Kolumbien feiert fünf Jahre Friedensvertrag - zu Recht?

Ein Anhänger der FARC, die heute eine politische Partei ist (Bild aus 2017)
2016 beendete ein Abkommen zwischen Regierung und linken FARC-Rebellen den mehr als 50-jährigen, blutigen Bürgerkrieg. Was davon übrig ist.

Kämpfer im Dschungel, Entführungen, Drogen – derartiges hat die Berichterstattung über Kolumbien lange geprägt. Mehr als 50 Jahre herrschte Bürgerkrieg in dem südamerikanischen Land, mindestens 220.000 Menschen, 80 Prozent davon Zivilisten, kamen ums Leben. Zehntausende Menschen verschwanden, sieben Millionen wurden vertrieben.

Am 24. November 2016, vor genau fünf Jahren, sollte das der Vergangenheit angehören. Führende Vertreter der marxistischen Rebellengruppe FARC, die seit den 1960er-Jahren gegen Armee, rechte Paramilitärs, Drogenkartelle und andere linke Guerillas gekämpft hatte, unterzeichneten mit der Regierung von Präsident Juan Manuel Santos einen Friedensvertrag. Er galt weltweit als historisch.

Vom Dschungel ins Parlament

Doch wurde der Vertrag erfüllt? Jein, sagen Beobachter. Zwar habe es Erfolge bei der Umsetzung einiger der fünf Punkte des Friedensplans gegeben, etwa bei der Entwaffnung der FARC und der Wiedereingliederung von deren Kämpfern in die Gesellschaft. Die Rebellengruppe, die mit Gewalt eine Landreform zugunsten der Armen erzwingen wollte, hatte sich einst durch Drogenhandel und Lösegeld finanziert. Heute ist sie eine politische Partei.

Gewichtige Teile des Abkommens wurden allerdings nicht erfüllt. Experten orten fehlenden politischen Willen bei Santos' Nachfolger Ivan Duque.

"30 Prozent der Vereinbarungen wurden eingehalten", sagt Maria Jackeline Rojas Castaneda, eine Frauen- und Menschenrechtsverteidigerin, die an der Ausarbeitung des Vertrags beteiligt war. 25 Prozent davon seien aber rein technischer Natur, etwa die Entwaffnungen.

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Die Entwaffnung der FARC-Kämpfer gilt als Erfolg

Politische Herausforderungen wie die Umverteilung von Land, Opferentschädigungen oder die Bekämpfung des Drogenhandels bleiben ungelöst. Dazu kommt, dass mit der ELN, der zweiten großen Guerillagruppe, bis heute nicht Frieden geschlossen wurde.

Ermordet neben dem Sohn

Kaum Sicherheit gibt es für Menschen, die sich für Indigene, Kleinbauern oder Frauen einsetzen. Laut Rojas, die auf Einladung der Frauensolidarität und anderer entwicklungspolitischer Gruppen über Kolumbien berichtete, wurden seit 2016 rund 600 Aktivistinnen und Aktivisten ermordet, 108 allein heuer. "Eine davon war Maria del Pilar Hurtado Montano. Sie war 34 Jahre alt und wurde in ihrem Zuhause in der Provinz Cordoba von bewaffneten Männern getötet - neben ihrem 9-jährigen Sohn", sagt Rojas.

Besonders in unzugänglichen, ländlichen Regionen habe der Abzug der FARC eine Situation der Rechtlosigkeit erzeugt, gegen die der Staat nicht schnell genug vorgegangen sei, beschreibt  die Aktivistin. Sie selbst hat drei Familienangehörige durch Morde verloren, wurde bedroht und konnte durch ein Schutzprogramm nach Spanien übersiedeln. 

"Abkommen ist gut"

Die Polarisierung der Bevölkerung ist groß. Bei einem Referendum hatten 2016 50,2 Prozent der Wähler gegen den Friedensvertrag gestimmt und 49,8 Prozent dafür. Rojas weist allerdings darauf hin, dass sich an dem Votum nur 37 Prozent aller Wahlberechtigten beteiligten. "Ich bin überzeugt, dass viele Leute, die sich enthalten haben, zu überzeugen sind, dass das Friedensabkommen gut ist."

Viele bauen auf die Präsidentenwahl kommenden Mai, bei denen Staatschef Duque nicht mehr antreten darf. Rojas macht sich hier zwar keine großen Hoffnungen, glaubt aber nicht an ein Wiederaufflammen der Gewalt: "Es gibt eine große Kriegsmüdigkeit."

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Jackeline Rojas

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