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Politik Ausland
05/22/2020

Markus Söder: Krisenmanager und vielleicht mal Kanzler?

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder zog in der Corona-Krise an allen vorbei – mit Maßnahmen und in Umfragen. Wo will er hin?

von Sandra Lumetsberger

Die Welt wird nach der Krise eine andere sein, kaum eine Ansprache kommt ohne diesen Satz aus. Für Markus Söder hat sich die Welt bereits verändert: Beim Parteitag, der an diesem Freitag online stattfindet, wird er nicht auf großer Bühne stehen.

Den Applaus hätte er vermutlich genossen: Umfragewerte von 94 Prozent, Spitzenreiter im Kanzlerkandidatenranking, obwohl er nicht kandidieren will. Ja, der Mann, der 2018 am Sessel von Kanzlerin Angela Merkel rüttelte, saß zuletzt friedlich an ihrer Seite und erklärte den Menschen die Schritte zur Eindämmung des Virus. Für Bayern waren sie immer etwas strenger. „Mr. Lockdown“ wurde Söder genannt, der dem Verdacht ausgesetzt war, sich als Merkel-Nachfolger zu profilieren. Auch weil er gegen einen stichelte, der es werden will: Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, der einen lockeren Kurs vertritt und früh für Öffnungen plädierte.

Ganz unschuldig ist Söder daran nicht, weiß Roman Deininger, Reporter der Süddeutschen Zeitung, der Söder und die CSU seit vielen Jahren beobachtet, was sich in seinem neuen Buch nachlesen lässt („Die CSU: Bildnis einer speziellen Partei“). Es geht um seinen Machtkampf mit Seehofer, den Imagewechsel vom Haudrauf zum Sanften. Von Söders Antritt als Ministerpräsident 2018 bis zum Asylstreit, wo die CSU die Bundesrepublik an den Rand einer Staatskrise gebracht hat, fuhr er einen konservativen Kurs – „damit hat er Schiffbruch erlitten“, sagt Deininger im Gespräch mit dem KURIER.

Wandel zum Landesvater

Der Wandel zum Landesvater ging auf, es wirkte nachvollziehbar, „da versucht einer, für alle dazu sein“. Das gilt auch für Themen: „Er hat erkannt, dass der ökologische Gedanke die neue Klammer der Gesellschaft ist. Und dass eine Volkspartei, wenn sie das bleiben will, das bedienen muss.“ Seinen Corona-Kurs fährt er aus Überzeugung, da geht es um die Sache, sagt Deininger. „Die Krise hat es Söder zunächst ermöglicht, sich als Macher-Typ zu zeigen, da ist er in seinem Element.“ Schwieriger ist für ihn die moderierende Rolle beim langsamen Rauffahren der Gesellschaft.

Stoiber rät ihm davon ab

Die Rolle des Kanzlers wäre nicht sein Ziel: „Er wollte als Ministerpräsident immer in einer Reihe mit seinem Idol Franz Josef Strauß und Mentor Edmund Stoiber stehen. Erst wenn er in Bayern an Gewicht zulegt und 2023 die Wiederwahl schafft, könnte ich mir vorstellen, dass er nach Berlin schielt.“ Dennoch wisse Söder um sein Momentum, hat Befürworter in der Schwesterpartei CDU. Sie wird im Dezember ihren neuen Chef wählen, der muss sich mit ihm die K-Frage ausmachen.

Könnte Söder nicht in Versuchung kommen? Deininger: „So richtig akut würde das, wenn die CDU einen Chef hat, der schwach ist und nicht aus dem Startblock kommt. Ich würde nicht ausschließen, dass er Kanzlerkandidat wird, aber ich halte es für sehr unwahrscheinlich.“ Stoiber, der 2002 kandidierte, riet Söder kürzlich im Spiegel-Interview ab („Bayern stabil halten“). Er verlor wie zuvor Strauß 1980. Liegt das an der CSU, rauflustig im Bund und damit werbend, Bayerns Interessen zu vertreten? Bayern ruft in Deutschland Bewunderung wie Herablassung hervor, weiß Deininger. „Von dieser Doppel-Wahrnehmung sind bayerische Politiker, die nach der Macht im Bund greifen, besonders betroffen.“

Wahltaktische Manöver wie die „Ausländermaut“ würden nicht helfen, „sich als vertrauenswürdige Kraft in ganz Deutschland zu etablieren“. Das gilt auch für Söder. „Die Beliebtheit ist eine Momentaufnahme, wie stark er aus der Krise rauskommt, ist offen.“