© APA/AFP/INA FASSBENDER

Politik Ausland
05/17/2020

Schulstart mit und ohne Bauchweh: So war es in anderen Ländern

In Österreichs Schulen beginnt am Montag der Unterricht. Andere Länder haben das bereits hinter sich. Ein KURIER-Report.

von Bernhard Gaul, Karoline Krause-Sandner, Irene Thierjung, Sandra Lumetsberger

Für einen Teil der Familien waren es neun durchaus heimelige Wochen mit den Kinder daheim, eine Ausnahmesituation, das schon, aber nie wirklich problematisch. Für viele andere Familien waren es nicht endenwollende 90.720 Minuten, in denen die Nerven angespannt waren und der Familienfriede immer höchst fagil war.

Lesen Sie hier einen Rück- und einen Ausblick - und wie die Lage in anderen europäischen Ländern mit bereits offenen Schulen ist.

Bereits geöffnet
Dänemark, Norwegen (Grundschulen) und Deutschland starteten bereits. In der Schweiz, den Niederlanden und  Kroatien sind die Schulen seit 11. 5. offen; ebenso in Finnland (14. 5.) und Estland (15. 5.). In Belgien, Österreich, Slowenien und Portugal beginnt der Betrieb am Montag, in Großbritannien frühestens im Juni.

In Frankreich entscheiden Bürgermeister. In Schweden blieben Schulen für unter 16-Jährige durchgehend offen.

Noch geschlossen
In Irland, Bulgarien und Rumänien öffnen die Schulen erst  im September. Abschlussklassen dürfen in Bulgarien, Ungarn und Griechenland in die Schulen.

Österreich

Vom 16. März bis zum morigen 18. Mai waren Österreichs Schüler corona-bedingt aufgerufen, nicht in die Schule zu kommen. „Distance learning“ und Schule@daheim waren die neuen Schlagwörter. Für 1,1 Millionen Schülerinnen und Schüler und 125.000 Pädagoginnen und Pädagogen startete eine Blitzdigitalisierung, Lernsoftware wurde erprobt, die Schüler mussten sich auf Lernplattformen anmelden, persönliche Gespräche mit Klassenkollegen und Lehrern wurden über Videotelefonie abgewickelt.

Einige zehntausend Kinder aber konnten von den Lehrern beim „distance learning“ kaum bis nicht erreicht werden.

Etwa sieben Prozent der Eltern sehen die morgige Schulwiederöffnung in Österreich mit Sorge, meist aus gesundheitlichen Gründen, und überlegen, ihr Kind weiter daheim zu lassen. Der große Rest begrüßt bis bejubelt hingegen, dass die Kinder und Jugendlichen nach neun Wochen zumindest am Vormittag und zwei bis drei Tage pro Woche wieder aus dem Haus oder der Wohnung kommen.

Denn klar ist, dass neue Regeln gelten: Händewaschen vor Unterrichtsbeginn, Mund-Nasenschutz im Schulgebäude (nicht aber während des Unterrichts), Musik ohne Singen, kein Turnen. Und alle Klassen werden in zwei Gruppen geteilt. Was auch zur Folge hat, dass die Kinder mehr als die Hälfte der Zeit bis Schulschluss daheim bleiben müssen.

Norwegen

Der achtjährige Seb darf wieder in die Schule gehen, die seit 12. März geschlossen war. Kindergärten öffneten am 20. April, Volksschulen am 27. April, alle anderen am Montag. „Zuerst die Kinder, dann die Arbeit, dann alles andere“, hat Premierministerin Erna Solberg gesagt. Bis 15. Juni soll dann so gut wie alles wieder geöffnet sein.

Die Gesundheitsbehörde kann Entwarnung geben: „Wir können bis jetzt keinen negativen Effekt erkennen“, sagte Direktor Frode Forland. Für ihn war die Schulschließung von Anfang an nicht notwendig. Sein Bericht von 5. Mai bestätigte, dass sie wenig zum Kampf gegen das Virus beitrug. „Die negativen Auswirkungen der Schließung sind weitaus größer als der potenzielle Nutzen“, hielt Forland fest.

„Wir können bis jetzt keinen negativen Effekt erkennen“

Frode Forland | Direktor der norwegischen Gesundheitsbehörde

Die Wiederöffnung der Schulen hatte dennoch auch ihre Gegner: In einer Facebook-Gruppe hatten sich rund 30.000 Mütter und Väter dagegen ausgesprochen.

Auch Sebs Mutter hatte ihre Zweifel. Doch heute ist sie zufrieden: „Es scheint gut zu funktionieren. Die Schüler sind in viele kleine Gruppen aufgeteilt, die sich an unterschiedlichen Orten in der Schule treffen“, erzählt sie. Auch zum Spielen hat jede Gruppe eigene Bereiche. Masken sind nicht vorgesehen. „Die Hygienevorschriften und die Abstandsregeln sind angemessen.“ Auch wenn man bei vielen Kindern rissige Hände vom Desinfizieren sehe.

Traurig ist Seb, weil seine Schule keine Rücksicht darauf nahm, wen er in der Zeit des Homeschooling regelmäßig getroffen hatte. In seiner Gruppe ist keiner seiner Freunde. „Manchmal ist er einsam, vielleicht kann er Gruppe tauschen“, hofft die Mutter.

