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Politik Ausland
12/27/2021

Russisches Gericht verlängert Haftstrafe für Stalin-Forscher

Der Memorial-Mitarbeiter forschte zu Repressionen in der Stalin-Zeit und wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt. Nun dehnte ein Gericht das Strafausmaß aus.

Ein russisches Gericht hat die Haftstrafe für den Stalinismus-Forscher Juri Dmitrijew von 13 auf 15 Jahre verlängert. Ein Gericht in der Stadt Petrosawodsk gab damit am Montag einem Antrag der Staatsanwaltschaft statt, wie die Menschenrechtsorganisation Memorial im Onlinedienst Twitter mitteilte. Dmitrijew ist der Leiter einer Regionalorganisation von Memorial. Memorial ist selber akut von der Schließung durch die russische Justiz bedroht.

Der 65-jährige Dmitrijew ist für seine Forschungen zu den Verbrechen während der Stalin-Zeit bekannt. Er war im September 2020 wegen angeblichen sexuellen Missbrauchs zu 13 Jahren Haft verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft verlangte dann im Dezember 2020 eine Verlängerung der Strafe um zwei Jahre. Menschenrechtler prangern die Missbrauchsvorwürfe gegen den Historiker als fadenscheinig an und kritisieren seine Verurteilung als politisch motiviert.

Dunkle Kapitel

Dmitrijew hat mit seiner Forschungsarbeit die Aufmerksamkeit auf eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte des Landes gelenkt. Über Jahre widmete er sich der Aufarbeitung der Repressionen in der Sowjetzeit im russischen Nordwesten. Seine Untersuchungen führten auch zur Entdeckung eines Massengrabes mit den Überresten von etwa 9.000 Menschen, die während des "Großen Terrors" der späten Neunzehndreißigerjahre im karelischen Waldgebiet Sandarmoch erschossen worden waren. Unter den vor Ort Getöteten und hier Verscharrten befanden sich insbesondere auch führende Vertreter der ukrainischen Avantgarde, darunter der legendäre Theaterregisseur Les Kurbas (1887-1937).

Die Verurteilung Dmitrijews hatte im vergangenen Jahr auch zu Spannungen zwischen Russland und Deutschland sowie Frankreich geführt. Die Regierungen in Berlin und Paris kritisierten damals die Haftstrafe. Ihre Botschafter wurden daraufhin vom russischen Außenministerium einbestellt. Das Ministerium kritisierte einen "Akt der Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Russischen Föderation" und einen Versuch, "die Entscheidung unabhängiger russischer Gerichte in Frage zu stellen".

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