Irans Vergeltungsschläge: Israel im neuen Kriegsmodus
von Markus Ponweiser aus Haifa
Kurz nach acht Uhr Samstagmorgens zerreißt der Sirenenalarm die Stille. Das auf- und abschwellende Heulen zieht vom Hafen hinauf auf den Karmel, hallt zwischen Wohnblöcken, Bürohäusern und steilen Treppen. Für einen Moment scheint die Stadt den Atem anzuhalten. Auf den Handys erscheint zeitgleich die Warnmeldung des Heimatschutzes: Angriff der USA und Israels auf den Iran. Raketenbeschuss möglich. In der Nähe von Schutzräumen bleiben.
Die Reaktion folgt einem eingeübten Muster. Türen fallen ins Schloss, Schritte beschleunigen sich. Niemand rennt, niemand schreit. Das Frühwarnsystem gibt mehrere Minuten Vorlauf – genug Zeit, um geordnet in Schutzräume zu gehen. Panik macht sich kaum breit. Die Bedrohung ist real, aber sie ist vorhersehbarer geworden.
Dabei ist die Frequenz der Alarme höher als noch im vergangenen Jahr. Während des 12-Tage-Kriegs im Juni heulten in den ersten 24 Stunden lediglich zwei Mal die Sirenen. Dieses Mal waren es zehn. Doch in Haifa scheint die Zerstörungskraft geringer – bislang wurden kaum Einschläge gemeldet, Explosionen sind selten zu hören.
Zwischen Sirenen und Entwarnung
In der unterirdischen Carmelit-Station sitzt Alex auf dem Boden des Bahnsteigs. Der 27-Jährige hat bei Alarm hier Zuflucht gefunden. Studierende scrollen durch soziale Medien, eine Mutter verteilt Wasserflaschen, zwei Männer plaudern über ihren letzten Urlaub. Die Stimmung ist erstaunlich gelassen. Vor einem Jahr war das anders: In den ersten Tagen des 12-Tage-Krieges starrten die Menschen auf ihre Bildschirme, verfolgten Eilmeldungen, rechneten mit dem Schlimmsten. Heute hat sich zwischen Sirenen und Entwarnung eine Routine eingestellt – mehr Alarme, weniger Angst.
Inzwischen ist es Sonntagmorgen. Die Carmelit hat ihren regulären Betrieb wieder aufgenommen. Trotz der Sirenen fährt die Bahn in die Station ein, Türen öffnen sich, Passagiere steigen aus und andere ein, als gehöre auch der Ausnahmezustand inzwischen zum Fahrplan.
„Nur vier Stunden Schlaf – das ist zu wenig“, sagt Alex und meint die Nacht, die erneut von Sirenen unterbrochen wurde. Trotz der häufigeren Alarme wirkt er ruhig. „Wenn es trotz der vielen Alarme keine Einschläge gibt, dann funktioniert das System.“
Iranische Raketen werden über Haifa abgefangen.
Vertrauen in die Abwehrsysteme
Dieses veränderte Gefühl speist sich nicht nur aus Gewöhnung, sondern auch aus Vertrauen in die Abwehrsysteme. Vor dem Hafen liegt die USS Gerald R. Ford, der größte Flugzeugträger der Welt, der in den Tagen zuvor in Haifa angelegt hat. Sie soll Israels mehrschichtige Luftabwehr ergänzen, ein zusätzliches Verteidigungsschild gegen mögliche iranische Raketen bilden.
Ganz ohne Opfer bleibt es dennoch nicht. In Tel Aviv wurde in der Nacht auf Sonntag eine Frau durch eine iranische Rakete getötet, bei einem Einschlag auf einen öffentlichen Schutzraum in der Nähe von Jerusalem kamen neun ums Leben. Die Gefahr existiert – aber sie wirkt kontrollierbarer als noch im vergangenen Jahr, als rund 30 Israelis im Verlauf der Gefechte ums Leben kamen.
Gegenüber der Carmelit-Station sitzt Levi, Universitätsprofessor aus Haifa, in einem Café. Vor ihm liegt die Abhandlung eines Doktoranden. Er unterstreicht Passagen, setzt Randnotizen, arbeitet konzentriert, während draußen das Leben seinen vorsichtigen Rhythmus fortsetzt.
Bei Sirenen bleibt er dennoch lieber in den eigenen vier Wänden. „Dann leere ich mir ein Glas Whiskey ein und hoffe auf das Beste. Ich fühle mich auch zu Hause sicher.“ Es sei keine Gleichgültigkeit, sagt er, sondern eine Form von innerer Ruhe, die er sich über Jahre angewöhnt habe. Den Angriff auf das iranische Regime befürwortet er. „Wir sind Zeugen eines fundamentalen Wandels im Nahen Osten.“
Entscheidend sei, dass mit dem Islamischen Regime der wichtigste Förderer von Hamas und Hisbollah wegfallen könnte. Er spricht analytisch, beinahe dozierend. Dann zeigt er Videos von Iranern und Iranerinnen, die den Tod von Ali Khamenei feiern – jubelnd, tanzend, Autokorsos bildend. Ein Zeichen für einen neuen Nahen Osten?
In Haifa jedenfalls dominiert keine Euphorie, sondern Wachsamkeit. Zwischen häufigeren Sirenen und geringerer Zerstörungskraft balanciert die Stadt ihren Alltag – müde, diszipliniert, erstaunlich gefasst.
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