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Interview
08/20/2021

Laschet-Biograf: "Er schafft es nicht, klar zu kommunizieren"

Biograf Tobias Blasius über Armin Laschets Fehler im Wahlkampf und seine Chancen auf Platz eins.

von Sandra Lumetsberger

Wenn CDU/CSU heute in Berlin zum Wahlkampfauftakt laden, ist das kein Tag für Konfetti-Kanonen: Die Union steht in neuen Umfragen bei 23 Prozent, ihr Kanzlerkandidat Armin Laschet rangiert in der Beliebtheitsskala weit hinter der Konkurrenz und musste sich zuletzt auch den Frust einiger Abgeordneter anhören. Eine Mandatsträgerin soll ihn aufgefordert haben, "Konsequenzen" zu ziehen, wenn in den nächsten zwei Wochen keine Besserung der Umfragewerte eintritt. Wie konnte es so weit kommen? Der KURIER hat bei seinem Biografen, dem Journalisten Tobias Blasius, nachgefragt.

KURIER: Die Zustimmungswerte der Union und ihres Kanzlerkandidaten sind auf einem Tiefstand angekommen. Was macht er falsch?

Tobias Blasius: Wir sehen gerade im Zeitraffer alle seine Stärken und Schwächen. Er hat gute Nerven, lässt sich nicht verrückt machen und versucht, bei seinem Stil zu bleiben. Gleichzeitig hat er eklatante Vermittlungsschwierigkeiten. Er schafft es nicht, klar zu kommunizieren, wer er ist und was er will.

Hat er diesen Wahlkampf womöglich unterschätzt?

Er hat zu Beginn gedacht, dass er mit ruhiger Hand und Authentizität als Merkel-Erbe wahrgenommen wird und mit Freundlichkeit und rheinischem Herangehen ans Ziel kommt. Dass er permanent im Shitstorm steht, sich immer wieder korrigieren muss in seinen öffentlichen Aussagen und ihm die Bilder und Botschaften völlig verrutschen, hatte er nicht auf dem Zettel (Laschet wurde fotografiert, als er im Hochwassergebiet lachte, Anm).

Dazu kommen die ständigen Sticheleien von Markus Söder, seinem Rivalen um die Kanzlerkandidatur.

Laschet hat sich keine Illusionen darüber gemacht, dass Söder nach der Entscheidung Ruhe geben wird. Aber er dachte, dass er in der Reibung mit ihm seine Stärken zum Strahlen bringen kann: seine weltanschauliche Verlässlichkeit, Verbindlichkeit und Menschenfreundlichkeit. Das ist nicht aufgegangen. (CSU-Chef) Söder wirkt als führungsstarker Profi und Laschet als derjenige, der jede Woche in ein neues Fettnäpfchen springt.

Wie kommt er da noch raus?

Es ist extrem schwer, ein einmal geprägtes Image zu wenden. Laschet war nie ein Umfrage-König. Auch in Nordrhein-Westfalen hat er nach vier Jahren keinen Amtsbonus ausgebildet, weil er mit seiner Art des Auftretens, des Kommunizierens die Leute nicht von seiner Führungskraft überzeugen kann. Diese jetzt desaströsen Persönlichkeitswerte in fünf Wochen zu wenden, halte ich für unmöglich. Was er versuchen müsste, wäre, dass er ein Stück weit hinter der immer noch starken Marke Union zurücktritt. Es ist völlig unverständlich, dass er kein Kompetenzteam gebildet hat.

Wie würde ihm das helfen?

Er würde nicht alleine auf der Lichtung stehen. Dass er sich nicht stärker in die Union eingereiht hat, war ein strategischer Fehler (den er jetzt aber korrigieren will), neben den schiefen Bildern und falschen Botschaften, auch beim Thema Afghanistan.

Inwiefern?

Als die Taliban nach Kabul vorrückten, hat er die Erinnerung an die Flüchtlingskrise 2015 ausdrücklich erwähnt – "2015 darf sich nicht wiederholen". Das hat den Eindruck vermittelt, er würde das Lied der Konservativen singen, die nie mit Merkels Flüchtlingspolitik versöhnt wurden. Laschet hat diese als einer der wenigen prominenten CDU-Leute immer verteidigt und ist heute noch davon überzeugt. Er hat jetzt in Nordrhein-Westfalen 1.800 Betten für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt und deutlich gemacht, dass er für die Aufnahme ist. Sie sehen wieder: Er ist nicht klar in der Botschaft und am Ende kann keiner was mit ihm anfangen.

Apropos Merkel. Ihr erster Wahlkampf 2005 lief auch nicht rund, sie hat sich knapp ins Ziel gerettet. Sehen Sie Parallelen?

In der politischen Kommunikation kann man beide nicht vergleichen. Bei Merkel können Sie die verrutschten Bilder und Botschaften an einer Hand abzählen. Bei Armin Laschet hat man den Eindruck, er möchte immer Armin Laschet sein. Authentizität ist für ihn ein Wert an sich. Aber in unserer heutigen Medienwelt funktioniert das nicht mehr. Sie müssen stark auskolorieren, wer Sie sind und was Sie wollen. Das hat er nie für sich angenommen und zahlt nun den Preis.

Trotz Negativ-Trends: Wie stehen seine Chancen, dass er Kanzler wird?

Es kann sein, dass die Bindekraft der Union als letzte Volkspartei noch so groß ist, dass er knapp vorne liegt und in einem Dreierbündnis eine Regierung bilden kann. Und dass die Deutschen dann ihren Frieden mit dem rheinischen Kanzler machen.

Es heißt ja, dass er Menschen zusammenführen kann.

Ein Laschet-Moment kann kommen, wenn es nach der Wahl diffuse Mehrheiten gibt und man mit persönlichen Loyalitäten und Verlässlichkeit ein Bündnis schmieden muss. In Nordrhein-Westfalen regiert er mit einer Stimme Mehrheit, lässt Kabinettskollegen glänzen und dem kleineren Koalitionspartner FDP Raum zum Profilieren. Laschet gilt als anständiger Kerl. Darauf kommt es an, wenn dann wochenlang sondiert wird. Er muss halt nur gucken, dass er noch irgendwie als Nummer eins ins Ziel kommt.

Zur Person:

Tobias Blasius berichtet für die FUNKE Mediengruppe als Landeskorrespondent in Nordrhein-Westfalen und begleitet Armin Laschet seit mehr als 15 Jahren. Wie dieser politisch und persönlich tickt, beschreibt er mit Moritz Küpper vom Deutschlandradio in der Biografie "Der Machtmenschliche" (Klartext Verlag, 384 Seiten, 25 Euro)

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