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Politik Ausland
05/29/2021

Junge Kolumbianer gehen auf die Barrikaden

Die Pandemie hat das lateinamerikanische Land schwer getroffen. Eine Steuerreform war der letzte Funke, der vor allem junge Kolumbianer auf die Straße trieb. Der Blutzoll ist hoch.

von Ulrike Botzenhart

„Die Pandemie hat nicht nur den armen Kolumbianern, sondern auch der Mittelschicht den Rest gegeben. Die Rezession ist dramatisch. Keine Arbeit, kein Einkommen, keine Sozialhilfe. Nichts. Dafür sollte eine Steuerreform die Reichen noch reicher machen. Das hat das Fass zum Überlaufen gebracht“, erzählt Maria, eine 40-jährige Kolumbianerin aus der Stadt Cali, in einem Telefonat mit dem KURIER.

Wut über die Gesundheits-, Sozial- und Bildungspolitik und Frust über die extreme Kluft zwischen Arm und Reich haben vor allem die Jungen auf die Straße getrieben. Sie sehen keine Chancen für einen sozialen Aufstieg in dem lateinamerikanischen Land. Seit mittlerweile genau einem Monat toben in Cali und anderen Städten des Landes wütende Proteste gegen die Regierung des konservativen Präsidenten Iván Duque; auch Vandalismus steht auf der Tagesordnung.

Scharfe Munition

Die Polizei in Kolumbien geht mit voller Härte dagegen vor. Teilweise würde sie dabei auch von in Zivil gekleideten bewaffneten Menschen unterstützt, wie Augenzeugen berichten und auch auf Videos zu sehen ist.

 Mindestens 49 Menschen, darunter auch einige Polizisten, kamen bisher ums Leben. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch spricht sogar von mehr als 60 Toten. Dazu kommen an die 2.000 Verletzte und 120 Vermisste. Es sind die blutigsten Proteste seit dem Friedensabkommen mit der Rebellengruppe Farc im Jahr 2016.

Epizentrum: Cali

Die meisten Toten des seit Ende April tobenden Aufstands zählte Cali, drittgrößte Stadt des lateinamerikanischen Landes. Am Freitag kamen nach Angaben der Behörden zehn weitere Todesopfer dazu. Die Situation sei eskaliert, nachdem ein ermittelnder Staatsanwalt in die Menge, die ihm den Weg absperrte, schoss. Er habe zwei Menschen erschossen, bevor er selbst getötet worden sei.

"Urbaner Krieg"

Ein Stadtpolitiker sagte, die Konfrontation in Cali habe damit die Dimension eines "urbanen Krieges" erreicht. Der Bürgermeister sprach von einer „Situation des Todes und der Schmerzen“.

Und in der kommt jetzt das Militär zum Einsatz: Präsident Duque kündigte nach einer Sitzung mit Sicherheitsvertretern die Entsendung eines Großaufgebots von Soldaten nach Cali an. Eine Beruhigung der Lage scheint damit nicht in Sicht: Dem Verteidigungsminister untersteht ohnehin auch Kolumbiens Polizei, die für ihren übermäßig harten Kurs kritisiert wird.

„In Cali hat es schon immer Proteste von Studenten gegeben, die mit Steinen oder Kartoffeln Polizisten beschossen haben. Doch früher hat die Polizei sie mit Wasserwerfern beschossen – jetzt ist es scharfe Munition. Warum tut sie das? Jetzt auch noch das Militär. Es ist furchtbar“, stöhnt Maria. Kriminelle mischten ebenfalls mit, um die Lage eskalieren zu lassen, erzählt die Frau. Ihre Familie und Freunde gingen in der Nacht nicht mehr auf die Straße, zu groß sei die Angst, erschossen zu werden.

Die Steuerreform wurde mittlerweile von der Regierung gekippt, die Protestwelle konnte damit aber nicht gestoppt werden. Auch der Versuch, mit einigen sozialen Zugeständnissen die Lage zu beruhigen, scheiterte. Doch die Liste der Forderungen der Demonstranten in Kolumbien, das von der Pandemie wirtschaftlich bis ins Mark getroffen wurde, ist lang.

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