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Politik Ausland
02/20/2021

Wie ein Kampfsportler reihenweise Meister k.o. schlägt und den Zorn Chinas weckt

Xu Xiaodong wurde zeitweise sein Sozialer Status auf Null gesetzt, weil er den chinesischen Traditionssport entlarvt.

von Armin Arbeiter

Chen Yong taumelt. Greift sich ins Gesicht. Dort, wo ihn knapp zuvor die Faust des Gegners getroffen hat. Im Hintergrund zwitschern die Vögel, in Yongs Kopf scheinbar auch. Er gibt auf. Nach einem Kampf, der gerade einmal zehn Sekunden gedauert hat.

Chen Yong ist nicht irgendwer: Der Tai-Chi-Meister hatte zuvor geprahlt, mit seinem „Jin“ (innere Energie, verfeinerte innere Kraft) könne er jeden Kampf gewinnen. Sein Gegner, Xu Xiaodong, hat ihn im Herbst vergangenen Jahres eines Besseren belehrt. Xiaodong, auch „Mad Dog“ genannt, hat eine Mission: Er will chinesische Kampfkunst-Meister als Heuchler enttarnen, aufzeigen, dass „hinter dem arroganten Gehabe“ meist nichts steckt. Damit zieht er allerdings auch den Zorn der chinesischen Regierung auf sich.

Der 41 Jahre alte Kampfsporttrainer hat sich den sogenannten Mixed Martial Arts verschrieben, einer Sportart, die die effektivsten Techniken aus traditionellen Kampfkünsten wie Karate, Taekwondo oder Kickboxen kombiniert. Dem Pekinger stößt sauer auf, dass Meister der traditionellen Kampfkunst in China nicht nur geachtet, sondern geradezu vergöttert werden.

Regierungspropaganda

Filme, in denen etwa Tai-Chi-Kämpfer im Alleingang ganze Armeen ausschalten, Heldenepen, großzügige Förderungen für die traditionellen Kampfkünste, die in der Volksrepublik hohes Ansehen genießen. Vor allem Staatschef Xi Jinping wollte Tai Chi zu Chinas Exportschlager machen, ließ TV-Serien drehen, in denen Meister dieses Kampfsports mit ihren scheinbar übermenschlichen Kräften glänzen können.

Als Meister Wei Lei im TV zeigte, wie er eine Taube nur kraft seiner inneren Stärke davon abhalten könne, wegzufliegen, platzte Xu Xiaodong der Kragen. Er reiste zur Trainingsstätte Wei Leis und forderte ihn zum Kampf heraus. Dieser nahm an, nur um zehn Sekunden später besiegt am Boden zu liegen.

Es sollte der erste einer langen Reihe von Siegen sein, die Xu Xiaodong davontrug. Ein Video des Kampfes sorgte in China für große Aufregung, ehe es von den Behörden entfernt wurde.

Zahlreiche Vertreter der traditionellen Kampfkünste wollten den Meister rächen – bisher hat Xiaodong sie alle besiegt. Ein Getränkehersteller versprach dem Kämpfer, der ihn schlägt, fast eine Million Euro.

Harte Strafen

In der Kommunistischen Partei kam das nicht gut an: Als er die Kampfsportlegende Chen Xiaowang als Betrüger beleidigte, wurde er von einem Gericht zu einer Strafe von 30.000 Euro verdonnert, musste sich eine Woche lang jeden Tag öffentlich entschuldigen. Vor allem aber setzte die Regierung seine soziale Bewertung herab. Xiaodong durfte weder in ein Flugzeug steigen, noch Besitz erwerben oder mit einem Hochgeschwindigkeitszug fahren.

Er nahm die Holzklasse und fuhr 36 Stunden lang mit dem Zug, um sein nächstes Opfer zu besiegen. Vorbedingung für den Kampf: Xiaodong musste Clown-Make-up tragen. Das hielt ihn nicht davon ab, dem Wing Chun-Meister Lu Gang die Nase zu brechen.

Nachdem er seine Strafe gezahlt und sich öffentlich entschuldigt hatte, wurden die harten Restriktionen wieder aufgehoben. Dennoch gilt Xiaodong als Persona non grata. Seine Videos darf er in China nicht veröffentlichen – er schickt sie einem Freund in den USA, der sie dann auf Youtube stellt.

Auch politisch hat er sich mittlerweile kritisch gegenüber der Regierung geäußert: Über Hongkong, den chinesisch-australischen Konflikt, die schlechte Behandlung von Journalisten im Zuge der Pandemie. Dennoch hält er sich nicht für einen politischen Aktivisten.

Auf seine Äußerungen angesprochen sagte er: „Setzt eure Hoffnungen nicht auf mich. Ich bin nur ein Hund, der in einem Haufen Hundekot ertrinkt.“ Seine Mission bleibe es, durchs Land zu ziehen und „falsche Meister“ zu entlarven.

Ein Erfolg ist ihm bereits gelungen: Die chinesische Kampfsportbehörde wies im Sommer alle Kampfsportler an, sich nicht mehr als Meister zu bezeichnen.

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