Rechter Polit-Popstar: George Simion

© Daniela prugger

Politik Ausland
03/06/2021

Nationalisten und EU-Feinde: Rumäniens neue Rechte

Eine neue Partei nützt Frustration, Stagnation und Abwanderung im Armenhaus der EU und punktet mit Fremdenfeindlichkeit.

Von Daniela Prugger

An diesem Samstag schwenkt die 26-jährige Alexandra eine Fahne mit den rumänischen Nationalfarben vor dem Rathaus in Konstanza, einer Urlaubsstadt am Schwarzen Meer. Die besten Lagen in dieser Stadt haben Unternehmen mit Hotelblöcken zubetoniert, die Sandstrände werden aufgeschüttet und immer breiter. Konstanza gibt alles für den Tourismus, für die Bewohner gibt es nicht mal mehr ein Kino.

Korrupte politische Eliten

Unter dem Motto „Gegen die Privatisierung des Hafens“ läuft die Veranstaltung, zu der Alexandra und etwa hundert weitere Personen gekommen sind. Umweltschützer, Rentner, junge Männer. Organisiert wurde der Protest von der „Allianz für die Einheit aller Rumänen“, kurz „AUR“, was auf Rumänisch „Gold“ bedeutet. Und für Alexandra eine Alternative zu den korrupten politischen Eliten im Land.

Rund 20 Millionen Einwohner hat Rumänien, davon ist ein Drittel armutsgefährdet. Die junge Rechtsberaterin ist eigens aus Bukarest angereist, drei Zugstunden entfernt, um jenen Mann zu unterstützen, der die neue rechtsnationalistische Partei im Jahr 2019 mitbegründet hat. George Simion kann sich vor Umarmungen, Händen und Selfies kaum retten. Er wird bedrängt wie ein Popstar. Der 35-Jährige trägt ein durchsichtiges Gesichtsvisier und ein Lächeln auf den Lippen.

Zeit für jeden Fan

Simion nimmt sich Zeit für jeden Fan. Bedankt sich für die Wählerstimmen, das Vertrauen. Bisher ist er vor allem deshalb aufgefallen, weil er Proteste in der Republik Moldau organisiert hat, auf denen er die Vereinigung der ehemaligen Sowjetrepublik mit Rumänien forderte.

„Reiches Land, arme Leute“

„Wir sind ein reiches Land mit armen Leuten“, sagt Simion. „Wir haben Ressourcen, Holz, Öl, Gas, aber wir verkaufen alles an andere Länder und ausländische Firmen.“

Seine Partei „AUR“ kam bei der Parlamentswahl im Dezember 2020 überraschend auf neun Prozent. Die Wahlbeteiligung hingegen lag auf einem Rekordtief. Während sich drei Parteien auf eine europafreundliche Koalition geeinigt haben, verbindet AUR als neue Partei im Parlament großrumänische, homophobe, europa- und Corona-skeptische Ideologen. Im Internet und im Parlament klingt Simion weniger nach Robin Hood. Freiheit, Familie, Nation, Glauben – das sind die Grundwerte seiner Rechtsnationalisten.

Stark bei Exilrumänen

„Wir wollen nur eine Zukunft und nicht von Deutschland und Frankreich kontrolliert werden“, sagt er. Als klaren Partner sieht er die rechte polnische PIS-Partei.

AUR punktet bei der Diaspora. Seit Jahren kämpft Rumänien mit Abwanderung: Mehr als 20 Prozent der arbeitenden Bevölkerung lebt im Ausland, ist im Pflegebereich, in der Landwirtschaft oder der Baubranche tätig. Rumänen in Spanien, Italien oder Frankreich spielten bereits bei früheren Wahlen eine wichtige Rolle. Nun konnte AUR bei ihnen punkten, und zwar nicht nur, weil die Partei die Diaspora in ihre Wahlkampfslogans inkludierte.

Die Kirche macht Werbung

„Viele der im Ausland lebenden Rumänen leben isoliert. Sie sind nicht Teil der Gesellschaft. Ein wichtiger sozialer Treffpunkt ist deshalb die rumänisch orthodoxe Kirche, die wiederum AUR stark unterstützt“, sagt Sorin Ionita, Politologe in Bukarest.

Einen anderen Grund sieht der Experte in den vielen Korruptionsfällen in der Regierung und vor allem innerhalb der sozialdemokratischen Partei (PSD). Amtsmissbrauch und Vetternwirtschaft haben in den vergangenen Jahren immer wieder zu Großkundgebungen geführt.

Plötzlich Platz für Rechte

„Jene, die in Rumänien gegen Korruption sind, sind eigentlich pro-europäisch. AUR hat auch aus diesem Wählerpool Stimmen gewonnen“, so Ionita. „Normalerweise gibt es in Rumänien keinen Platz, um eine neue rechte Partei zu etablieren. Die Sozialdemokraten sind üblicherweise die Hardliner. Aber im vergangenen Jahr war die PSD in ihrem Wahlkampf sehr zurückhaltend. Und das hat AUR ausgenutzt.“ Ob AUR langfristig tatsächlich den proeuropäischen Kurs des Landes ändert, lässt sich laut Ionita noch nicht absehen. „Zumindest gehe ich davon aus, dass AUR in der EU keine guten politischen Kontakte hat.“

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.