Premier Netanjahu ist alarmiert

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Politik Ausland
06/22/2020

Zweite Welle? Starker Infektions-Anstieg im Vorbildland Israel

Nach der Lockerung der strengen Anti-Corona-Maßnahmen gibt es täglich Hunderte neue Infektionen. Über den Grund wird gestritten.

von Norbert Jessen

Am Wochenende waren sie plötzlich da: Dutzende Polizisten mit Bußgeldbescheiden am überlaufenen Strand von Tel Aviv. Wer keine Maske oder diese nicht vorschriftsmäßig trug, musste zahlen. Um die 120 Euro für ein Kinn ohne Bräunungsstreifen.

Nicht ganz ohne Grund: Waren zu Beginn der Corona-Krise Israels Schutzmaßnahmen weltweit noch vorbildhaft, sind in den zwei Wochen seit ihrer Lockerung die Ansteckungszahlen dramatisch gestiegen. Vom einstelligen Niedrigbereich im Mai sprang diese Woche die Zahl der Infizierten auf über 300. Pro Tag.

„Wir müssen erwägen, Menschenansammlungen wieder zu begrenzen“, erklärte Premier Benjamin Netanjahu am Sonntag seinem Corona-Kabinett. War doch die Corona-Krise der Grund und das vorrangige Ziel seiner neuen Koalition. Die aber machte mit inneren Querelen um eine Teilannexion besetzter Palästinensergebiete mehr Schlagzeilen als mit ihrer Corona-Eindämmung.

Viel mehr Tests

Ob eine Zweite Welle der Pandemie bereits über Israel rollt oder die neuesten Zahlen auch anders gewertet werden können, darüber sind sich Epidemiologen und Analysten nicht einig. Die Zahl der Neuinfizierten ist für Kritiker auch eine Folge der stark gestiegenen Testzahlen von Personen ohne Symptome.

So dramatisch der Anstieg auch ist, die Zahl der Toten bleibt mit 307 am Sonntag auffallend niedrig im Weltvergleich. Künstlich beatmet werden zur Zeit 33 Patienten. Im März rechneten die Statistik-Modelle noch mit Hunderten, sogar Tausenden.

Jüngere Erkrankte

Ein weiterer Lichtpunkt: In den Seniorenheimen des Landes hat sich die Lage stabilisiert. Die Zahl der älteren Infizierten sank deutlich. Umso mehr kommen jetzt die neuen Infizierten aus den jüngeren Altersklassen. Hier verweisen die Experten vor allem auf die Zahlen in den Schulen. Mehr als 200 (von 5.000) Schulen mussten infolge von Infektionen nach Wiederaufnahme des Unterrichts wieder geschlossen werden.

Wer in Tel Aviv durch die Gastronomie-Zeilen streift, sieht kaum noch leere Plätze. Die Mehrheit der Besucher trägt die Masken nicht korrekt oder gar nicht. „Wir müssen unser Verhalten ändern“, warnte der Premier daher auch am Montag. Was nicht so leicht fällt. Ein Radiokommentator merkte an: „Dazu braucht es Disziplin. In Israel gehört die aber zur Mangelware.“

Gezielte Sperren

Noch hält sich Israel an die selbst vorgegebenen Ziele: Keine Ausgangssperren für alle, aber gezielte Sperren besonders gefährdeter Punkte. Neben Schulen wie einigen Unternehmen auch eine Nachbarschaft im Tel Aviver Vorort Jaffo und zwei Beduinen-Ortschaften.

Israels Arbeitslosigkeit kletterte dennoch auf 27 Prozent. Ein Höchststand seit Jahrzehnten. Im Februar noch war sie auf einem Niedrigstand. Was die Politiker vor allgemeinen Sperrungen abschreckt.

Dabei wird auch die Ungeduld der Öffentlichkeit spürbarer. Wogegen die Polizei härter vorgehen soll. Am Wochenende gab es nicht nur Strafgelder am Strand. Vor zwei Fußballstadien kam es auch zu Straßenkeilereien mit Fans, die sich heimlich auf die gesperrten Tribünen schleichen wollten.

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