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Politik Ausland
03/28/2021

USA: "Farbiger zu sein, ist ein Riesen-Handicap"

Hochspannung vor dem Prozessbeginn am Montag nach der Tötung des Schwarzen George Floyd durch einen weißen Polizisten.

von Dirk Hautkapp

Wäre es nach ihren Töchtern gegangen, hätte es Familie Smith beim Besuch der „Mall of America“ belassen. Das größte Einkaufszentrum in den USA, so gewaltig wie 50 Fußball-Plätze nebeneinander, ist für Studenten in der „Spring Break“-Zeit im Großraum Minneapolis eine attraktive Adresse. Mutter Kynedra (45), eine resolute Afroamerikanerin, wollte es anders.

Und so steht die ganze Familie, Vater Sean, Ashanti (18), Jalynn (18) und die elfjährige Legacy, an diesem sonnig-kalten März-Morgen vor dem derzeit bekanntesten Open-Air-Schrein der USA. Kreuzung 38. Straße und Chicago Avenue, Höhe „Cup Foods“. Jener Supermarkt, vor dem der Schwarze George Floyd im Mai 2020 den Tod fand. Weil ihm ein weißer Polizist mit dem Knie acht Minuten und 46 Sekunden lang den Hals abdrückte. Obwohl Floyd schrie und am Ende röchelte: „Ich kann nicht atmen!“

„Black Lives Matter“

Bevor Officer Derek Chauvin ab Montag wenige Kilometer entfernt im mit gepanzerten Armee-Fahrzeugen und hohen Metallzäunen gesicherten „Hennepin County Government Center“ das auf Mord lautende Eröffnungsplädoyer der Staatsanwälte hören wird, wollen die Smiths „Respekt und Anteilnahme“ bekunden.

Mit feuchten Augen gehen die allesamt in T-Shirts der „Black-Lives-Matter“-Bewegung gekleideten Schwarzen zwischen dem mit Blumenkränzen, Gedenkkarten, Kerzen, Graffitis und Mahnmalen geschmückten Areal, wo Floyd starb, und dem symbolischen Friedhof gegenüber hin und her. Dort erinnern Dutzende weiße Holztafeln an die bekanntesten schwarzen Opfer tödlicher Polizeigewalt der vergangenen 60 Jahre.

Schwarze im Visier

Einen Namen darunter kennen die Smiths, die aus Missouri kommen, gut. Michael Brown, ein unbewaffneter 18-jähriger Schwarzer, war im August 2014 in Ferguson, einem Vorort von St. Louis, von einem weißen Polizisten erschossen worden. Stundenlang lag die Leiche auf der Straße. Es gab schwere Ausschreitungen, Plünderungen und Brände. Landesweit.

Vater Sean, Mutter Kynedra und ihre Kinder, keine Radikalen, schwarzer Mittelstand, gebildet, Geschäftsleute, sind sich sicher, dass sich die Geschichte „brutal wiederholen“ wird, wenn Officer Chauvin in dem auf rund vier Wochen angesetzten Hauptverfahren davonkommen sollte. „Dann werden sie Minneapolis wieder in Stücke reißen.“ Wieder, weil die Plünderungen und Brandschatzungen hier und in der Schwester-Stadt St. Paul nebenan im vergangenen Sommer immer noch nicht vergessen sind.

Genau darauf, auf Haftverschonung, legt es die Verteidigung um Eric Nelson an. Sein Mandant muss, zählt man das Strafmaß der drei verschiedenen Mordanklagen zusammen, theoretisch mit mehr als 50 Jahren Gefängnis rechnen. Aber: Nicht die von der Handy-Kamera einer Passantin dokumentierte Fixierung Floyds auf dem Boden durch Derek Chauvin habe zum Tod geführt, behauptet Nelson im Widerspruch zur amtlichen Leichenschau, sondern eine Dosis Fentanyl, die sich der 46-Jährige kurz vor seiner Festnahme verabreicht habe.

Diese erfolgte, weil George Floyd versucht haben soll, mit einer gefälschten 20-Dollar-Note einzukaufen. Im Prozess werden Chauvins Juristen den toten Schwarzen als einschlägig bekannten Klein-Straftäter und Gauner charakterisieren.

„Keine Lizenz zum Töten“

Die Smiths kennen die bisher bekannt gewordenen Facetten aus dem Effeff, Richter Peter Cahill ebenso. Und auch die Tatsache, dass die Stadt Minneapolis vor wenigen Tagen in einem De-facto-Schuldeingeständnis Floyds Familie 27 Millionen Dollar Schmerzensgeld zugesprochen hat. Trotzdem ist die Familie pessimistisch, was die Justiz anbelangt. „Ich erwarte einen Freispruch, weil es historisch fast immer so war“, sagt die Mutter, „in Amerika ein Farbiger zu sein, bedeutet im Land der Freiheit ein riesiges Handicap.“ Noch immer müsse man gebetsmühlenartig klarmachen, „dass die Polizei-Marke keine Lizenz zum Töten ist“.

Defätistisch klingt die Familie, weil sie aus nächster Nähe erlebt hat, „was Fassade ist und was echt“. In Ferguson, ihrem Nachbarort, habe sich seit dem Tod von Michael Brown nicht wirklich etwas verbessert im Verhältnis „black versus blue“, Afroamerikaner versus Polizei. Reformen? Fehlanzeige.

Sean Smith, dem bei einer „allein auf meine Hautfarbe zurückgehenden Polizei-Kontrolle“ vor Jahren von einem Polizisten der Kiefer gebrochen wurde, erkennt in den bisherigen Polizei-Reformversuchen bloß Kosmetik. „Das ist, als würde man Kohlsprossen mit Zucker bestreuen, damit er genießbarer wird.“

„Vergebung für Officer“

Greg Sullwold sieht das alles ganz anders. Der Weiße Ex-Kapitän auf Ausflugsschiffen auf einem der Tausenden Seen um Minneapolis ist mit seinem deutschen Schäferhund zum Floyd-Mahnmal gekommen. Dass Straßensperren aus Beton um den Schauplatz aufgestellt sind und linke Aktivisten eine autonome Zone errichtet haben, ist ihm suspekt. „Warum können wir nicht Vergebung üben gegenüber Officer Chauvin? Wer von uns, verdammter Mist, will denn beurteilen, was in dem Beamten vorgegangen ist.“

„Polizeigewalt“

Sullwold ist bereits weitergegangen, als Frank Joseph Yellow, 40, auf dem Fahrrad auftaucht. Der Nachfahre der Cheyenne-River-Sioux-Indianer wohnt gleich neben dem Supermarkt, vor dem Floyd starb, und sagt: „Polizei-Gewalt hier gegen Minderheiten ist strukturell. Man will nicht, dass es uns besser geht.“ Officer Chauvin werde nicht ins Gefängnis wandern – „weil er weiß ist und die Agenda der Weißen beschützt.“

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