Politik | Ausland
07.02.2018

Kopftuch-Protest im Iran: "Es ist eine einseitige Solidarisierung"

Auf den Social-Media-Plattformen zeigen sich viele Menschen in Europa solidarisch mit den Frauen, die gegen das Kopftuchgebot im Iran protestieren. Doch nicht immer gehe es dabei um den Kampf für die Wahlfreiheit, ob man ein Koptuch tragen möchte, oder nicht, meint die österreichische Muslima, Feministin und Aktivistin Dudu Kücükgol.

"Hochachtung für diese Frauen" oder "Respekt für diesen Mut" ist auf Twitter unter zahlreichen Fotos jener Frauen zu lesen, die sich in den vergangenen Wochen aus Protest gegen das Kopftuchgebot im Iran öffentlich ohne "Hijab" zeigten. Seit Ende Dezember fordern immer mehr iranische Frauen eine Abschaffung der Kopftuchpflicht. Als Protest nehmen sie ihre Kopftücher ab und hängen sie als Fahne auf. Auch gläubige Musliminnen, die das Kopftuch freiwillig tragen, ältere Frauen, Männer und angeblich auch einige Kleriker haben sich den landesweiten Protestaktionen angeschlossen.

Auch in Westeuropa und den USA hat ein reger Diskurs rund um den Protest begonnen. Dass es bei den Solidaritätsbekundungen ausschließlich darum gehe, allen Frauen die Wahl zu lassen, wie sie sich kleiden wollen, glaubt die muslimische Feministin Dudu Kücükgol nicht. Hinter der Begeisterung für die Aktionen vermutet sie eine koloniale Tradition.

Wie nehmen Sie die Reaktionen in Europa auf den Protest der iranischen Frauen wahr?

Viele Leute tun im Moment so, als würde das Ablegen des Kopftuches mehr Feminismus sein als das Tragen – dabei kann man Feminismus gar nicht an der Kleidung festmachen. Zweitens ist oft zu lesen: „Dort wollen sie es ausziehen und hier wollen sie es tragen.“ Dass dabei Frauen gegeneinander ausgespielt werden, finde ich interessant, weil die Umstände ganz unterschiedlich sind. Drittens habe ich auch eine vorwurfsvolle Haltung wahrgenommen - als wären Frauen, die ein Kopftuch tragen nicht solidarisch mit jenen, die es nicht tragen wollen.

Das stimmt so nicht?

Nein. Viele muslimische Feministinnen sagen immer wieder, dass sie gegen jegliche Art von Geboten für Frauen sind - sowohl gegen den Zwang, ein Kopftuch zu tragen, als auch gegen ein Verbot.

Gibt es Ihrer Meinung nach eine Gemeinsamkeit zwischen jenen, die das Kopftuch zur Pflicht machen, und jenen, die es verbieten wollen?

Am Ende geht es in beiden Fällen um Körperpolitik und darum, gesetzlich wirksame Vorschriften zu erlassen und so über die Körper von Frauen zu herrschen - das ist immer ein Merkmal patriarchaler Gesellschaften. Wenn wir in Österreich über Kopftuchverbote diskutieren, ist es nichts anderes. Wer meint, er stehe auf der Seite der Frauen, die sich gegen das Kopftuchgebot stellen, müsste sich konsequenterweise auch gegen ein Verbot stellen. Sonst ist es einfach verlogen und es geht um etwas anders als um Wahlfreiheit für Frauen.

Sonst hätte man beispielsweise auch mehr Solidarität mit Frauen zeigen müssen, die nach dem Verbot in Frankreich einen Burkini getragen haben?

Natürlich, wenn es wirklich um Wahlfreiheit geht.

Wie lautet Ihre Theorie, warum die iranischen Frauen, die ihr Kopftuch abnehmen, in den sozialen Medien gefeiert werden?

Dass diese Frauen jetzt in Europa ikonisiert werden, steht in kolonialer Tradition und gerade deshalb finde ich das so befremdlich. Es ist keine ehrliche Solidarisierung und kein wahrer Einsatz für Freiheit. Es geht nur um die Freude darüber, dass die Frauen dort das tun, was man hier für richtig hält.

Geht es also am Ende um eine Art Gleichmachung mit der westlichen Kultur?

