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Politik Ausland
04/25/2020

Philippinen: "Selbst im besten Fall ist Gesundheitssystem maßlos überfordert"

Bita Rasoulian, Österreichs Botschafterin in Manila, über den Alltag in der Millionenmetropole, eine einmalige Rückholaktion und die Zukunft des Tourismus.

von Johanna Hager

Die strikten Quarantänebestimmungen für die Metropolregion Manila bleiben (bis vorläufig 15. Mai) aufrecht. Die Kritik am philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte bleibt auch. Der Präsident des fünftgrößten Inselstaates lässt Mitte April die 100-Millionen-Bevölkerung via TV-Ansprache wissen: "Wenn Sie sich nicht daran halten und es nicht wahrhaben wollen, werden Militär und Polizei übernehmen.“ Menschenrechtsorganisationen orten Willkür

Österreichs Botschafterin in Manila, Bita Rasoulian, spricht im KURIER-Interview über das Leben in der 1,8-Millionen-Metropole Manila, fehlende Migranten und Masken und die einmalige Rückholaktion von Österreichern.

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Philippines to ramp up COVID-19 testing amid pandemic

FILE PHOTO: A woman wearing a protective face mask and shield is pictured in the Ninoy Aquino Stadium, temporarily turned into a quarantine facility, in Manila

Citizens receive food coupons amid coronavirus pandemic in the Philippines

Lock down extended due to coronavirus pandemic, in Metro Manila

Workers disinfect Manila police headquarters

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The coronavirus disease (COVID-19) lockdown in Manila

The coronavirus disease (COVID-19) lockdown in Manila

Philippines ramps up coronavirus testing

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KURIER: Weltweit versuchen immer noch Touristen nach Hause zu kommen. Ende März brachte eine AUA-Maschine Österreicher aus Manila und Vietnam nach Wien zurück. Wie viele Österreicher sind noch im Land?

Bita Rasoulian: 1.200 bis 1.500 EU-Touristen sind noch auf den Philippinen als ausreisewillig vermerkt. Von den rund 60 österreichischen Touristen vor Ort möchten derzeit rund 15 nach Hause. Die restlichen Touristen sind entweder Langzeittouristen oder haben familiäre Bindungen hier.

28. März. Rund 5.000 EU-Bürger harren seit Tagen auf den Philippinen ihrer Ausreise. Sie haben eine Odyssee hinter sich. Müssen zu Wasser, zu Land und zu Luft von ihrem Urlaubsdomizil den Weg zum nächsten Flughafen finden. Ohne die Botschaftsvertreter vor Ort gibt es für das Gros der Reisenden kein Weiterkommen. Weil Flüge in letzter Minute gestrichen, Checkpoints unpassierbar, die Quarantäne-Bestimmungen in der einen Region lax, in der anderen rigoros gehandhabt werden. Das essentielle Etappen-Ziel vor dem Heimat-Flughafen heißt Manila. Von der philippinischen Hauptstadt aus soll es nach Hause gehen. Acht Stunden dauert das Check-in für 199 Passagiere, das Gros davon Österreicher. Kurz vor 22 Uhr soll es soweit sein. Der AUA-Flug soll die EU-Bürger nach Wien-Schwechat bringen. Soll. Denn plötzlich geht nichts mehr. Ein Ambulanzflugzeug von Lion Air/West Wings stürzt kurz nach dem Start ab, geht in Flammen auf, alle acht Insassen sterben. Erst wird die einzig geeignete Startbahn, dann der gesamte Flughafen gesperrt. Die österreichische Botschaft muss alle Passagiere unterbringen. Vor Ort. Es gelingt, ausreichend Betten im Flughafen-Hotel zu reservieren. Am 30. März hebt der AUA-Repatriierungsflug ab. Via Hanoi nach Wien-Schwechat.

Wie schwierig oder leicht ist es, mit den Österreichern in Kontakt zu halten?

Es geht mir wie vielen meiner Kollegen in anderen Ländern, ich kann nur stellvertretend für die Philippinen sprechen. Es ist größtenteils mühsame Kleinarbeit, weil weder Telefon- noch Internetinfrastruktur hier ausreichend ausgebaut sind. Von vielen haben wir sogar mehrere Telefonnummern, damit wir sie sicher erreichen können. Seit der Lockdown auf der Hauptinsel Luzon mit 57 Millionen Einwohnern vom 12. April bis Ende April verlängert wurde, melden sich immer mehr Österreicher, die zum Beispiel ihren Flug Ende April haben und diesen nicht mehr antreten können, oder aber für Juni gebucht haben, und jetzt früher zurückwollen. Grund ist unter anderem auch, die von der Regierung angekündigte mögliche Einführung von Martial-Law-ähnlichen (kriegsrechtsähnlichen, Anm.) Maßnahmen.

