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Politik Ausland
11/07/2020

Nicht mehr einzuholen: Biden wird US-Präsident

Der demokratische Kandidat hat die Wahl für sich entschieden. Als Sieger fühlen kann er sich dennoch nicht - Trump hat angekündigt, juristisch gegen ihn zu Felde zu ziehen.

Es blieb spannend bis zuletzt. In mehreren Bundesstaaten lieferten sich Joe Biden und Donald Trump ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem es nur um wenige Stimmen ging. Doch "The Winner Takes It All", wie es so schön heißt. Und dieser Gewinner heißt Joe Biden. So viel ist jetzt sicher.

Der US-Sender CNN bestätigte als erster, dass der Demokrat das Rennen in Pennsylvania gemacht hat, einem der letzten Bundesstaaten, die auch vier Tage nach der Wahl am Dienstag noch Stimmen auszählten.

Joe Biden soll in seinem Haus in Wilmington, Delaware, gewesen sein, als ihn die Nachricht erreichte. Sein Team bereitete schon die Rede vor, die zur Prime Time (Ortszeit) ausgestrahlt werden soll.

Biden, der Anti-Trump

Den ganzen Wahltag über hatte er sich zurückhaltend gegeben - eigentlich so, wie den ganzen Wahlkampf über. Jetzt kann Joe Biden, der in Stil und Auftreten das komplette Gegenteil von Donald Trump verkörpert, endlich aufatmen: Der 77-Jährige wird Trumps Nachfolger im Weißen Haus.

Dabei verkörpert Joe Biden vieles, was Donald Trump nicht sein will. Er ist seit Jahrzehnten Teil des politischen Establishments der USA. In den Kampf ums Weiße Haus zog der Polit-Veteran mit der Begründung, dass eine weitere Amtszeit des republikanischen Amtsinhabers das Wesen des Landes fundamental und für immer verändern würde.

Geboren wurde Biden am 20. November 1942 in Scranton im Bundesstaat Pennsylvania geboren. Der Jurist begann seine Politiker-Karriere im Stadtrat von Wilmington (Delaware), wo er heute mit seiner zweiten Ehefrau Jill lebt. Im Alter von nur 29 Jahren wurde Biden 1972 in den US-Senat gewählt und vertrat dort Delaware bis 2009.

Obamas zweiter Mann

Im selben Jahr zog er als Vizepräsident in der Regierung von Trump-Vorgänger Barack Obama ins Weiße Haus ein. In den zwei Amtszeiten habe er in Biden einen Bruder gefunden, sagte Obama im August. Die Demokraten werben damit, dass Biden Verlässlichkeit statt Unberechenbarkeit, Selbstlosigkeit statt Egoismus, Ruhe statt Lärm, Anstand statt Unehrlichkeit ins Weiße Haus bringen würde. Herausgestellt wird auch Bidens politische Erfahrung. Biden sagt, er trete bei der Wahl als Demokrat an. Als er beim letzten TV-Duell mit Trump gefragt wurde, was er bei einem Sieg in seiner Rede zur Amtseinführung sagen werde, antwortete er: "Ich bin ein amerikanischer Präsident, ich vertrete Euch alle, ob Ihr für oder gegen mich gestimmt habt."

Über den Sieg seiner ehemaligen Nummer zwei schrieb Obama am Samstag via Twitter: "Ich könnte nicht stolzer sein." Nun müsse jeder seinen Beitrag leisten, um "die Temperatur zu senken und um einen gemeinsamen Ausgangspunkt finden, um vorwärts zu kommen".

Unterstützt wird Joe Biden bei dieser Aufgabe auch von seiner Frau Jill. Die 69-Jährige präsentiert sich zugänglich und volksnah. Beim Parteitag der Demokraten ließ sie sich aus einem Klassenraum einer High School in Wilmington zuschalten, in der sie früher Englisch unterrichtet hatte. Jill Biden zeichnete dabei ein sehr persönliches Bild eines fürsorglichen Ehemannes und Vaters mit einem festen Wertekompass, der sich für andere Menschen einsetzt. Bei öffentlichen Auftritten wirkt der Umgang der Bidens miteinander liebevoll. "Ihr Mann werde ein Präsident für alle Familien sein", schrieb sie nach der Verkündigung seines Sieges und postete via Twitter ein gemeinsames Foto.

Schicksalsschläge

Mit Spannung wird an diesem Tag auch seine geplante Ansprache an die Nation erwartet. In seinen bisherigen Reden sparte er nicht damit, seine Wurzeln zu betonen. Ab und zu erzählt er, was er von seinem Vater gelernt habe, oder er leitet seine Sätze mit "Meine Mutter würde sagen..." ein. Immer wieder spricht er über die Bedeutung der Familie für sein Leben.

Bidens Triumph bei der Senatswahl 1972 wurde von einem Autounfall überschattet, bei dem seine erste Ehefrau Neilia und die gemeinsame Tochter Naomi getötet wurden. Die Söhne Beau und Hunter wurden verletzt. Biden sagt, die Söhne - um die er sich als alleinerziehender Vater kümmerte, bis er Jill kennenlernte - hätten ihn gerettet. 2015 kam es zu einem weiteren Schicksalsschlag, als Beau an den Folgen eines Hirntumors starb.

Bidens jüngerer Sohn Hunter lebte in er Vergangenheit unstet, inzwischen spricht er öffentlich über seine Suchtproblematik. Die Republikaner versuchen seit langem, Joe Biden wegen früherer umstrittener Auslandsgeschäfte seines Sohnes das Leben schwer zu machen. Hunter Biden hatte unter anderem über Jahre hinweg einen hoch dotierten Posten bei einer skandalumwitterten Gasfirma in der Ukraine. Trump wirft Biden vor, als Vizepräsident versucht zu haben, seinen Sohn vor der ukrainischen Justiz zu schützen. Mittlerweile lebt Hunter Biden als Künstler in Kalifornien.

"Zurück zur Normalität“

Biden ist kein Visionär. Er will das Land "zurück zur Normalität" führen und zusammenbringen. Er beschwört die alten Zeiten, als Obama und er im Weißen Haus waren und die USA bei Verbündeten als berechenbarer Partner galten. "Das Erste, was ich tun muss, und ich scherze nicht: Wenn ich gewählt werde, muss ich mit den Staatschefs telefonieren und sagen, dass Amerika zurück ist, Sie können auf uns zählen", sagte Biden kürzlich. "Ich werde ein Präsident sein, der unseren Verbündeten und Freunden zur Seite steht", sagte er an anderer Stelle. Und: "Ich werde unseren Gegnern deutlich machen, dass die Zeiten des Einschmeichelns bei Diktatoren vorbei sind."

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