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02/28/2020

#MeToo nach Weinstein-Urteil: "Schweigen ist einfach"

Warum der Kampf gegen sexuelle Gewalt trotz des Schuldspruchs noch lange nicht ausgefochten ist. Zwei Betroffene der Causa Erl erzählen.

von Valerie Krb, Julia Pfligl

Einst war er der „Gott“ von Hollywood, wie es Schauspielerin Meryl Streep einmal formulierte. Nun ist er verurteilter Vergewaltiger. Harvey Weinstein, jener Mann, dessen sexuelle Übergriffe auf Frauen vor mehr als zwei Jahren die #MeToo-Bewegung ausgelöst hatten, droht eine lange Gefängnisstrafe. Das Strafmaß liegt zwischen fünf und 29 Jahren, es wird am 11. März verkündet.

Hierzulande waren die schwerwiegendsten Vorwürfe im Zuge von #MeToo jene gegen den Dirigenten und ehemaligen künstlerischen Leiter der Festspiele Erl, Gustav Kuhn. Im Jahr 2018 prangerten fünf Künstlerinnen in einem offenen Brief sexuelle Übergriffe und Missbrauch durch ihn an. Kuhn bestritt die Vorwürfe stets, legte seine Funktionen später jedoch zurück. Wie geht es den Frauen jetzt, da der Prozess gegen Weinstein zu einem Ende kommt?

Leid und Demütigung

Eine der betroffenen Künstlerinnen ist Bettine Kampp. „Endlich konnten wir uns Gehör verschaffen“, sagt die Opernsängerin über das Urteil gegen Weinstein zum KURIER. Schließlich gehe es in der gesamten Debatte vor allem um das Wahrnehmen von Leid und Demütigung. Schweigen sei einfach und erspare einem manches, meint Kampp. Denn den Frauen, die diese Vorwürfe öffentlich äußerten, wurde nicht selten eine Teilschuld an den Übergriffen gegeben – Stichwort Täter-Opfer-Umkehr. Dennoch: Betroffene müssten sich dem stellen und darüber sprechen, sagt Kampp.

Verjährung: Bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger beträgt die Verjährungsfrist zwanzig Jahre und beginnt erst mit Vollendung des 28. Lebensjahres. Vergewaltigung mit Todesfolge verjährt nicht. Vorfälle sexueller Belästigung müssen binnen drei Jahre geltend gemacht werden.

Strafmaß: Bei sexueller Belästigung drohen bis zu sechs Monate Freiheitsstrafe oder eine Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen. Die Mindeststrafe bei Vergewaltigung beträgt zwei Jahre, bei sexueller Nötigung drohen bis zu fünf Jahre Haft.

936 Vergewaltigungen wurden 2018 in Österreich angezeigt, 14,6 Prozent mehr als 2017. Die Aufklärungsquote stieg  auf 81,3 Prozent.

Rat der Juristin: Wichtig ist es, Vorfälle zu dokumentieren, sich sofort an die Behörden zu wenden. Bei einer Vergewaltigung ist es wichtig, sich sofort von einem Arzt untersuchen zu lassen. 
 

Bei ihrer Kollegin Julia Oesch gab ihr Sohn den Anlass, über ihre Erlebnisse bei den Festspielen Erl zu sprechen. Als dieser den Wunsch äußerte, auch Musik studieren zu wollen, fühlte sie sich verantwortlich, ihren Teil zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Branche beizutragen. „Andere Kolleginnen, die Schlimmeres als ich mitmachen mussten, schweigen bis heute, weil sie Angst um ihre Karriere haben oder die Befürchtung, als unbequem zu gelten“, sagt die Mezzosopranistin. Auch ihr rieten die Meisten, nichts zu sagen. Sie tat es trotzdem.

Den Schritt in die Öffentlichkeit haben beide bis heute nicht bereut. Die Gleichbehandlungskommission stellte im Juli fest, dass Kuhn die Frauen sexuell belästigt habe. Rechtliche Konsequenzen zog diese Beurteilung bislang nicht nach sich. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Innsbruck wurden im Dezember 2019 abgeschlossen, derzeit liegt der Akt im Justizministerium.

„Die Entwicklungen der vergangenen Tage geben uns Hoffnung, dass die Staatsanwaltschaft auch im Fall Gustav Kuhn bald Anklage erheben wird“, sagt Elisabeth Kulman. Die Sängerin gründete nach den Vorwürfen gegen Kuhn den #MeToo-Ableger „Voice it!“. Es geht ihr um eine „Kultur der Würde, des Respekts und der Gerechtigkeit“.

Zuletzt gab Opernstar Plácido Domingo sexuelles Fehlverhalten gegenüber Frauen zu und versicherte, „volle Verantwortung“ zu übernehmen. Zuvor hatte er die Vorwürfe zurückgewiesen.

Eine Folge des Weinstein-Urteils? Vielleicht. Der Zeitpunkt des Eingeständnisses – nämlich einen Tag nach dem Schuldspruch für den Filmmogul – ist jedenfalls bemerkenswert.

„#MeToo war enorm wichtig, um auf die Thematik des Missbrauchs, das Ausnutzen des Machtgefälles hinzuweisen“, resümiert die Wiener Familienrechtsanwältin Katharina Braun. „Alleine das Wort #MeToo hat auf Männer meiner Wahrnehmung nach eine große Abschreckung. Bei Männern, die früher in Anwesenheit von Frauen gerne anzüglich waren, reicht oft die Nennung des Wortes, um sie einzubremsen.“

Die Juristin unterstreicht die Bedeutung von Zivilcourage. „An dieser scheitert es oft. So müssten auch bei Übergriffen am Arbeitsplatz Kollegen dem Vorgesetzten geschlossen sagen, dass Derartiges inakzeptabel ist. #MeToo hat zur Stärkung der Zivilcourage beigetragen. Gemeinsam sind wir stark.“

„Macht braucht Kontrolle“

So groß die Freude über das Weinstein-Urteil bei den betroffenen Frauen auch ist, es ist nur ein Teilerfolg. Einerseits ist es ein für viele lang ersehnter Schuldspruch gegen einen einst mächtigen Mann in Hollywood. Auf der anderen Seite wurde der 67-jährige Filmproduzent in nur zwei von fünf Anklagepunkten schuldig gesprochen. Und: Jenes System, das diese Art des Machtmissbrauchs erst ermöglicht hat, ist damit natürlich nicht beendet.

Elisabeth Kulman fordert deshalb: „Macht braucht Kontrolle.“ In jedem Betrieb müsse es niederschwellige, vertrauenswürdige Anlaufstellen geben. Eine Machtkonzentration auf eine Person wie im Fall Kuhn müsse verhindert werden. Opernsängerin Kampp ergänzt klare Verträge, um Abhängigkeiten einzudämmen. Zeitgleich setzt sie ihre Hoffnungen in die nächste Generation: „Ich bin überzeugt davon, dass die Jungen anders ticken.“

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