Taliban-Kämpfer bewachen den Eingang zu einer Bank in Kabul

© APA/AFP/WAKIL KOHSAR

Politik Ausland
09/05/2021

Keine Wirtschaft, keine Regierung: Blitzsieg erwischte Taliban auf falschem Fuß

Erste Machtkämpfe unter den Taliban-Fraktionen schüren Chaos in Afghanistan. Pakistans Geheimdienstchef fliegt ein, um völlige Implosion der Ordnung zu verhindern. Sorge vor Flüchtlingsströmen.

von Ingrid Steiner-Gashi

Afghanistans neue Machthaber, die Taliban, könnten von ihrem eigenen raschen militärischen Erfolg überrollt werden. Seit sie auch die Hauptstadt Kabul erobert haben, kontrollieren sie zwar die Straßen, doch es gibt keine Wirtschaft, keine Regierung, keine Gelder, nur minimalste Hilfe von außen, eine hungernde Bevölkerung und noch immer keinen funktionierenden Flughafen in Kabul, der internationale Hilfe aus dem Ausland bringen könnte.

"Ihr habt die Uhren, aber wir haben die Zeit", das war bisher der Leitspruch der Taliban, die immer sicher waren, allmählich wieder ganz Afghanistan zurückzuerobern. Doch ihr Siegeszug kam selbst für sie viel zu schnell:

Am Tag, als Kabul fiel, sollen die politischen Führer der Taliban die mittlerweile - gestürzte afghanische Regierung - über Vermittler gebeten haben, Polizei und Armee zumindest einige Zeit noch von der Flucht abzuhalten.

Doch als sich auch die Regierung absetzte, rückten die Taliban nach einigen Stunden doch in die Hauptstadt ein. "Ihr rascher Sieg kam für sie selbst mindestens genauso überraschend wie für jeden anderen auch", schildert ein hoher pakistanischer Offizier der Sunday Times. So rasch, dass es nun allem mangelt, was ein Staatswesen braucht: Von der politischen Führung über die Verwaltung, das Steuersystem bis hin zur Ordnung.

Angesichts des Chaos gelang es nicht einmal, eine Regierung zu präsentieren. Flügelkämpfe zwischen den einzelnen Taliban-Gruppen sollen ausgebrochen sein.

Offenbar ringen der geistige Führer der Taliban, Mullah Hibatullah Akhundzada, und der bisherige Taliban-Chefverhandler Mullah Baradar untereinander um Machtbereiche. Der Sohn von Taliban-Gründer Mullah Omar mischt bei diesem Machtkampf ebenso mit wie mehrere andere Militärführer.

Pakistan greift ein

Dieses Chaos besorgt das benachbarte Pakistan mittlerweile so sehr, dass am Sonntag der Geheimdienstchef des Landes in Kabul ankam. Pakistan hat beste Verbindungen zu den Taliban, gilt als einer ihrer Gönner, will aber eine völlige Implosion des Landes unbedingt vermeiden. Riesige Flüchtlingswellen werden befürchtet.

Mit Hilfe des pakistanischen Geheimdienschefs, General Faiz Hameed, soll also nun schnell eine Regierung in Kabul geformt und auch die Grundzüge für eine neue, afghanische Armee gelegt werden. Pakistan hat bereits angeboten, eine künftige afghanische Armee auszubilden. Viel zu viele bewaffnete, untereinander konkurrierende Gruppen seien im Land unterwegs, kritisiert die pakistanische Führung.

Der Generalstab der US-Armee, Mark Milley warnt bereits: Die Gefahr eines Bürgerkrieges in Afghanistan sei nicht mehr auszuschließen: "Ich weiß nicht, ob die Taliban in der Lage sein werden, ihre Machtstellung zu festigen und eine Regierung zu etablieren", sagte Milley dem Sender Fox News. "Meine militärische Einschätzung ist, dass sich die Lage wahrscheinlich zu einem Bürgerkrieg auswachsen wird." Eine solche Entwicklung könnte wiederum dazu führen, dass Terrorgruppen das Machtvakuum in Afghanistan für sich nutzen, warnte Milley.

Die größte Herausforderung für die Taliban wird es sein, die Wirtschaft des Landes nicht völlig zusammenbrechen zu lassen. Sämtliche Hilfsgelder von außen wurden gestoppt, Weltbank und Internationaler Währungsfonds haben ihre Kredite eingefroren.

Löhne wurden in vielen Bereichen ohnehin schon seit Wochen nicht mehr ausbezahlt, nun kam vorerst jedes Wirtschaftssystem zum Erliegen. Zudem haben Zigtausende gut ausgebildete Afghanen seit dem Sieg der Taliban das Land verlassen.

Die große Sorge aller Nachbarländer Afghanistans, aber auch Europas, ist: Kommt es innerhalb des Landes erneut zu Kämpfen und bringen die neuen Machthaber die Wirtschaft nicht zum Laufen, drohen erneut enorme Flüchtlingsströme.

Am Dienstag wollen die Außenminister der sieben größten Industrienationen G-7 deshalb darüber beraten, wie den Afghanen geholfen werden kann - noch ohne die Taliban offiziell anzuerkennen.

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