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Politik Ausland
08/30/2021

Ab heute geht's im Schneckentempo durch Paris

Ab Montag gilt in der französischen Hauptstadt Tempo 30. Ein Schritt im Kampf gegen die Blechlawine – Autofahrer sind erzürnt.

Aus Paris, Simone Weiler

Wer es vermeiden kann, mit dem Auto nach Paris zu fahren, der sollte das tun: Das ist der Sukkus der neuen Verkehrspolitik, mit der ein Umdenken bei den Menschen erzeugt werden soll.

Luftverschmutzung reduzieren

Auf eine Maut verzichtet Bürgermeisterin Anne Hidalgo zwar, doch sie greift zu mehr und mehr Maßnahmen, die den Autoverkehr, die damit verbundene Luftverschmutzung und Lärmbelästigung reduzieren sollen.

Ab heute tritt etwa eine neue Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h auf den meisten Straßen der Hauptstadt in Kraft. Ausnahmen sind die Ringautobahn „Périphérique“, auf der 70 km/h die Regel bleiben, sowie einige viel befahrene Straßen wie zwei Streckenabschnitte an den Ufern der Seine oder die Champs-Élysées. Letztere Straße wird aber an einem Sonntag im Monat komplett für den Verkehr gesperrt.

Energische Klimapolitik

Auch das ist eine der Maßnahmen von Hidalgo, die aus dem Kampf gegen das hohe Auto-Aufkommen und für eine energische Klima- und Umweltpolitik ihre Politik-Prioritäten gezimmert hat. So ließ sie unter anderem die unteren Seine-Ufer für den Verkehr sperren und begrünen, die Radwege massiv ausbauen, und sie plant ein Verbot des Durchgangsverkehrs im Zentrum von Paris.

Längst Schneckentempo

Ein Tempolimit von 30 km/h galt bereits auf 60 Prozent der Straßen. Tatsächlich liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit zumindest zwischen 7 und 21 Uhr insgesamt deutlich darunter: Laut der Beobachtungsstelle für Fortbewegung in Paris sinkt die Durchschnittsgeschwindigkeit seit Jahren und lag 2019 bei 11,6 km/h. Wer zu den Stoßzeiten unterwegs ist, erlebt an Ampeln oder Kreisverkehren aberwitzige Knoten von Fahrzeugen, die einander gegenseitig blockieren.

Sicherer für die Schwächsten

„Es geht darum den Platz für das Auto zu verringern, was über die Senkung der Geschwindigkeit läuft“, sagt David Belliard, grüner Verkehrsstadtrat: „Wir machen Paris sicherer für die Schwächsten: Fußgänger, Radfahrer, Kinder und Senioren.“ Die Gefahr, bei einem Autounfall zu sterben, verringere sich um das Neunfache. Auch werde der Verkehr flüssiger, wenn sich die Beschleunigungs- und Bremseffekte verringern.

 

„Unsinnig, gefährlich“

In einer Online-Umfrage hatte sich eine Mehrheit der Bewohner der französischen Hauptstadt für das Limit ausgesprochen. Dagegen reagiert die Vereinigung „40 Millionen Autofahrer“ erzürnt auf die Maßnahme, die sie „unsinnig, unverständlich und gefährlich“ nennt: Schließlich stecke man sich allein in seinem Auto im Gegensatz zu den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mit Corona an. Auch gebe es in Paris ohnehin nur wenige Unfälle, argumentiert der Generalsekretär der Vereinigung, Pierre Chasseray: „Der Anstieg der Unfälle in den vergangenen Monaten ist in erster Linie der erhöhten Zahl der Radfahrer geschuldet, die auf ,Corona-Radwegen’ fahren, die während des Lockdowns schnell-schnell aufgemalt wurden.“

Unterstützung kam hingegen von Jean Todt, dem ehemaligen Formel-1-Teamchef, heute Präsident des Welt-Automobilverbands FIA. Er habe in seiner Karriere zu viele Freunde, Kollegen und Ikonen des Automobilsports sterben sehen, schrieb er in der Zeitung Le Monde: „Ein Tempolimit von 30 km/h ist in stark bewohnten Gebieten eine der effizientesten Maßnahmen, um die Sterblichkeitsrate auf der Straße zu verringern.“

 

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