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Politik Ausland
05/02/2021

Von Saudi-Arabien bis Italien: Das Geschäft mit der "Dschihadistendroge"

Captagon soll wach halten, Angst vertreiben und die sexuelle Lust steigern - und wird vor allem in Syrien und im Libanon produziert.

von Armin Arbeiter

Als die Drogenfahnder der saudischen Hafenstadt Dschidda vergangene Woche eine libanesische Obst- und Gemüseladung untersuchten, staunten sie nicht schlecht: Mehr als fünf Millionen Pillen der berüchtigten „Dschihadistendroge“ Captagon waren darin versteckt. „Dschihadistendroge“, weil das Aufputschmittel vor allem bei Terrormilizen in Syrien verwendet werden soll. Berichten zufolge senkt Captagon die Aggressionsgrenze, lässt seine Anwender weniger Schmerz und Hunger verspüren.

Doch auch in Saudi-Arabien erfreut sich die Droge großer Beliebtheit: „Die größten Konsumenten sind die Golfstaaten. Die meisten Schmuggeloperationen, die auffliegen, hatten Saudi-Arabien zum Ziel“, sagt ein libanesischer Informant. Dort sei Captagon vor allem wegen seiner sexuell stimulierenden Wirkung beliebt. Das Dealen ist dort aber auch besonders riskant: Auf Drogenhandel steht in Saudi-Arabien die Todesstrafe.

Simpel herzustellen

Wohl auch deswegen hat Saudi-Arabien drastische Maßnahmen ergriffen und ein Embargo gegen alle Obst- und Gemüseimporte aus dem Libanon verhängt. Zumindest bis im Hafen von Beirut ein Warenscanner installiert sei.

Der Hauptgrund dürfte aber sein, dass die Captagon-Pillen in immer größerer Zahl in Syrien produziert werden. Nicht nur Rebellengruppen und Terrormilizen, auch das syrische Regime selbst soll sich an Produktion und Vertrieb dieser Droge beteiligen – es gilt als gutes Geschäftsmodell: „Für eine Captagon-Fabrik braucht man nicht viel Platz“, sagt der Vertreter der libanesischen Sicherheitskräfte. „Man kann Millionen Pillen geräuschlos in einem Kleinbus produzieren.“

„Um Captagon herzustellen, brauche ich Amphetamine, Spiritus und Zitronensäure“, verrät ein Libanese, der in der Bekaa-Ebene sein Drogenlabor betreibt. Erst trocknet er die Bestandteile und presst sie dann mit einer Bonbonmaschine zu Pillen. Die Dealer kauften meist 200-Stück-Packungen.

Sowohl im Libanon als auch in Syrien ist der Konsum der „Dschihadistendroge“ in der Bevölkerung nicht weit verbreitet. Mit einem Preis von 4,5 bis neun Euro ist sie zu teuer. Dennoch werden auch dort minderwertige Produkte, versetzt mit Nickel oder Zinn, verkauft, die der notleidenden Bevölkerung noch mehr zusetzen.

Der Fokus liegt auf Exporten ins Ausland. Denn sowohl auf der Arabischen Halbinsel als auch in Europa ist Captagon ein begehrtes Mittel.

Gigantischer Drogenfund

14 Tonnen wurden etwa vergangenen Juni in Italien im Hafen von Salerno entdeckt und beschlagnahmt. Auch Griechenland meldet öfters Fälle, zumeist sind die Schiffe mit den Drogen an Bord vom syrischen Hafen in Latakia aufgebrochen. Eine Stadt, die von der Assad-Regierung kontrolliert wird. Unwahrscheinlich also, dass oppositionelle Gruppierungen diesen Hafen für sich nützen konnten.

Captagon ist der Markenname eines Medikaments, das ab den sechziger Jahren als Antidepressivum oder zur Behandlung der Schlafkrankheit eingesetzt wurde. Heute stuft die UNO-Drogenbehörde Captagon als gefährliches Suchtmittel ein. In den Siebzigern und Achtzigern war es unter Fußballern weit verbreitet.

Mit seinem Embargo dürfte Saudi-Arabien auch die libanesische Hisbollah treffen wollen, die vor allem unter Verdacht steht, die Droge im Libanon zu produzieren. Die ohnehin katastrophale Wirtschaftslage im Libanon dürfte sich dadurch noch weiter verschlechtern.

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