp einem Jahr eine Lehre zum Elektro-, Anlagen und Betriebstechniker bei in einer Lehrwerkstätte der ÖBB macht. Monatlich bekommt er dafür 750 Euro – auf die rund 100 Euro Mindestsicherung, die ihm als „Aufstocker“ zustünden, verzichtet der junge Mann, der vor fünf Jahren vor den Taliban nach Wien flüchtete.

Um bei der Bahn anfangen zu können, holte er rasch den Pflichtschulabschluss nach und bestand eine Aufnahmeprüfung.   Auf die Frage, wie ihm sein Job  gefällt, zeigt  Bagher stolz auf eine Urkunde –  das Papier bescheinigt ihm den Titel des Jahrgangsbesten seiner Lehrlingstruppe. Zudem  findet sich Baghers Job auf der Mangelberufsliste. Kurzum: Hierzulande sucht man genau das, was Bagher tut.

Und doch wurde er  vor wenigen Wochen via Bescheid aufgefordert, das Land gen Afghanistan zu verlassen. Der Grund: Im Sommer lief Baghers subsidiärer Schutz ab  – diesen bekam er erst für ein Jahr, im Jahr 2016 wurde er für zwei weitere Jahre gewährt.

Als Schiite ist er im Visier der sunnitischen Taliban. 2013 wollten sie Bagher  bereits rekrutieren  – da schickte ihn sein Vater mit Schlepperhilfe nach Europa.  Die  Familie hat Afghanistan längst verlassen: „Sie sind in den Iran geflohen. Ich kenne niemanden mehr in Afghanistan und habe Angst. Die töten dort Leute, einfach so.“ Mit der Hilfe des   bekannten  Journalisten Lorenz Gallmetzer legte er nun Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht gegen den negativen Asylbescheid ein. „Trotz allem“, so Bagher, „bleibe ich optimistisch“.

Auch sein Arbeitgeber setzt sich für seinen Verbleib ein: „Er ist ein fleißiger und braver Bursche“, heißt es  in einem Empfehlungsschreiben der  ÖBB an das  Bundesverwaltungsgericht. Im Gegensatz zu anderen Betrieben nimmt die Bahn  keine Asylwerber auf, sondern nur Menschen mit Aufenthaltstitel – über den Bagher  jahrelang verfügte hatte. 

„Wir sind  davon überzeugt“, so das Ende des Briefes ans Gericht,  „dass  er  eine Bereicherung für den österreichischen Arbeitsmarkt ist und nach seiner 3,5-jährigen Lehrzeit eine gute Fachkraft darstellt“.

„Würde mir noch zwei oder drei Lehrlinge wie Amir wünschen“

Amir, Maler (25). Die Berufsschule hat er mit „gutem Erfolg“ abgeschlossen, in Deutsch einen Zweier im Zeugnis und geht am Wochenende trotzdem noch freiwillig in Deutschkurse. Sogar schwimmen hat Amir gelernt, weil das in Österreich ja alle machen, meint er.

Dass er dennoch einen negativen Asylbescheid bekommen hat, ist für seinen Chef, Christian Schütz von der Malerei Hauser in Linz, völlig unverständlich. „Er ist beispielgebend dafür, wie man sich in kürzester Zeit extrem gut integrieren kann. Das sehen auch andere und nehmen sich ihn hoffentlich als Vorbild.“ Der 25-Jährige ist bald im zweiten Lehrjahr als Maler – und er habe das Potenzial, den Meister zu machen, glaubt Schütz.

Was Amir auszeichnet: „Er ist sehr kommunikativ und höflich. Jeder Vorarbeiter nimmt ihn deshalb gerne mit auf die Baustelle. Er hackelt nicht, weil er die acht Stunden am Tag herunterbiegen muss, sondern weil er etwas lernen will.“ Detail am Rande: Amir spricht Hochdeutsch, während seine Kollegen entweder oberösterreichischen Dialekt oder schlecht Deutsch oder sprechen.

Für seinen Chef steht fest: „Wir werden alle Hebel in Bewegung setzen, damit Amir in Österreich bleiben darf. Ich würde mir noch zwei oder drei wie ihn als Lehrlinge wünschen.“

Wertvoller Mitarbeiter, der es „auch als Mensch verdient hat“

Samir, Koch (24). Vorweg stellte Eva-Maria Pürmayer klar: „Wir können uns kein Sozialprojekt leisten.“ Als Samir um die Chance bat, beim Bergergut in Afiesl in Oberösterreich als Koch arbeiten zu dürfen, überzeugte er aber schon nach zwei Probetagen.

Kein Sozialprojekt also, sondern ein junges Talent, hinter dem die Chefin voll steht. Lehrlinge zu bekommen ist in der Gastronomie nicht einfach. „Er ist unglaublich engagiert, motiviert  und hat großes Talent als Koch.“ Samir ist ein „Vorzeige-Lehrling“, sagt sie. Und die Ansprüche sind hoch: Die Küche im Bergergut hat zwei Hauben.

Samir stammt aus dem Nordirak, ist Kurde, und kam 2016 bei der großen Migrationsbewegung nach Österreich. Mittlerweile ist er im zweiten Lehrjahr, hat eine eigene Wohnung und eine einheimische Familie, die ihn unterstützt.

Als der erste Negativ-Bescheid kam, war der Schock groß, die Hoffnung liegt jetzt im Berufungsverfahren am Asylgericht. Auf die zweite Anhörung wartet er aber seit Monaten,  der Druck ist eine große Belastung. Auch Pürmayer will als Chefin dafür kämpfen, dass Samir in Österreich bleiben darf. Nicht nur, weil er ein wertvoller Mitarbeiter ist, wie sie betont, sondern auch, „weil er es als Mensch verdient hat“. 

Deutsch auf Maturaniveau: „Es ist beachtlich, was er geschafft hat“

Hayathollah, Metallbautechniker (19). Er weiß sich zu helfen, das zeichnet Hayathollah aus. Der 19-Jährige bekam, als er nach Österreich flüchtete, keinen Platz in einem Deutschkurs, schaute stattdessen YouTube-Videos und lernte so die Sprache bis zum B2-Level – das ist Maturaniveau, erzählt sein Chef Franz Baumann stolz.

In seiner Glaserei macht der junge Afghane eine Lehre als Metallbautechniker, und das so erfolgreich, dass er die Berufsschule kürzlich mit Vorzug absolviert hat. Sogar der Klassenvorstand hat bei Baumann angerufen, um ihn zu seinem Lehrling zu gratulieren. „Das ist schon beachtlich“, sagt Baumann, der es keine Sekunde bereut hat, Hayathollah aufzunehmen.

Baumann beschäftigt 110 Mitarbeiter und 15 Lehrlinge – Nachwuchs zu bekommen, sei in der Branche schwierig, sagt er: „Wir haben viele Aufträge, und wenn wir die abarbeiten und Qualität abliefern wollen, brauchen wir fähige Arbeiter. Hayathollah ist so einer.“

Dass sein Lehrling einen Negativ-Bescheid bekommen hat und abgeschoben werden könnte, hält er für einen großen Fehler. „Wir werden ihm helfen, wo wir können, um das hinzukriegen“, betont der Chef.