Die Polizei durchsuchte Nawalnys Büro in Moskau

© APA - Austria Presse Agentur

Politik Ausland
08/26/2020

Im Labor entwickelt: Nawalny wohl mit "Nowitschok" vergiftet

Nowitschok führt zu einer Dauererregung mit Kontraktion aller Muskeln und anschließenden Lähmungen.

Bei den Nachforschungen zum Fall Alexej Nawalny untersuchen Experten einen Giftanschlag in Bulgarien. Dieser zeigt auffallende Ähnlichkeiten zum Fall des russischen Oppositionellen. Das ergaben gemeinsame Recherchen des Spiegel und der Investigativplattform Bellingcat, wie es in einem am Mittwoch veröffentlichten Online-Bericht heißt.

Nawalny wurde laut einem Befund der Berliner Charité vergiftet. Ähnlich erging es im April 2015 dem bulgarischen Waffenhersteller Emilian Gebrew. Er hatte sich über ein plötzlich juckendes Auge gewundert - und war später kollabiert und ins Koma gefallen. Auch seinem Sohn und einem seiner Manager ging es plötzlich schlecht. Ärzte stellten eine Vergiftung fest, die verwendete Substanz konnten sie nicht ermitteln. Gebrew überlebte den Anschlag nur knapp, die Verantwortlichen blieben zunächst im Dunkeln.

Organophosphat

Drei Jahre später brachen im britischen Salisbury der russische Ex-Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter in einem Park bewusstlos zusammen. In diesem Fall gelang es den Ermittlern, die genaue Substanz zu ermitteln: Die beiden waren mit dem extrem gefährlichen chemischen Kampfmittels "Nowitschok" vergiftet worden, einem sogenannten Organophosphat.

Ermittler und investigative Journalisten hätten die mutmaßlichen Täter enttarnen können, schreibt Spiegel-Online. Es habe sich um Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU gehandelt, "deren Spuren nach Salisbury sie fast lückenlos nachvollziehen konnten". Skripal und seine ebenfalls erkrankte Tochter überlebten den Mordversuch.

Nach Spiegel- und Bellingcat-Informationen gehen die Spezialisten inzwischen davon aus, dass Nawalny einer Substanz dieser Familie der Organophosphate ausgesetzt war. Dazu gehören Insektizide wie E605 - aber auch Nervengifte wie Sarin und das noch potentere, in russischen Labors entwickelte "Nowitschok". Die klassische Behandlung ist die Gabe von Atropin, wie von der Charité beschrieben.

Opfer sterben durch Hemmung der Atmung

Die Charité hatte nach ersten Untersuchungen von einer Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer gesprochen, die bei Nawalny gefunden wurden. Das in Lebensmitteln vorkommende Cholin ist eine Ausgangssubstanz für Acetylcholin, das für die Übertragung von Nervenimpulsen notwendig ist. Es muss aber für ein Funktionieren der Körperfunktionen durch ein Enzym auch wieder abgebaut werden, die Acetylcholinesterase.

Nowitschok zählt zur Gruppe der Acetylcholinesterase-Hemmer. Die Hemmung dieses Prozesses führt zu einer Dauererregung mit Kontraktion aller Muskeln und anschließenden Lähmungen. Die Opfer sterben durch die Hemmung der Atmung und des Herzmuskels. Typische Symptome sind Schaum vor dem Mund, starke Sekretbildung, Erbrechen und allgemeiner Verlust aller Muskelfunktionen.

Eine Vergiftung durch ein Organophosphat passt auch zu den ersten Nachrichten aus Omsk. Dort hieß es zunächst, die Substanz, der Nawalny ausgesetzt gewesen sei, gefährde auch andere, die Mediziner müssten Schutzkleidung tragen. Zudem wurde ihm auch dort offenbar sofort Atropin verabreicht. Die abschließende Diagnose der Omsker Ärzte nannte dann allerdings eine "Stoffwechselstörung" als Auslöser für Nawalnys ernsten Zustand. Viele Beobachter halten diese Erklärung für zweifelhaft.

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