Tatort im Supermarkt

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Politik Ausland
05/15/2022

Weißer Terror gegen Afroamerikaner in Buffalo - Christchurch-Killer als Vorbild

Payton Gendron, der 18-jährige Attentäter von New York, sieht sich als Kämpfer gegen den "großen Austausch". Stichwortgeber für diese rechtsextreme Ideologie geraten jetzt unter Druck.

von Dirk Hautkapp

Die "Tops"-Supermarkt-Kette, die in US-Bundesstaaten New York, Vermont und Pennsylvania 150 Mal vertreten ist, trägt ausdrücklich das Prädikat "freundlich" im Namen. Am Samstagnachmittag machte die Filiale an der Jefferson Avenue im schwarzen Teil von Buffalo Bekanntschaft mit dem, was Bezirks-Sheriff John Garcia mit bebender Stimme "das reine Böse" nannte.

Payton Gendron, ein 18-jähriger, weißer Student der Ingenieurwissenschaft, erschoss dort bei einem offenbar minutiös vorbereiteten Massaker zehn Menschen und verletzte weitere drei. Elf Opfer sind Afro-Amerikaner. Viele Details deuten auf eine lupenreine Nachahmungstat hin.

Der aus dem dreieinhalb Autostunden südlich gelegenen Conklin bei New York City stammende Täter, der gemeinsam mit zwei Brüdern bei seinen Eltern gemeldet war, ist ausweislich eines von ihm im Internet verbreiteten 180-seitigen Pamphlets Faschist, Neonazi, Antisemit und Anhänger der Lehre von der "Vorherrschaft der Weißen" - white supremacy.

US-Behörden gehen von "Hassverbrechen" aus

FBI und Staatsanwaltschaft gehen von einem "Hassverbrechen" und "rassistisch motiviertem gewalttätigen Extremismus" aus. Prominente Politiker in Washington bis hin zu Präsident Joe Biden zeigten sich "entsetzt".

US-Medien zufolge ist Gendron bereits wenige Stunden nach der Tat wegen Mordes angeklagt worden. Gendron plädierte nach seiner Festnahme vor dem Haftrichter in der Stadt in der Nähe der Niagara-Fälle auf unschuldig. Ihm droht Haft bis ans Lebensende.

Live-Übertragung auf "Twitch"

Gendron hatte den bislang folgenschwersten Massenmord dieses Jahres in Amerika mit einer GoPro-Kamera am militärischen Schutzhelm live auf "Twitch" übertragen. Der Streaming-Dienst gehört zu Amazon und wird vorwiegend von Videospiel-Fans frequentiert. Schon Stephan Balliet, der Doppelmörder von Halle 2019, nutzte die Plattform in gleicher Angelegenheit.

Unter der inzwischen gelöschten Kennung "jimboboiii" dokumentierte der in Militär-Camouflage gekleidete Gendron bereits seine Anfahrt im Auto auf den Supermarkt in einem von Schwarzen dominierten Stadtteil Buffalos. Gut zu sehen: das halbautomatische Schnellfeuergewehr auf dem Beifahrersitz.

Wenig später steigt Gendron aus und beginnt auf dem Parkplatz vor dem Eingang des am Samstagnachmittag von vielen Wochenend-Einkäufern besuchten Geschäfts zu schießen. Mindestens drei Menschen sterben hier; auch durch Kopfschüsse.

Festnahme im Supermarkt

Nach Betreten des Supermarktes legt er laut Polizei wahllos auf Kunden und Angestellte an. Unter den Toten ist auch ein ehemaliger Cop, der sich nach der Pensionierung hier als Security Guard verdingt hatte. Sein Schuss auf den Todesschützen prallt von dessen schusssicherer Weste ab.

Als die Polizei wenig später am Tatort eintrifft, stellt sich ihnen ein "Horror-Film" dar - "nur, dass alles echt ist".

Gendron hält sich eine Waffe an den Hals und droht damit, sich zu erschießen. Die Beamten überreden ihn zur Aufgabe. Augenzeugen berichten Reportern später, dass der Todesschütze "in aller Seelenruhe Waffe und Teile seiner militärischen Ausrüstung ablegte, sich hinkniete und widerstandslos festnehmen ließ".

Wie sich Gendron radikalisierte 

In seinem "Manifest" bekundete Gendron neben vielen akribisch aufgelisteten Details über die Vorbereitung der Tat, dass er durch die schon bei vielen Gewaltverbrechen auffällig gewordene Rechtsaußen-Internetforum "4chan" radikalisiert wurde und sich insbesondere durch Brenton Tarrant "inspiriert" fühlte. Der gebürtige Australier hatte 2019 in Christchurch/Neuseeland, ebenfalls live gestreamt, in zwei Moscheen 51 Menschen umgebracht und eben so viele verletzt.

