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Politik Ausland
02/04/2019

Polen in Großbritannien: „Noch geht es gut für uns aus“

Der Brexit erzeugt Ängste unter Gastarbeitern, insbesondere aus Polen, Warschau wirbt um sie

„Gebt uns unsere Landsleute zurück!“, so beendete der polnische Premierminister Mateusz Morawiecki kürzlich ein BBC-Interview. Auf den ersten Blick ein Vorwurf an die Briten, auf den zweiten ein Appell an eine Million Polen im Vereinigten Königreich, zurück zu kehren.

Sollte der harte Brexit, der Ausstieg Großbritanniens ohne Übereinkommen mit der EU, folgen, so gibt es Prognosen zu einem „Brexodus“ – der Abwanderung vieler Firmen und EU-Mitbürger von der Insel. Die nationalkonservative Regierung in Warschau, die zwar weitere Verhandlungen befürwortet, scheint hier auch Vorteile zu sehen. Polen hat auf den ersten Blick günstige Bedingungen: Das Land wartet mit einer niedrigen Arbeitslosenquote von 3,5 Prozent auf. Das Wachstum des Bruttoinlandprodukts wird für 2019 mit 3,6 Prozent vorhergesagt.

Im "Polish Express", der wichtigsten Zeitung für Polnischstämmige in Großbritannien, stimmen in Umfragen 65 Prozent für das Bleiben. Bezeichnenderweise ist der Online-Text mit zwei Anzeigen der Fluglinie SAS unterbrochen – Skandinavien gilt als gute Adresse für polnische Arbeitsmigranten: eine Alternative für Polen, die ein Drittel aller EU-Bürger in Großbritannien ausmachen, zur Rückkehr an die Weichsel.

Anzeichen für einen „Brexodus“ kann Krzysztof Kotowski, der seit 2016 in Peterborough als Psychotherapeut lebt, bislang nicht ausmachen. Wenn auch im letzten halben Jahr mehr Polen weggezogen seien als gewöhnlich. „Irgendwie geht es doch noch gut für uns aus“, so der Tenor vieler seiner Patienten, die allesamt bleiben wollten. Peterborough ist eine der Städte, die die meisten Migranten aus den östlichem Europa angezogen haben. Zwanzig Prozent der kleinen Großstadt sollen sie ausmachen.

Mitten im Brexit-Land

Dort, im Osten Englands, ist man konservativ, hier leben die Brexit-Wähler, die Gegend ist agrarisch geprägt. „Noch heute bekommt hier jeder innerhalb von einer Stunde eine Arbeit“ so Kotowski. Jobs, die viele Briten nicht verrichten wollten, wie etwa auf dem Feld oder in Großschlachtereien. Viele Polen seien mittlerweile aufgestiegen. Manche konnten gleich hoch einsteigen – und die haben viel zu verlieren. Wie etwa Marta, die ihren Nachmanen nicht in der Zeitung lesen will. Die studierte Ökonomin konnte in Cambridge vor 13 Jahren gleich einen Managerposten bekommen. Sie will bleiben. Wenn Sie und ihr Mann auch von „einer düsteren Stimmung geplagt werden“.

Das Paar wohnt in der Grafschaft Suffolk auf dem Land, wo die Menschen für den Austritt gestimmt haben und Osteuropäer anpöbelten, sie sollten doch ihre Sachen packen. Mit Folgen. „Seit dem Brexit-Entscheid fühlte sich unser Sohn einfach hier nicht mehr zu Hause, er ist vor einem Jahr nach Polen gezogen, obwohl er einen sehr guten Job hatte.“

Pawel Kutermankiewicz ist positiver gestimmt. „Ich habe die britische Staatsbürgerschaft beantragt und sehe der Entwicklung ruhig entgegen.“ Der Englischlehrer im ostenglischen Boston wurde zwar auch schon aufgefordert, abzuhauen, doch er sagte dem Engländer selbstbewusst die Meinung. Mit einem Karate-Club, den er mit einem Freund leitet und in vier Städten etabliert hat, wo Polen und Briten gemeinsam trainieren und viele Medaillen gewonnen haben, kann er auf einen großen Integrationserfolg hinweisen.

„Die Verunsicherung der Polen in Boston ist groß“, räumt Zibgniew Godzisz ein, der auch ein Beratungsbüro für Polen betreibt. Vielleicht herrscht auch insgeheim Verunsicherung in Warschau.

Von einem groß angelegten Programm für Rückkehrer ist noch nichts zu hören. Denn für die Regierungen in Polen hatte die Arbeitsmigration nach dem EU-Beitritt 2004 stets Vorteile wie Nachteile. Polnische Akademiker, die lieber gut verdienende Fliesenleger in Manchester als schlecht verdienende Dozenten in Krakau wurden, waren kein Imagegewinn für das wirtschaftlich aufstrebende Land. Über Regierungsinitiativen, die die Menschen zurück holen sollten, wurde nur wenig bekannt gegeben.

Darbende Familien

Nicht ohne Grund – der Abzug der Arbeitswilligen kostet Geld. Jährlich werden von Großbritannien rund acht Milliarden Pfund an die Weichsel transferiert, oft um darbende Familienmitglieder zu stützen, zudem wird die Arbeitslosensquote so deutlich gesenkt.

Doch welche Aussichten hätten Rückkehrer? Als größtes Handicap gilt der Lohn. In Polen liegt er durchschnittlich bei etwas mehr als umgerechnet 1000 Euro brutto, in Großbritannien bei umgerechnet 2760 Euro brutto. Im Niedriglohnbereich, wo kaum jemand hinwill, müssten Heimkehrer mit Ukrainern konkurrieren, die mittlerweile eine Million der 39 Millionen Einwohner ausmachen.

Sorgenfalten bereiten auch Unsicherheiten bezüglich der Rente. Bei einem harten Brexit kann es sein, dass die Einzahlungen der EU-Mitglieder in die britischen Rentenkassen nicht übertragen werden, wenn diese zurück aufs Festland wollen.

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