Auch Ministerpräsidentin Mette Ferderiksen  hat nun ein Problem

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Politik Ausland
10/13/2020

Mit Verspätung: „MeToo“-Debatte schlägt in Dänemark jetzt voll ein

Offene Briefe von Hunderten Frauen, die sexuell belästigt wurden. Auch Außenminister schwer belastet.

von Jens Mattern

Frauen aller gesellschaftlichen Schichten prangern derzeit wieder Sexismus und Übergriffe in Dänemark an, es gibt Rücktritte und Entlassungen von Männern sowie wackelnde Stühle, auch Außenminister Joppe Kofod muss um seinen Job bangen.

Begonnen hat alles auf einer Fernseh-Gala bereits Ende August – die beliebte Moderatorin Sofie Linde erzählte unerwartet vor den Größen der Medienbranche, wie sie als 18-Jährige im öffentlich-rechtlichen Sender DR aufgefordert worden war, mit einer „wichtigen TV-Persönlichkeit“ Oralsex zu haben, wenn nicht, sei ihre Karriere vorbei.

Parlament als Hort der Übergriffe

Dies löste eine Welle von Berichten und Vorwürfen von Frauen aus, die in Dänemark mit Sexismus konfrontiert waren. Unmittelbar nach Lindes Auftritt unterschrieben 1.600 Frauen aus der Medienbranche einen öffentlichen Solidaritätsbrief. In einem von 322 Politikerinnen und politisch aktiven Frauen quer durch die Parteien unterzeichneten Protestschreiben wird das Parlament als Hort der sexuellen Übergriffe beschrieben, worauf die sozialdemokratische Regierungschefin Mette Frederiksen eine Anwaltskanzlei zur Untersuchung der Fälle einsetzte.

In Toilette gedrängt

Es folgten offene Briefe aus der Wissenschaft, der Musikbranche, unterzeichnet von mehreren Hundert betroffenen Frauen. Mads Aagaard Danielsen, einem bekannten und preisgekrönten DR-Radio-Moderator wurde dabei unter anderem vorgeworfen, eine Praktikantin in die Toilette gedrängt und Personen mit Nacktfotos erpresst zu haben.

Feminismus gilt als verpönt

Im Gegensatz zu Schweden schlug die „Metoo“-Debatte, die bekanntlich 2017 durch die Enthüllungen um den US-Filmproduzenten Harvey Weinstein ausgelöst worden war, in Dänemark bisher kaum Wellen. Denn Feminismus gilt in Dänemark als eher verpönt, da viele Däninnen und Dänen überzeugt sind, dass die Gleichberechtigung mittlerweile Fakt sei. Dies gibt es sogar „amtlich“ – nach der Vereinigung „Equal Measures 2030“ schnitt Dänemark im „Gender Index 2019“ von 129 Ländern mit 89,3 von 100 möglichen Punkten am besten ab.

Rücktritt

Jetzt trifft es ausgerechnet jene Partei am stärksten, die nach eigener Aussage „im Kampf gegen den Sexismus die Flagge hochhält“: Morten Östergaard, Vorsitzender der Linkspartei „Radikale Venstre“, trat in der Vorwoche zurück, da er einen sexuellen Übergriff vor zwölf Jahren zu vertuschen versucht hatte. Die Partei gilt als wichtiger Partner der Sozialdemokraten, die eine Minderheitsregierung anführen und auf die Kooperation mit drei Linksparteien angewiesen sind.

Verhältnis mit Mädchen

Aber auch die Regierung selbst bleibt nicht verschont – Ministerpräsidentin Mette Ferderiksen wird von der sie stützenden Linkspartei Alternative kritisiert, Jeppe Kofod zum Außenminister gemacht zu haben. Dieser soll vor zwölf Jahren ein Verhältnis mit einem 15-jährigen Mädchen gehabt haben.

Nicht alle Männer "sexhungrig"

Inger Stöjberg, die stellvertretende Vorsitzende der rechtsliberalen Partei „Venstre“, warnt davor, alle „Männer als sexhungrige und missbrauchende Monster“ zu diffamieren. Das Kompliment an Frauen dürfe nicht unter Generalverdacht geraten.

Nach aktuellen Umfragen haben 22 Prozent der Däninnen im vergangenen Jahr Sexismus erlebt, 73 Prozent der Dänen sind der Meinung, dass es Frauen ermöglicht werden müsste, bei Übergriffen und Anzüglichkeiten leichter Nein zu sagen.

 

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