Politik | Ausland
08.11.2017

Intersexualität: Betroffene in Österreich hoffen auf Anerkennung

In Deutschland fordern Verfassungsrichter künftig ein drittes Geschlecht im Geburtenregister. Wie sieht die Situation in Österreich aus?

Zumindest die Hoffnung ist da, dass Intersexuelle künftig nicht mehr als exotische Wesen betrachtet werden. "Doch fix ist das nicht", sagt die Psychologin Christina Raviola. "Die Anerkennung als eigenes Geschlecht könnte auch zu einem größeren Stigma führen." Raviola leitet die Familienberatungsstelle für Sexualstörungen.

Wichtig sei, dass Eltern und ihre intersexuellen Kinder von Anfang an intensiv betreut werden. "Da geht es um die Frage: Welche Identität soll gefördert werden? Welches Geschlecht wird konstruiert? Konkret: Bezeichnet man das Kind als ,sie’ oder ,er’? Welche Kleidung wird gewählt?" Durch bessere Untersuchungsmethoden wird heute oft schon während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt festgestellt, dass das Baby weder Bub noch Mädchen ist. "Die Eltern werden aufgeklärt und können sich an Experten wenden." Manchmal entstehen Probleme erst in späteren Differenzierungsphasen, weil Intersexualität viele Ursachen hat.

In Österreich kommen pro Jahr etwa 20 Babys ohne eindeutiges Geschlecht zur Welt. Eines dieser Kinder war Luan Pertl, heute 39 und Mitglied im Verein intergeschlechtlicher Menschen Österreich. Die Entscheidung in Deutschland bezeichnet Pertl als "wahnsinnig tollen Erfolg": "Das war ein langer Kampf. Wir hoffen, dass es auch bei uns bald eine Änderung geben wird." Vor einem Jahr lehnte das oberösterreichische Verwaltungsgericht die Forderung nach einem dritten Geschlecht ab. Ein schwerer Schlag für die Betroffenen. "Juristisch gesehen gibt es intergeschlechtliche Menschen in Österreich nicht. Aber uns gibt es! Wir wollen dieselben Menschenrechte wie alle anderen. Dazu zählt ein eigener Personenstand."

Die Ausgrenzung habe psychologische Folgen: "Bei jedem Formular müssen wir uns für etwas entscheiden, das wir nicht sind. Oft kommt es zu Konflikten mit der Außenwelt, weil wir uns einem Geschlecht zuordnen müssen, aber nicht dem gängigen Bild entsprechen." Wegen medizinischer Eingriffe in der frühen Kindheit seien viele traumatisiert – intersexuelle Babys werden meist einer geschlechtsanpassenden Operation unterzogen. "Medizinisch sind diese Eingriffe nicht notwendig", sagt Pertl. Aber: "Solange es keine dritte Option gibt, werden sie durchgeführt werden."