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Politik Ausland
03/26/2020

Warum in Großbritannien jetzt auch Schnapsläden lebensnotwendig sind

Weil die Alkohol-Regale in den Supermärkten zunehmend leer sind, dürfen jetzt die Schnapsläden wieder aufsperren.

von Konrad Kramar

Engländer sind, auch nach Eigendefinition, ein raues Völkchen, und entsprechend robust sind auch die Tringewohnheiten. Wer mit Freunden von der Insel auf einen Nach-der-Arbeit-Drink geht, merkt, dass solche Treffen selten vor der Sperrstunde - die ist immerhin pünktlich um 23 Uhr - enden.

Das Ausschenken von Wein per Achterl betrachten Briten als nicht nachvollziehbare Sitte vom "continent". Man bevorzugt große Gläser. Als Premierminister Boris Johnson seinen Landsleuten vor einigen Tagen den geliebten abendlichen Besuch im Pub endgültig untersagte, reagierten die entsprechend und sorgten vor.

Ein paar Drinks auf dem Sofa

Schließlich, so eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstitutens YouGov, haben mehr als die Hälfte aller Briten beschlossen auch nach der Ausgangssperre mindestens ebenso viel Alkholisches zu konsumieren wie zuvor. Also deckte man sich großzügig ein.

Da Lebensmittelläden, wie fast überall in Europa, inzwischen die einzigen Geschäfte sind, die noch offenhalten dürfen, nützte man den Einkauf bei Sainsbury's, Tesco oder Aldi, um gleich bei den Regalen mit Wein, Bier und Co. ordentlich zuzugreifen. Da diese Regale oft auch strengen Beschränkungen bei den Öffnungszeiten unterliegen - sie werden spätabends abgesperrt - war man beim Einkauf umso großzügiger.

Leergeräumte Regale

Das Ergebnis: Bald war in den Supermärkten kaum mehr Trinkbares zu kriegen. Daher griff die Regierung, die ja ihren Kurs in der Corona-Krise ohnehin ständig ändert, zu einer überraschenden Maßnahme. Die kleinen, meist etwas schmuddeligen Alkohol-Läden, genannt "off licences", die in britischen Städten zum Straßenbild gehören, waren ja anfangs allesamt zum Zusperren verdonnert worden.

Jetzt aber haben die Behörden auch ihnen die nötige Klassifizierung als "lebenswichtig", (essential") zugestanden, was bedeutet, dass sie ab sofort wieder aufsperren und die Bürger mit dem offensichtlich essentiellen "booze" versorgen dürfen.

Nicht nur der Schnapsladen an der Ecke hat jetzt wieder offen, auch die zahlreichen kleinen Brauereien im ganzen Land, die meist einen angehängten Shop für den Gassenverkauf haben, sind zurück im Geschäft.

Grantig macht das nur die Pubbesitzer, die weiterhin nichts ausschenken dürfen. "Unser ganzes Geschäft machen die Supermärkte", meinte der Sprecher einer großen Pub-Kette zur "Times". Na ja, und die Schnapsläden sind auch wieder im Geschäft.