Es geht darum zu sagen, „Wir sind die Besseren, die Fortschrittlicheren, die Modernen und deshalb haben wir das Recht vorzugeben, was richtig und was falsch ist.“ Es geht darum, die eigene Vorherrschaft zu legitimieren. Eine westliche, moderne Frau kann ich auch mit Kopftuch sein, aber ich bin es anders, als viele glauben. Eine iranische Aktivistin sagt in einem Interview: „Wir sind gegen das Kopftuchgebot und nicht gegen das Kopftuch.“ Es gibt auch Frauen, die ein Kopftuch tragen und im Iran gegen das gesetzliche Gebot demonstrieren. Ich finde es schade, dass diese Bilder und Stimmen nicht rezipiert wurden. Dabei sind das sehr wichtige Botschaften der protestierenden Frauen selber, die sich offensichtlich nicht von einer kulturimperialistischen Debatte instrumentalisieren lassen wollen.

Ist das passiert?

Ich habe ein Gefühl der Ungerechtigkeit, wenn Islamophobe jetzt in der ersten Reihe stehen und den Frauen applaudieren. Für mich war klar: „Nein, mit euch stelle ich mich nicht in die selbe Reihe. Und wenn ich applaudiere, dann applaudiere ich von einem anderen Platz“. Ich bin solidarisch mit diesen Frauen, weil es ihr Wunsch ist, ihre Kleidung selber zu wählen – nicht, weil ich glaube, dass das eine besser ist als das andere. Dass die Frauen meine volle Solidarität haben, stand niemals zur Debatte. Ich möchte nur jenen, die plötzlich von Wahlfreiheit der Frauen im Iran reden, einen Spiegel vorhalten.

Wieso vertragen sich Kopftuch und Feminismus auf den ersten Blick so schlecht?

Weil wir es so lernen. Diese Art von Feminismus, der lediglich eine Frauenrechtsrhetorik bediente ohne tatsächlich an Frauenrechten interessiert zu sein, gab es bereits zur Kolonialzeit. Ein Beispiel: Lord Cromer, der britische Generalskonsul in Ägypten, hat, während er Kopftuchverbote unter der Überschrift „Frauenbefreiung“ durchsetzte, gleichzeitig eine Ausbildungsstätte für Ärztinnen geschlossen, weil er meinte, in der westlichen, zivilisierten Welt geht man gefälligst zu männlichen Ärzten. Und während er in Ägypten so tat als müsste er die muslimischen Frauen befreien, war er in Großbritannien Vorsitzender eines Vereins gegen das Frauenwahlrecht. Heute stehen viele in seiner Tradition, wenn sie eine Frauenrechtsrhetorik bedienen, aber es ihnen gar nicht wirklich um Frauenrechte oder Gleichstellung geht.

In einem Kommentar haben Sie geschrieben: „Wenn ich nicht ausdrücklich sage, dass ich gegen ein Kopftuchgebot bin, dann glauben die Leute, ich bin Komplizin derer, die ein Kopftuchgebot befürworten.“

Ich finde es extrem unverschämt, zu fordern, dass wir Frauen mit Kopftuch die ersten sein müssen, die etwas gegen ein Gebot sagen. Als müssten wir etwas klarstellen, was sonst ungeklärt im Raum stünde. Ich kenne nämlich gar nichts anderes, als gegen jegliche Form von Zwang zu sein. Wann haben wir jemals gesetzliche Kopftuchgebote gefordert? Diesen Vorwurf möchte ich umdrehen: All jene ohne ein Kopftuch, die sich nun mit den Frauen im Iran solidarisieren, müssten einmal beweisen, dass sie es ehrlich meinen mit der Wahlfreiheit für Frauen. Ich glaube ihnen diese Solidarität nicht, wenn sie nicht gleichzeitig auch gegen ein Kopftuchverbot sind. Denn wenn sie nicht auch gegen ein Kopftuchverbot sind, dann ist es nichts als Arroganz und Heuchelei. Das ist nichts außer zu sagen, „Unsere Kultur ist besser und wir sind das Maß aller Dinge“. Es geht darum, jemandem vorzuschreiben, wie er leben soll. Das hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun.

Zur Person:
Dudu Kücükgöl beschreibt sich auf Twitter selbst als "Österreicherin, Muslima, Feministin und Aktivistin". Neben ihrem Doktoratsstudium arbeitet sie als Unternehmensberaterin. Kücükgöl ist Mitinitiatorin der Plattform #ausnahmslos gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus und war auch jahrelang auch Vorstandsmitglied der Muslimischen Jugend Österreich. Ein Kopftuch trägt sie, weil es für sie zu ihrer persönlichen religiösen Praxis gehört.