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Politik Ausland
01/27/2020

Junge jüdische Generation: "Niemand soll still bleiben"

Erinnerungskultur: Wie geht die junge jüdische Generation mit der Aufarbeitung und dem Gedenken an den Holocaust um?

von Sandra Lumetsberger

Sie werden älter, gebrechlicher und weniger: Die Überlebenden des Holocaust. 200 von ihnen sind am Montag zur Gedenkfeier ins Konzentrationslager nach Auschwitz-Birkenau gekommen, das sowjetische Soldaten am 27. Januar 1945 befreiten. Die Bilder, Reden der Politiker sind an solchen Tagen omnipräsent, meist begleitet von Dokumentationen.

Bei Greta Zelener löst das alles ein beklemmendes Gefühl aus, in ihrem Kopf fängt es an zu rattern: Hätte sie damals gelebt, wäre sie betroffen gewesen. Was hätte sie dann gemacht? Und warum waren andere zu solchen Taten fähig? Fragen, die sie an solchen Tagen beschäftigen, bis es ihr gelingt, sich wieder in die Gegenwart zu holen.

In dieser sitzt die 30-Jährige in einem Café in Berlin-Charlottenburg und erzählt von einer leicht aufschwappenden Angst, die sie ja eigentlich nicht haben muss. Doch der Holocaust wirkt nach - inwiefern, das hänge stark von der jeweiligen Familiengeschichte ab - ob man etwa zu jenen gehört, die als Teil der sowjetischen Armee mithelfen konnte, die Lager zu befreien oder ob man in einem interniert war. Diese Perspektiven prägen das Selbstbild und werden weitergegeben. Aus Gesprächen weiß sie, dass in vielen Familien geschwiegen wurde, zu groß war das Trauma. Es waren oft erst die Enkel, denen sich die Älteren öffneten.

Einsatz für Erinnerungskultur

Greta Zelener gehört zu einer jungen jüdischen Generation, die laut auftritt, gezielt Fragen stellt, sich für eine Erinnerungskultur einsetzt – im privaten Kreis oder forschend durch Filme und Bücher. Und darüber hinaus, aber auch erzählen will, was Jüdischsein heute bedeutet.

Jüdischsein entdecken

Dabei musste sie das erst einmal für sich lernen. Ihre Uroma, einst von Berlin in die Ukraine ausgewandert, flüchtete mit ihren Kindern nach Usbekistan, versteckte sich dort auf einem Bauernhof. Sie und zwei weitere Geschwister von insgesamt acht haben überlebt. Die anderen Geschwister oder Verwandte, ebenfalls in der Ukraine lebend, blieben dort und gingen davon aus, dass ihnen die Deutschen nichts tun würden - "sie sahen sich selbst als Deutsche, wurden dort kulturell geprägt", erzählt Zelener.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging ihre Uroma wieder zurück, legte aber alles Religiöse ab, was sie weitergab: jiddische Lieder oder Essen. "Abgesehen davon haben meine Eltern kaum was über das Judentum gewusst." Als sie 1996 von Odessa nach Berlin kamen, schickten sie ihre Tochter auf eine jüdische Schule und ließen ihr offen, ob sie religiös leben will oder nicht. "Ich bin dann oft nach Hause gekommen und habe ihnen erzählt, was wir gelernt haben, etwa über die Feiertage und was man an Bat Mizwa macht, wenn die Tochter mit 12 Jahren religiös volljährig ist. Ich habe ihnen so das Judentum zurückgebracht. Für meine Eltern war es wie ein Geschenk, das ein Stück ihrer Identität zurückkommt", erzählt sie und lacht, wobei Religion für sie heute keine Rolle spielt.

"Meet a Jew"

Sie schreibt gerade ihre Doktorarbeit über Jüdische Erwachsenenbildung, engagiert sich im interreligiösen Dialog und besucht Schulen ("Meet a Jew"). Dort versucht sie das Gemeinsame zu anderen Religionen herauszuarbeiten, die Vielfalt des Judentums, musste aber schon mal basale Aufklärungsarbeit leisten: Sie berichtet von Schülern, die ganz überrascht waren, dass sie keinen jüdischen, sondern einen deutschen Pass hat.

In puncto Erinnerungskultur werden in ihrer Generation auch strittige Debatten geführt. So gibt es Vertreter, die die Zuschreibungen und Zumutungen, die sie als Juden erfahren, ablehnen – wie Fragen nach dem Holocaust, Antisemitismus oder zum Nahostkonflikt.