Dänemark

Noch vor Mitte März hatte die sozialdemokratische Regierung in Kopenhagen als eine der ersten in Europa strenge Maßnahmen gegen Covid-19 gesetzt. Mitte April war sie dann die erste, die diese wieder lockerte. Für Aufsehen sorgte damals, dass Dänemark Kindergärten und Grundschulen öffnete, nicht aber höhere Stufen mit Ausnahme von Abschlussklassen. Immerhin galten doch gerade Jüngere laut vielen Experten als potenziell bedeutende Überträger des Virus (was weiter unklar ist).

Aus der Sicht von Premierministerin Mette Frederiksen sprach allerdings viel dafür, die Schulen zu öffnen. Eltern sollte ein effektiveres Homeoffice ermöglicht werden – was der Wirtschaft nütze.

"Die Kinder sind müde, aber glücklich"

Leila Schmidt Petersen | Mutter

Auch wenn sich via Facebook Protest formierte – viele Erziehungsberechtigte sahen und sehen die frühe Schulöffnung positiv. Zu diesen zählt Leila Schmidt Petersen, die drei Kinder im Alter von 7, 10 und 12 Jahren hat und dem KURIER den neuen Alltag beschreibt. „Die Klassen sind in Kleingruppen unterteilt, die von je einem Lehrer unterrichtet werden. Der Schwerpunkt liegt auf Dänisch und Mathe, unterrichtet wird fast nur im Freien.“

Ihre Kinder seien müde, aber glücklich, so die 38-Jährige. „Sie lernen vielleicht weniger Englisch, Kunst oder Musik, dafür aber viel über Natur, Kultur und Teamwork.“

Kritische Worte findet Jane Terp, Alleinerzieherin von zwei Kindern (8 und 13). „Viele konnten nicht verstehen, warum die Jüngsten als erste in die Schulen mussten“, sagt die 45-Jährige. „Wenn es für mich möglich gewesen wäre, hätte ich meinen Sohn daheim gelassen.“ Heute sei der Schulbetrieb, der ab Montag auch in Unter- und Oberstufen startet, zwar immer noch weit von Normalität entfernt, funktioniere aber. „Mein Sohn ist froh, seine Freunde zu sehen.“

Was bleibe, sei eine gewisse Angst, auch wenn die Infektionszahlen in Dänemark weiter sinken. Terp sieht die Hygieneregeln nicht nur positiv. „Die Kinder müssen mehrmals täglich die Hände waschen und desinfizieren, ihre Haut ist völlig ausgetrocknet.“

Deutschland

Donnerstagmittag. Der Schulhof eines Gymnasiums in Berlin-Mitte ist leer. Normalerweise würden hier Kinder Tischtennis oder Basketball spielen.

Seit drei Wochen sitzen die Schüler wieder in den Klassen, begonnen wurde mit dem Abi-Jahrgang, der Prüfungen schreiben musste. Versuche, dagegen zu klagen, scheiterten, wie in anderen deutschen Bundesländern (die individuell über Schulöffnungen entscheiden). Lehrer, Eltern und Schüler befanden, dass es für einige zu wenig Vorbereitungszeit gab, die Quarantäne zu Hause schwierige Lernbedingungen schuf.

Auch jetzt müssen sie ab Mittag wieder dort lernen. Die Schulen haben einen Schichtbetrieb. Am Gymnasium in Berlin-Mitte beginnt die erste um 9 Uhr. Viele kommen mit der U-Bahn, tragen Mund- und Nasenschutz oder setzen ihn vor der Eingangstür zur Schule auf. Rein darf nur, wer Maske trägt. So steht es im Hygienekonzept.

Dazu gehört ein Einbahnsystem im Schulhaus, wo alle auf der rechten Seite gehen, ebenso das Händewaschen vor dem Unterricht. Auf dem Boden kleben rot-weiße Markierungen, die helfen sollen, Distanz zu wahren.

Nicht alles klappt so, wie es die Theorie vorsieht: Am schwierigsten ist es, die Abstandsregeln einzuhalten, berichtet ein Lehrer. Am Anfang wollten sich viele Schüler umarmen, weil sie sich so lange nicht gesehen haben, taten es aber nicht – „das war sehr berührend“.

"Es ist gerade schwierig, ein gutes Vorbild zu sein"

Lehrer in einer Berliner Schule

Nach wie vor müsse man sie stets darauf hinweisen, Abstand zu halten. „Das ist für beide Seiten unangenehm, auch als Lehrer vergisst man mal. Es ist gerade schwierig, gutes Vorbild zu sein.“ Auch was das Tragen der Masken betrifft, die erst im Freien abgenommen werden. Dort findet auch der Sportunterricht statt.

„Es geht weniger um sportliche Leistungen, sondern darum, unter den Gegebenheiten Gutes herauszuholen“, sagt der Lehrer. So machen sie Orientierungsläufe an der Spree. Spätestens um 11.30 Uhr ist dann aber Schluss. Zum „Distanzlernen“ geht es wieder nach Hause.