Präsident Duterte hat mit der Anwendung von kriegsrechtsähnlichen Kontrollen gedroht, sollte die Bevölkerung sich nicht an die Ausgangsbeschränkungen halten. Wird es dazu kommen?

Das kann man jetzt noch nicht sagen. Die Philippinen sind von Krisen und Naturkatastrophen gebeutelt, das Volk ist widerstandsfähig geworden, dennoch muss es immer wieder schwere Rückschläge einnehmen und praktisch bei null anfangen. Kaum hat das Land einen Fortschritt erzielt, fällt es wieder fünf Schritte zurück: Im Dezember 2019 gab es hier einen Taifun, im Jänner einen Vulkanausbruch, am 11. April ein Erdbeben in der nördlichsten Provinz, wo sich derzeit auch zwei ausreisewillige Österreicher befinden. Das Land kommt einfach nicht zur Ruhe. Der Drogenkrieg, der Terrorismus im Süden, der anhaltende bewaffnete Konflikt mit den kommunistischen Rebellen und die Gefahr von Entführungen durch Rebellenkommandos … So sieht es derzeit leider im Land auch ganz ohne verschärfte kriegsrechtsähnliche Maßnahmen aus.

Wie kann sich ein Europäer den Alltag in der Hauptstadt Manila vorstellen? Trägt die Bevölkerung einen Nasen-Mund-Schutz?

Leider gibt es weder genug Masken, medizinische Ausrüstung, Testkits noch persönliche Schutzausrüstung. Das Gesundheitssystem ist schon längst an seine Grenzen gestoßen. Trotz zunehmender Spenden aus dem Ausland, vor allem aus China, besteht weiterhin ein enormer Bedarf insbesondere an Tests. Vor Kurzem hat man mit Massentestungen begonnen. Derzeit verzeichnet das Land nach Singapur und Indonesien die dritthöchste Infektionsrate der ASEAN-Staaten.

Gehen Sie davon aus, dass die Zahl der Infektionen eklatant steigen wird?

Durchaus möglich. Es gibt eine aktuelle Studie eines staatlichen Think-Tanks, die Szenarien aufzeigt. Best Case-Szenario für die Philippinen wäre eine Verlängerung des Lockdowns, der sogenannten "Enhanced Community Quarantine“, um weitere zwei bis vier Wochen bei partieller Lockerung und Isolierung von mindestens 70 Prozent der Infizierten. Unklar ist derzeit, wie die Isolierung erfolgen würde. Der Lockdown hat am 16. März begonnen und hätte bis zum 12. April andauern sollen. Jetzt wurde er jedenfalls bis Ende April verlängert. Beim Best Case-Szenario wäre der voraussichtliche Peak (Höhepunkt) erst im Mai oder Juni 2021 mit 900.000 Infizierten erreicht. Wird die Quarantäne ohne Isolierung aufgehoben, gibt es laut Studie einen voraussichtlichen Peak bereits im August 2020 mit 5 bis 19 Millionen Infizierten. Seit Tagen gibt es jetzt mehr Genesene als Tote. Der Einsatz von Plasma von Genesenen zur Behandlung von COVID-Kranken zeigt zunehmend erfreuliche Resultate. Genesene werden verstärkt aufgerufen, Blutplasma zu spenden.

Ist ein Best Case-Szenario möglich?

Die Studie besagt, dass selbst im besten Fall das Gesundheitssystem maßlos überfordert wäre. Das Land bräuchte 182.000 Betten, 30.000 Ventilatoren, vier Millionen Schutzausrüstungen und 55.000 Intensivbetten. Gleichzeitig brechen laut Präsident Duterte bis zu 4.000 Menschen täglich die Quarantäne, sie halten sich trotz hoher Geld- und Haftstrafen nicht an die Auflagen. Die Menschen brauchen ein Einkommen, denn fast 40% aller Beschäftigten arbeiten in der informellen Wirtschaft.