"Aber, dann passiert so etwas wie in Halle"

Igor Matviyets, der in Halle Politikwissenschaften und Russistik studiert, kennt solche Fragen wie "Wo waren deine Großeltern im Zweiten Weltkrieg oder, wie du feierst nicht Weihnachten?" Er bekommt sie auf der Universität zu hören, beim Kennenlernen neuer Menschen oder bei Behörden. Dort, erzählt er, ist er für manche der erste Jude, dem sie bisher begegnet sind. "Solange dahinter Interesse und Neugier stecken, es nicht abwertend gemeint ist, habe ich damit kein Problem. Vielleicht lernen die Leute dabei, dass sie manches anders fragen können. So feiere ich zwar nicht Weihnachten, dennoch sind es auch für mich Feiertage."

So sehr diese Gespräche manche nerven, was er durchaus nachvollziehen kann, ist es für ihn klar, dass man oft nicht herum komme, Stellung zu beziehen. Zum Beispiel nach dem rechtsextremen Anschlag auf eine Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019. Der 28-Jährige ist selbst zwar nicht religiös, aber den Angriff empfand er als einen gegen sich selbst und trug am nächsten Tag eine Kippa. "Aus der Geschichte zeigt sich, dass es für die Feinde der Juden unerheblich ist, ob man Schweinefleisch isst, Polizist, Beamter oder bei der Bundeswehr ist, man bleibt, wenn es nachvollziehbar ist, Jude."

Was ihm der Gedenktag am 27. Jänner bedeutet? Es sei wichtig, dass es ihn gibt, gleichzeitig habe er das Gefühl, dass sich eine Ritualisierung einstellt: Es sind meist Reden gleicher Art, dazu spielt ein engagiertes Ensemble Musik - "alles schön und gut", sagt er – aber, "dann passiert so etwas wie in Halle und ich frage mich, was das Mahnen und Erinnern eigentlich bewirkt?"

Mehr Diversität statt Stereotype

Zudem kursieren nach wie vor Stereotype, die auch von Medien transportiert werden. Zuletzt ärgerte er sich über ein Geschichtsmagazin des Spiegel. Am Cover: Zwei Juden in traditioneller Kleidung aus den 1920ern mit dem Titel: "Jüdisches Leben in Deutschland. Die unbekannte Welt nebenan." Matviyets: "Abgesehen davon, dass es Klischees bedient, ist es nur eine von vielen Varianten des jüdischen Lebens", sagt er. "Das aufgeklärte Judentum war schon immer Teil Deutschlands.“ Und wie damals gibt es auch heute viele säkular lebende Juden, die unter nicht-jüdischen Menschen leben, mit ihnen arbeiten – man sehe es den Menschen ja nicht an, dass sie jüdisch sind. In Halle, erzählt er, würde auch kaum jemand mit Kippa oder Talar herumgehen. Manche tragen sie vielleicht unter dem Hut. "Das hat nichts mit mangelnden Sicherheitsgefühl zu tun, es ist einfach so. Genauso wie jemand, der ein Kreuz unter seinem T-Shirt oder Hemd trägt und nicht außen vor der Jacke", sagt er.

Mehr Bildung an Schulen

Was Greta Zelener besonders besorgt: 37 Prozent stimmten in einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes infratest dimap der Aussage zu, Deutschland solle einen "Schlussstrich" unter die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ziehen. 2018 lag der Anteil dieser Befragten bei 26 Prozent, 2019 bei 33 Prozent. Vor allem Menschen mit niedrigerem Bildungsgrad waren dafür.

Mit Blick darauf sieht sie, dass noch viel Bedarf an den Schulen herrscht. Es braucht Kontakt mit Juden und Besuche in Museen, die interaktiver gestaltet werden sollen. Auch ist sie überzeugt, dass jeder etwas tun kann. "Niemand soll still bleiben. Es ist unser aller Aufgabe, egal wo, Diskriminierung und Antisemitismus zu thematisieren und im Extremfall einzugreifen." Sie beobachte, dass manches schnell in die Politik verlagert wird. Wobei: Natürlich müsse sie, wo es gebraucht wird, mit entsprechender Gesetzgebung reagieren. Antisemitische Straftaten müsse sie so ahnden, dass sie abschrecken und einem klar machen, das hat Konsequenzen.

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