Tarrant hatte in seinem Bekennerschreiben direkt Bezug genommen auf eine in rechtsterroristischen Kreisen weltweit als Bibel geltende Schrift des französischen Autors Renaud Camus, der auch die rechtsextremen "Identitären" in Deutschland ideologisch aufgeladen hat.

In "Grand Remplacement" (Großer Bevölkerungsaustausch) wird die Verschwörungs-These formuliert, dass in den USA wie in Europa linke Eliten die Vorherrschaft der Weißen durch Immigration gezielt zerstören wollten, so dass weiße "Einheimische" schrittweise durch Zugewanderte ersetzt würden. Es ist das Leit- und Angstmotiv rechtsextremer Kreise schlechthin.

Gendrons Weltbild

Gendron macht in den USA "hoch fruchtbare Einwanderer" aus, die das demographische Gefüge völlig aushebelten. Sich gegen den "Genozid" an den Weißen zu stellen, empfinde er als seine Pflicht. Dass Gendron gezielt eine überwiegend von Afro-Amerikanern bewohnte Gegend ins Visier nahm, folgt seinem rassistischen Weltbild: "Alle schwarzen Menschen sind nur Platzeinehmer ("replacer"), allein weil sie in weißen Ländern existieren."

Neben Tarrant bezieht sich Gendron namentlich auf weitere Massenmörder, die weltweit Schlagzeilen geschrieben haben: Auf den weißen Rassisten Dylan Roof, der 2015 in Charleston, South Carolina, neun schwarze Kirchgänger erschoss. Auf den Neonazi Robert Bowers, der 2018 in der Pittsburgher Tree-of-Life-Synagoge elf Menschen tötete und sieben weitere verletzte. Auf Patrick Wood Crusius, der 2019 im Alter von 21 Jahren in El Paso/Texas in einem Walmart-Supermarkt gezielt auf Latinos Jagd machte und 23 Menschenleben auslöschte. Schließlich auch auf den norwegischen Rechtsextremisten Anders Breivik berief, der 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen tötete.

Alle werden in einschlägigen Foren des Internets als Helden verehrt.

Zugang zu politischem Mainstream

J.J. MacNab vom bekannten Extremismus-Programm der George Washington Universität in der amerikanischen Hauptstadt weist darauf hin, dass viele Versatzstücke der "White Replacement"-Bewegung längst Eingang gefunden haben in den politischen Mainstream.

So reden diverse republikanische Kongress-Abgeordnete, die sich Ex-Präsident Donald Trump ideologisch nahe fühlen, seit Langem davon, dass die Demokraten die weiße Mehrheit gegen Muslime oder nichtweiße Einwanderer (Latinos etc.) austauschen wollten. Darum, behaupten sie wahrheitswidrig, sei die Grenze zu Mexiko quasi "offen".

In fast deckungsgleicher Wortwahl äußert sich regelmäßig mit Tucker Carlson einer der wirkungsmächtigsten TV-Moderatoren des Senders Fox News. "Um zu gewinnen und an der Macht zu bleiben, planen die Demokraten die Bevölkerung dieses Landes zu ändern", sagte der Multi-Millionär in einer Sendung im vergangenen Jahr und schwadronierte davon, dass die Partei Joe Bidens "bewusst obrigkeitshörige Wähler aus der Dritten Welt importiert, um das bestehende Wahlvolk auszutauschen". Die Bürgerrechts-Organisation "Anti-Defamation League" (ADL) forderte damals vergebens den Rauswurf von Carlson.

MacNab und andere geben Carlson und weiteren Stichwortgebern im rechtspopulistischen Lager Mitschuld an Katastrophen wie der in Buffalo: "Die, die solche Ideen verbreiten, sind zu tadeln, nicht nur jene, die den Abzug betätigen."

"Bin vollkommen zurechnungsfähig"

Dass Payton Gendron dies übrigens im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte tat, stammt von ihm selbst. "Bei mir wurde nie eine mentale Störung diagnostiziert", schreibt er, "ich glaube, ich bin vollkommen zurechnungsfähig." Katy Hochul, die Gouverneurin des Bundesstaates New York, nennt Gendron einen "rechtsextremistischen Terroristen", der für immer weggesperrt gehöre.

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