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Politik Ausland
01/23/2020

Auschwitz entzweit Putin und Polen

Der russische Präsident gedenkt in Yad Vashem des Holocaust, Warschau bereitet das Sorgen.

von Jens Mattern

Wladimir Putin verbreite bewusst „Geschichtslügen“ erklärte Polens Staatspräsident Andrzej Duda am Dienstag im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Israels, Kan. Der Auftritt des russischen Staatspräsidenten in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem heute, Donnerstag, wird in Warschau gefürchtet.

Die Kanzlei des Präsidenten soll einen Krisenstab mit Historikern und anderen Experten gebildet haben, um sofort zu einem argumentativen Gegenschlag übergehen zu können. In Yad Vashem wird der Befreiung von Auschwitz-Birkenau gedacht – am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das Vernichtungslager im deutsch besetzten Polen. Bei diesen Feierlichkeiten wird Putin seine Anschuldigungen gegen Polen wohl weiter führen.

„Antisemitisches Schwein“

Ende Dezember behauptete der Russe, dass Polen eine Mitschuld am Beginn des Zweiten Weltkrieges habe und der damalige polnische Botschafter Josef Lipski in Berlin ein „antisemitisches Schwein“ gewesen sei. Zudem relativierte er den Hitler-Stalin-Pakt, das Abkommen zwischen NS-Deutschland und der Sowjetunion vom August 1939, Polen unter sich aufzuteilen.

Andrzej Duda sagte daraufhin seine Teilnahme in Jerusalem ab, da er selbst nicht sprechen durfte. Seit Putins international umstrittener Äußerung publizieren russische Medien weitere Anschuldigungen gegenüber Polen. Auch sollen demnächst russische Archive geöffnet werden, wie Putin ankündigte. Darunter werden kaum Dokumente sein, die die Rolle der Sowjetunion in einem kritischen Licht darstellen: „Wir werden denen den hässlichen Mund schließen, die die Geschichte verfälschen“, erklärte Putin vergangenen Samstag vor Veteranen.

In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem findet am Donnerstag das Welt-Holocaust-Forum statt, zu dem sich insgesamt mehr als 30 Staatsoberhäupter angesagt haben. Gäste sind neben Alexander Van der Bellen und seinem deutschen Kollegen Walter Steinmeier unter anderem der russische Präsident Wladimir Putin, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron und US-Vizepräsident Mike Pence.

Das Welt-Holocaust-Forum bildet den Auftakt für eine ganze Reihe von Veranstaltungen, die in den kommenden Tagen an die Befreiung von Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Jänner 1945 erinnern. Am Montag kommender Woche soll die zentrale Gedenkfeier in Auschwitz stattfinden, auch daran nehmen Steinmeier wie auch Van der Bellen teil.

Gemeint waren die Polen und deren Narrativ des Zweiten Weltkriegs: Dort sind neben den Verbrechen der Deutschen die der Sowjetunion im Kollektivgedächtnis lebendig – der Einmarsch der Roten Armee in Ostpolen, die tausenden polnischen Offiziere, die 1940 in Katyn und anderen Orten vom sowjetischen Geheimdienst erschossen wurden, die neue Unfreiheit im stalinistischen Nachkriegspolen.

Die russische Seite sieht sich als Retter Europas vor dem Faschismus, verweist auf die vielen Opfer im Kampf mit dem Dritten Reich, darunter die 600.000 Rotarmisten, die bei der Befreiung Polens von deutschen Okkupanten 1944 und 1945 gefallen seien.

 

Putin braucht Sympathie

Für konservative wie liberale Polen ist Putins Auftritt in Jerusalem der große Auftakt einer Geschichtsoffensive, deren Höhepunkt die Feierlichkeiten zum Kriegsende am 9. Mai in Moskau sein wird. Dabei ist in Yad Vashem weniger von Belang, dass die Rote Armee der polnischen Gesellschaft die Unfreiheit brachte, sondern dass sie den Juden in den deutsch besetzten Gebieten das Leben rettete.

Putins Auftritt könnte auch seinem Land, das seit der Ukraine-Krise mit Sanktionen und einem Ansehensverlust zu kämpfen hat, vor der internationalen Öffentlichkeit einen Sympathieschub geben.

Der Feind Polen kommt da wie gerufen. Das Land hat sich innerhalb Europas den Ruf eines autoritären Staates erworben. Und auch das liberale Amerika ist besorgt. Nancy Pelosi, die Vorsitzende der Demokraten, will sich mit dem oppositionellen Senatsmarschall Tomasz Grodzki vor ihrer Reise nach Jerusalem in Polen treffen, um sich über den Abbau des Rechtsstaat durch die Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ zu informieren.

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