Die Armut könnte rasant steigen und die Einkommensschere sich weiter öffnen. Gleichzeitig besteht die Befürchtung, dass die Kriminalität, vor allem häusliche Gewalt und Kindesmissbrauch, aber auch die Kinderpornografie, zunehmen könnten. Dem Finanzminister zufolge wird sich die Konjunktur in diesem Jahr voraussichtlich von plus 6 auf 0 oder minus 1 Prozent verlangsamen, die Arbeitslosenzahl drastisch ansteigen, das Budgetdefizit von 3,2 auf 5,3 Prozent und die Staatsverschuldung von 41 auf 46 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hinaufklettern. Die Regierung plant, Kredite von bis zu 5,6 Milliarden US-Dollar unter anderem bei der Weltbank und Asian Development Bank aufzunehmen.

Zurück zu den Strafen. Mit wie langer Haft ist im Extremfall zu rechnen?

Die Haftstrafen betragen bis zu 6 Monaten. Die Einhaltung der Quarantäneauflagen wird oft zusätzlich dadurch erschwert, dass jede Provinz und Gemeinde die Restriktionen unterschiedlich auslegt. Die Gefängnisse sind aber jetzt schon heillos überfüllt. Man überlegt sogar, Häftlinge, vor allem kranke und ältere Gefangene sowie minder Straffällige, zu entlassen, um damit dem hohen Infektionsrisiko in den Haftanstalten, wo Social Distancing keineswegs eingehalten werden kann, in irgendeiner Form zu begegnen.  

Was wäre das Best Case-Szenario?

Für die ausreisewilligen Österreicher hier - und das ist unser Anspruch - dass wir alle gesund und sicher nach Hause bringen. In einem Best Case-Szenario würde es dem Land gelingen, die gegenwärtig noch zunehmende Infektionsrate rasch einzudämmen, um die Auswirkungen auf die Wirtschaft, Produktion, Nachfrage, Exporte und Investitionen möglichst zu minimieren. Prognosen zufolge gehören zu den am stärksten betroffenen Wirtschaftssektoren im Land der Konsum und Einzelhandel, aber auch der Elektronik- und Dienstleistungssektor sowie die Agrar- und Nahrungsmittelindustrie. Schwer eingebrochen ist auch der zunehmend an Bedeutung gewinnende Tourismus, wobei gerade hier eine rasche Erholung nur schwer vorstellbar ist. Die Philippinen haben zudem bis zu 10 Millionen Arbeitsmigranten, die angesichts der COVID-Pandemie sukzessive ins Land zurückgeholt werden. Diese leisten jedoch einen entscheidenden Beitrag zur philippinischen Wirtschaft, ihre Rücküberweisungen machen 10 Prozent des Bruttoninlandsprodukts aus.

Kann es die Wirtschaft schaffen?

Die Regierung setzt derzeit alles daran, um durch zahlreiche Maßnahmen, diverse finanzpolitische wie geldwirtschaftliche Stimuli, der Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen und auch zusätzliche Fonds zur Bewältigung der Krise zu lukrieren.  Es darf nicht vergessen werden, dass die philippinische Wirtschaft vor Ausbruch der COVID-19-Pandemie mit einem Wachstum von über 6 Prozent pro Jahr zu den dynamischsten Märkten Südostasiens gehörte. Nun gilt es, das Virus schnell in den Griff zu bekommen, um möglichst rasch zur Normalität zurückzukehren. Im Geiste der Solidarität wird die Europäische Union der philippinischen Regierung 15 bis 20 Millionen Euro als Finanzhilfe zur Bewältigung der COVID-19 Krise bereitstellen, zusätzlich zu Mitteln über 500.000 Euro als Unterstützung für humanitäre NGOs im Land.

80 Prozent der Filipinos sind römisch-katholisch. Hilft der Glaube?

Das spielt sicher gerade jetzt auch eine große Rolle, obwohl die Krise - wie überall auf der Welt- das religiöse Leben stark eingeschränkt hat und die Menschen nicht in die Kirchen gehen können. Gottesdienste sind auch hier landesweit abgesagt und die Kirchen zum Teil in Notunterkünfte für Obdachlose und Pflegekräfte umgewandelt worden. Die Filipinos halten weiter an ihrem Glauben fest, besinnen sich auf Gott und suchen nunmehr statt in der Kirche zu Hause oder auf der Straße Trost im Gebet.

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